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USA:Millionen Menschen in Texas sind ohne Strom und Wasser

Texanerin Natalie Harrell hält sich mit ihrer Tochter in einem Möbelhaus auf, das der Besitzer als Unterschlupf für die Bürger ohne Strom geöffnet hat.

(Foto: David J. Phillip/AP)

Ein heftiger Wintereinbruch stürzt den Ölstaat in eine Krise. Eine Ursache ist der eigenwillige Energiekurs des konservativen Bundesstaates.

Von Alan Cassidy, Washington

Wer kann, flüchtet in ein Hotel, das einen eigenen Generator hat, oder schläft im Auto, bei laufendem Motor. Andere behelfen sich in ihrer Verzweiflung damit, dass sie ihre Gasöfen bei offener Türe brennen lassen, oder sie zünden in ihrer Wohnung ein Feuer an. "Ich weiß, was eine Kohlenmonoxid-Vergiftung ist", sagte eine Mutter aus der Stadt Austin dem Wall Street Journal, "aber was soll ich denn sonst tun? Ich habe ein Baby zuhause."

Ein für diese Gegend extremer Wintereinbruch hat Anfang der Woche Schnee, Eis und Temperaturen von bis zu minus 18 Grad nach Texas gebracht - und den zweitgrößten Bundesstaat der USA in eine Krise gestürzt. Mehr als zwei Millionen von Menschen waren am Donnerstagmorgen immer noch ohne Strom, nachdem das Stromnetz vielerorts schon vor Tagen zusammengebrochen war. Andernorts mussten die Netzbetreiber rollende Stromausfälle veranlassen, um einen Totalkollaps zu verhindern.

Besonders im Süden von Texas gab es auch Probleme mit der Wasserversorgung. In der Metropole Houston hatten viele Einwohner gar kein fließendes Wasser mehr; sieben Millionen Texaner müssen ihr Wasser abkochen, weil es durch einen Druckabfall in den Leitungen möglicherweise verunreinigt wurde. Mindestens 21 Menschen sind infolge des Wintereinbruchs gestorben. Die Bundesregierung in Washington hat Notgeneratoren und Hilfsgüter entsandt.

Das Desaster rührt an das Selbstverständnis des Energiestaats Texas, des größten Öl- und Gasproduzenten der USA, und es hat einen Streit über die Ursachen ausgelöst. Der republikanische Gouverneur Greg Abbott äußerte sich erstmals am Dienstag bei einem lokalen TV-Sender zu der Krise. Dort sagte er, dass alle Formen der Energieproduktion von der Kälte betroffen seien - Gas, Kohle, Atomkraft, Wind und Solarenergie. Und er nannte explizit das Gas, das in den Pipelines gefroren sei, weshalb es nicht transportiert werden konnte.

Konservative geben den Windrädern die Schuld

Nur wenige Stunden später klang Abbott allerdings ganz anders. Bei einem Auftritt beim rechten Sender Fox News legte sich der Gouverneur auf eine einzige Fehlerquelle fest: Es seien die erneuerbaren Energien, die versagt hätten. "Das beweist, dass fossile Brennstoffe nötig sind, damit wir unsere Häuser im Winter heizen und im Sommer kühlen können." Und es beweise auch, dass der von den Demokraten geforderte Green New Deal, der einen Ausbau der erneuerbaren Energien vorsieht, "ein tödlicher Deal" sei - ganz so, als regierten in Texas nicht seit Jahrzehnten die Republikaner.

Andere konservative Politiker und Kommentatoren geben die Schuld direkt den Windrädern, die mancherorts eingefroren waren. "Diese hässlichen Windräder sind der Hauptgrund, warum wir Blackouts haben", sagte der Landwirtschaftsminister von Texas, Sid Miller.

Für diese Darstellung gab es seither viel Kritik. Nach Angaben des Netzbetreibers Electric Reliability Council of Texas (Ercot) macht die Windkraft im Winter nur sieben Prozent der Stromkapazität des Bundesstaates aus. 80 Prozent stammen dagegen aus Gas-, Kohle- und Atomkraftwerken. Auf diese Energieträger entfielen laut Ercot fast zwei Drittel der Ausfälle, weil auch diese von der arktischen Kälte direkt betroffen sind: Pipelines, Pumpen und Bohrtürme sind eingefroren, ein Atomkraftwerk musste den Betrieb kältebedingt herunterfahren.

Texas will unabhängig sein, das rächt sich nun

Zu der eingebrochenen Produktion kam eine massiv gestiegene Nachfrage nach Strom. Millionen von Texanern schlossen in ihren oft schlecht isolierten Häusern elektrische Heizungen an, was zur Überlastung des Stromnetzes beitrug.

Viele Experten sehen die Ursache für die Krise nicht bei einzelnen Energieträgern, sondern bei den fehlenden Investitionen in das texanische Stromnetz. Dieses ist nicht an die Verbindungsnetze der anderen Bundesstaaten östlich und westlich der Rocky Mountains angeschlossen. Texas wollte sich so eine möglichst große energiepolitische Unabhängigkeit bewahren und eine Regulierung durch die Bundesregierung vermeiden. Dafür kann der Bundesstaat im Notfall aber auch keinen Strom der Nachbarn anzapfen.

Bereits 2011 legte ein Wintereinbruch Teile des texanischen Stromnetzes lahm. Schon damals mussten drei Millionen Menschen mehrere Tage lang ohne Strom ausharren. Experten der Bundesregierung empfahlen dem Gliedstaat anschließend, seine Produktionsanlagen winterfest zu machen: Pipelines sollten beheizt, zusätzliche Energiespeicher gebaut werden. Umgesetzt wurden diese Empfehlungen allerdings nicht.

© SZ/nien
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