SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 3 Ein Leben im Dickicht der Behörden

Flüchtlings- und Migrationspolitik SZ-Serie "Schaffen wir das?"

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist nur eine von vielen staatlichen Stellen, mit denen Asylbewerber und -empfänger in Deutschland zu tun haben.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Mithilfe von Ehrenamtlichen versuchen Flüchtlinge, sich in der deutschen Bürokratie zurechtzufinden. Die aber tut sich mitunter schwer. Die Geschichte des syrischen Flüchtlings Azad, den das Landratsamt zur Botschaft des Regimes schickte.

Von Jan Bielicki

Dem grünen Zettel, Format Din A4, ist anzusehen, dass er durch viele Hände gegangen ist, so gefaltet und geknittert ist er. Er dokumentiert die erste Begegnung zwischen Azad und der deutschen Bürokratie. Azad erinnert sich nur noch schemenhaft daran.

"Sehr, sehr müde" war er, als er an jenem Tag im Herbst 2015 über die deutsche Grenze kam und in die Aufnahmestelle im niederbayerischen Deggendorf gefahren wurde. Er musste seine Finger auf den Scanner legen, der seine Abdrücke nahm, er nannte seinen Namen, dann blitzte die Kamera, das Foto, das rechts oben auf dem grünen Zettel klebt, zeigt einen jungen Mann mit erschrocken aufgerissenen Augen und schütterem Fusselbart.

Integration in Deutschland

Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Auf dem Zettel steht sein Name - nicht Azad, sondern sein richtiger. In der Zeitung möchte er aus Furcht um seine Angehörigen lieber nur mit einem Vornamen genannt werden und den hat er bewusst gewählt: Azad heißt auf Deutsch frei. Es steht da der Tag seiner Geburt im Jahr 1995, und dass er aus Syrien kommt. Das hat er so angegeben, das reichte für den grünen Zettel, der im Amtsdeutsch "Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender", kurz: Büma, heißt.

Einen Pass, um seine Angaben zu unterfüttern, hatte er nicht. Und so belegt das teils in schlampiger Handschrift ausgefüllte Dokument Schwächen und Stärken der deutschen Verwaltung in ihrer Begegnung mit den Hunderttausenden, die im Flüchtlingsherbst 2015 ins Land kamen: Natürlich waren die Behörden nicht vorbereitet. Aber sie haben so flexibel improvisiert, dass irgendwie jeder Essen und ein Bett bekam. Und eine Akte.

Drei Jahre später ist die Zettelwirtschaft vorüber, die Büma für Neuankömmlinge bundesweit durch einen deutlich fälschungssicherer anmutenden "Ankunftsnachweis" ersetzt. Azads grüner Zettel ist inzwischen in einem Ordner abgeheftet. Das hat Azad schon aus den Chatgruppen syrischer Flüchtlinge gelernt: "Vom ersten Geld in Deutschland musst du dir einen Aktenordner kaufen."

Flüchtlings- und Migrationspolitik "Schneller und aus einer Hand"
SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 3

"Schneller und aus einer Hand"

Eine Ausländerbehörde, die Mitarbeiter, Geflüchtete und Helfer zufriedenstellt: Über den Versuch der Stadt Krefeld berichtet Dezernent Markus Schön.   Interview von Jana Anzlinger

Zwei gut gefüllte Ordner hat der junge Mann mit dem nunmehr sorgfältig gepflegten Vollbart mitgebracht zum Treffen am Wohnzimmertisch der Familie, die sich in einer Münchner Umlandgemeinde um ihn und andere Flüchtlinge kümmert. Rosafarbene Einmerker trennen die Dokumentenstapel: Asylbundesamt, Landratsamt, Jobcenter et cetera.

Die Briefe und Bescheide begleiten den bisweilen gewundenen Weg eines Flüchtlings durch die Behörden. Azads Fall ist kein allzu schwieriger, es hat vieles ganz gut geklappt. Eines der jüngsten Dokumente im Ordner ist das Zeugnis der Berufsschule, die der Azubi seit einem Jahr besucht. Aber es gab und gibt auch Hindernisse.