SPD-Politikerin Manuela Schwesig:In Vorpommern wählt teilweise jeder Dritte AfD

Erwin Sellering, mittlerweile Ende 60, hatte es als drahtiger Westfale trotz aller Widerstände vom Wessi-Juristen zum Ossi-Landesvater geschafft. Inzwischen ist er wieder Abgeordneter im Landtag gegenüber vom Regierungshaus, es geht ihm besser. Die Nachfolgerin Schwesig dagegen ist eine blonde und vergleichsweise junge Frau, die 1974 in der DDR zur Welt kam, ihre Karriere als Diplom-Finanzwirtin im Schweriner Finanzamt begann und als gestandene Ministerin zurückkehrte. "Küstenbarbie", spottete einst ihr aktueller Stellvertreter und Innenminister Lorenz Caffier, 63, von der CDU. "Man sieht sich immer zweimal", sagt Manuela Schwesig vergnügt, "er ist jetzt mein Minister."

Sie ist nun eine Art Landesmutter der Bundeskanzlerin: Angela Merkels Wahlkreis um Stralsund liegt in ihrem Beritt. Sie sieht sich als Vertreterin jener Wendegeneration, deren Eltern den Umbruch besonders zu spüren bekamen. Der Betrieb ihres Vaters, eines Schlossers, ging über Nacht pleite. Andere zogen in den Westen um. "Wir waren gezwungen, ganz schnell auf eigenen Füßen zu stehen", sagt sie. Auch deshalb sei diese Wendegeneration "sehr klar und zielstrebig und fackelt nicht so lange".

Umso weniger versteht sie, weshalb in Merkels Groko kein einziges Ministerium für einen Mann oder eine Frau aus dem Osten oder wenigstens mit Osterfahrung vorgesehen ist. Bayern oder Saarländer sind reichlich vertreten. "Mir geht's nicht darum, den Jammerossi zu geben", sagt sie. "Mir geht's darum, selbstbewusst die Lebenserfahrung und das Wissen um diese Region einzubringen."

"Frau Ministerin", nennen sie manche Gäste noch

Nachdem sie am 4. Juli 2017 gewählt worden war, reiste sie am 5. Juli 2017 nach Vorpommern, gemeinsam mit dem zuständigen Staatssekretär Patrick Dahlemann, ihrem Ost-Beauftragten. In der Gegend wählt teilweise jeder Dritte AfD. Die Arbeitslosigkeit ist zwar deutlich gesunken, aber noch immer hoch, das Lohnniveau niedrig und der Staat oft fern. Viele Landstriche sind entvölkert, viele Wohnungen auf Rügen oder Usedom sind für Urlauber da und für Einheimische unbezahlbar. Das alles soll sich ändern, das Breitbandnetz vergrößert werden, der Bus notfalls auf Bestellung kommen.

Ein Abend im November 2017, Bürgerforum in Wismar im Westen von Mecklenburg-Vorpommern, zwei Tage nach dem Jamaika-Aus. Gastgeberin Schwesig trägt einen Hosenanzug und stellt sich den Fragen des Publikums. Es geht um Schulen, Straßen, Renten, Pflege - und auch um die Groko, die Schwesig in diesen Stunden noch ablehnt. "Ich war immer in Regierungsverantwortung, seit ich in der Politik bin", sagt die Ministerpräsidentin. Dann hört sie viel zu und antwortet, Mitarbeiter machen Notizen. "Frau Ministerin", nennen sie manche Gäste noch, doch Berlin ist in solchen Momenten weit weg.

Manuela Schwesig mag Twitter, Facebook, PR-Termine. Aber sie lernt in diesem Job wieder, dass sie selbst in abgelegenen Dörfern mit den Leuten am Biertisch sitzen muss, um anzukommen. "Sie müssen die Menschen auch emotional mitnehmen, das hat die AfD gezeigt, aus meiner Sicht natürlich im negativen Sinne", sagt sie in ihrem schönen Schweriner Büro. "Die Kümmerer-Kompetenz ist das A und O. Die Menschen müssen das Gefühl haben: Die haben uns im Blick." Dann fährt sie im Dienstwagen wieder nach Berlin.

© SZ vom 03.03.2018/dit
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