SZ-Serie "Schaffen wir das?, Folge 2:Wo sie geblieben sind

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SZ-Serie "Schaffen wir das?, Folge 2: undefined
(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Hunderttausende anerkannte Flüchtlinge dürften eigentlich längst ihre Heime verlassen. Doch sie müssen bleiben - weil sie keine Wohnung finden.

Von Benedikt Peters

Die Stadt Ludwigshafen hat gezeigt, wie man es nicht machen sollte. 2015 zwang sie 33 Menschen, ihre Wohnungen im Brennpunkt-Stadtteil Mundenheim zu verlassen. Sie lebten dort in heruntergekommenen Sozialbauten, weil sie nichts Besseres fanden. Die Gebäude an der Flurstraße wurden abgerissen, dann zog die Stadt bunte Häuser für Asylsuchende hoch. Boulevard- und fremdenfeindliche Internetmedien prangerten das an, es gab Proteste, und Rechtsradikale versprachen, sich für die vertriebenen Bewohner einzusetzen.

Wohnen gilt als die soziale Frage der Gegenwart, zusammen mit der Integration der anerkannten Flüchtlinge verdichtet es sich zu einer gewaltigen Aufgabe. Rechtspopulisten behaupten gern, Migranten nähmen finanzschwachen Einheimischen die Wohnungen weg, und führen Fälle wie den aus Ludwigshafen an.

Integration in Deutschland

Dieser Text ist Teil der SZ-Integrationsserie "Schaffen wir das?". Alle Folgen der Serie finden Sie hier.

Mit der Realität allerdings hat das wenig zu tun. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt begann sich für Geringverdiener bereits zu verschärfen, nachdem in den Nullerjahren Länder und Kommunen viele ihrer Sozialwohnungen verkauft hatten. Nach Jahren des Rückgangs begann die Zahl der Wohnungslosen von 2009 an wieder zu steigen. "Der Glaube, der Markt werde es schon richten, war sehr weit verbreitet", sagt Wera Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW). "Aber das hat sich als falsch herausgestellt." Die Ankunft der Flüchtlinge habe die Not zwar verschärft, sagt Rosenke. "Aber sie war nicht ihr Auslöser."

Viele Sozialwohnungen fallen in den nächsten Jahren weg und verschärfen die Lage weiter

Von der Wohnungsnot sind inzwischen viele betroffen: Alleinerziehende, Geringverdiener, Arbeitslose, Rentner, Studenten. In Großstädten reichen die Probleme bis weit in die Mittelschicht. Weil in den nächsten Jahren noch zahlreiche weitere Sozialwohnungen aus der Bindung fallen, werde sich die Lage weiter verschärfen, prognostiziert Rosenke. Als "Fehlbeleger" leben schon jetzt zahlreiche Flüchtlinge, die eigentlich in eine eigene Wohnung ziehen dürften, weiter in Gemeinschaftsunterkünften. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, die BAGW schätzt sie auf etwa 440 000, legt dafür aber eine Erhebung von 2016 zugrunde. Wohnungslos ist nicht gleich obdachlos - sondern meint Menschen, die vergeblich eine Wohnung suchen und etwa bei Freunden oder in Sammeleinrichtungen leben.

Welche Chance Flüchtlinge auf eine Wohnung haben, hängt auch davon ab, in welchem Bundesland sie leben. Jene, die noch im Asylverfahren sind, werden von den Ländern und Kommunen unterschiedlich untergebracht - mal kommen sie nach der Erstaufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft (GU), mal in eine Wohnung. Es ist der "Königsteiner Schlüssel", nach dem die Asylbewerber verteilt werden. Mit etwa 340 000 kamen die meisten Asylsuchenden seit 2015 nach Nordrhein-Westfalen. Es folgen Bayern (187 000) und Baden-Württemberg (173 000).

Wer unters Asylbewerberleistungsgesetz fällt - Asylsuchende, Geduldete und Ausreisepflichtige - hat in Hamburg die beste Chance auf eine Wohnung. Dem Statistischen Bundesamt zufolge müssen dort derzeit nur knapp 900 dieser Frauen und Männer mit einer GU vorliebnehmen, während rund 6700, also gut 90 Prozent, in Wohnungen untergebracht sind. Ähnlich ist es in Schleswig-Holstein. Deutlich schlechter hingegen sind die Chancen in Baden-Württemberg, Brandenburg oder Sachsen, wo nur etwa jeder dritte Asylsuchende und Geduldete in einer eigenen Wohnung lebt. Zahlen zu anerkannten Flüchtlingen hat das Statistische Bundesamt nicht, klar ist aber: Sie haben es auf dem Markt sehr schwer.

  • Merkel hat vor drei Jahren gesagt: "Wir schaffen das!" Was ist aus den Flüchtlingen geworden, die seit 2015 geblieben sind? In der Serie "Schaffen wir das?" gibt die SZ jede Woche Antworten.

Turnhallen oder leer stehende Baumärkte, in denen Tausende der neu Angekommenen einquartiert wurden, haben weitgehend ausgedient. Eine SZ-Umfrage bei den zuständigen Landesministerien ergab, dass nur noch in zwei Ländern Notunterkünfte betrieben werden. In Berlin sind so noch gut 1000 Menschen untergebracht, in NRW 130. Beide Länder wollen sie schließen oder in vollwertige GUs umwandeln.

Auch wenn der Zuzug der Flüchtlinge die Lage auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt in Ballungsgebieten erst mal verschärft hat: Es gibt auch gute Nachrichten. So betont der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, dass die Zuwanderung den Druck auf den Staat verstärkt, mehr in den vernachlässigten sozialen Wohnungsbau zu investieren. Und während es rund um Asylheime immer wieder Ärger gibt, etwa wegen Lärms, ist das Miteinander zwischen Flüchtlingen und Einheimischen in "normalen" Mietanlagen meist unspektakulär. Die einen Nachbarn fremdeln, die anderen mögen sich, wie überall. Daneben gibt es Projekte, die wie Leuchttürme herausragen. In München etwa haben Flüchtlinge und Helfer drei eigentlich zum Abriss vorgesehene Häuser zum Wohnprojekt, Café und Kulturzentrum hergerichtet. Und in Ludwigshafen hat sich die Lage beruhigt. Einige der früheren Bewohner an der Flurstraße fanden in Unterkünften in der Nähe eine Bleibe, andere auf dem Wohnungsmarkt. Im Stadtteil Mundenheim gibt es nun ein "Haus der Begegnung" und Vereine, die sich ums Zusammenleben kümmern.

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