Manuela Schwesig Der richtige Job zur falschen Zeit

Soll neue Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern werden: Manuela Schwesig.

(Foto: dpa)

Mecklenburg-Vorpommerns angehende Ministerpräsidentin Schwesig hatte schon lange durchblicken lassen, dass sie gerne den Chefposten will. Aber erst in ein paar Jahren.

Analyse von Constanze von Bullion

Lange gezögert hat sie nicht. Und auch wenn die Botschaft eine erschütternde war, persönlich: Manuela Schwesig kommt jetzt wieder dort an, wo sie eines Tages sowieso hinwollte: zu Hause. Mit einem beschaulichen Dasein allerdings dürfte es auch diesmal nichts werden. Die Bundesfamilienministerin soll Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern werden und von ihrem politischen Weggefährten Erwin Sellering den SPD-Landesvorsitz übernehmen, weil er schwer an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist.

"Damit hat niemand gerechnet", sagte eine ernste und sichtlich angespannte Manuela Schwesig am Dienstag nach einer Fraktionssitzung der Landes-SPD in Schwerin. Erwin Sellering, dem sie "in vielen Jahren eng verbunden" gewesen sei, habe ihr vor einigen Tagen mitgeteilt, dass er sich von allen Ämtern zurückziehen müsse und Schwesig als Nachfolgerin vorschlagen wolle. Alle seien "sehr schockiert" über die Diagnose, die überraschend gekommen sei, auch für ihn. "Selbstverständlich bin ich bereit, in dieser Situation Verantwortung für unser Land zu übernehmen", sagte Schwesig. "Die Bürgerinnen und Bürger können sich auf mich verlassen."

Der richtige Job zur falschen Zeit und unter höchst unerfreulichen Umständen - so könnte man aus Schwesigs Sicht den Sprung von Berlin nach Schwerin zusammenfassen. Die 43-Jährige, die sich als Bundesfamilienministerin den Ruf erworben hat, nie lockerzulassen in ihren Kämpfen um Chancengleichheit in Beruf und Familie, nie nachzugeben ohne Not und selbst über der Weihnachtgans im Restaurant noch ausdauernd über Lohngerechtigkeit zu referieren, war lange vorbereitet auf einen Stabwechsel in Schwerin - nur eben zu einem viel späteren Zeitpunkt.

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Der Aufstieg dürfte für Barley eine keineswegs nur erfreuliche Überraschung sein

2019 oder 2020 sollte Schwesig Erwin Sellering als Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern ablösen, nach dessen 70. Geburtstag. So hatten die beiden es vereinbart. Schwesig und Sellering kennen sich lange, fast seitdem 2003 Schwesigs Blitzaufstieg in der Nordost-SPD begann. Und nun? Der Generationswechsel bei Mecklenburg-Vorpommerns Sozialdemokraten kommt ganz anders als geplant. In der Folge begann auch in der Bundes-SPD am Dienstag ein Stühlerücken, bei dem zunächst noch keineswegs gewiss war, ob am Ende ein jeder einen Platz ergattern würde, der ihm auch zusagte.

Schwesig also wird Ministerpräsidentin und Mecklenburg-Vorpommerns neue SPD-Vorsitzende, so viel stand gleich fest. Als Nachfolgerin im Familienministerium ist SPD-Generalsekretärin Katarina Barley vorgesehen. Der Aufstieg zur Ministerin dürfte aus Barleys Sicht keineswegs eine nur erfreuliche Überraschung darstellen. Wenige Monate vor der Bundestagswahl kann eine Generalsekretärin wesentlich mehr bewegen und von sich reden machen als eine Familienministerin. Und im Fall einer neuerlichen Regierungsbeteiligung der SPD wäre Barley als Ministerin im Herbst ohnehin gesetzt gewesen. An Barleys Stelle soll nun Fraktionsvize Hubertus Heil treten und den Posten des Generalsekretärs versehen (siehe nebenstehenden Bericht), "kommisarisch", wie der SPD-Vorsitzende Martin Schulz betonte.

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Im Hause Schwesig zeigte man sich am Dienstag gerüttelt von den Ereignissen. Die Aussicht immerhin, dass Katarina Barley für die Zeit des Übergangs Familienministerin werden soll, fand hier Zustimmung. Ähnlich wie Schwesig verkörpert Barley den Typus der berufstätigen Frau und Mutter. Sie ist promovierte Juristin, geschieden, hat zwei heranwachsende Söhne. Im Familienministerium gilt sie als glaubwürdige Sachwalterin für Schwesigs Anliegen. Sie freue sich, dass Barley zur Verfügung stehe, sagte Schwesig in Schwerin. "Ich bin sicher, dass sie das sehr gut machen wird."

Schwesigs Themen gelten bei der SPD als Aktivposten im Wahlkampf

Das war es dann vorerst aber mit frohen Botschaften. Denn auch wenn der Wechsel für Manuela Schwesig einen Karrieresprung bedeutet, der ihr Gewicht als stellvertretende Parteivorsitzende der SPD vergrößert, zumal nach dem Ausscheiden von Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen - der Zeitpunkt der Rochade ist alles andere als optimal. Schwesig war in der SPD dafür vorgesehen, mit familienpolitischen Forderungen - und der Union im Visier - den Bundestagswahlkampf zu befeuern. Themen wie die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, der Frauenmangel in Chefetagen oder Sorgen Alleinerziehender gelten in der SPD inzwischen als Markenzeichen und Aktivposten im Wahlkampf.

Das war nicht immer so. Der Aufstieg Schwesigs war zunächst einmal ein Kampf gegen das Belächeltwerden. Zu blond, zu jung, nicht akademisch, nur Quotenfrau - so und so ähnlich lauteten die Kommentare, als Schwesig 2013 Bundesministerin wurde. Den Weg dorthin hatte die gebürtige Brandenburgerin im Eiltempo absolviert. Schwesig, in der DDR als Tochter einer Statistikerin und eines Schlossers in einer großen Familie aufgewachsen, hatte nach dem Wiedervereinigung an einer Fachhochschule studiert, wurde Diplom-Finanzwirtin und Steuerprüferin. Eigentlich konnte sie immer besser rechnen als reden, trat 2003, mit 29 Jahren, in die SPD ein. Entdeckt hat sie dort Landeschef Sellering, der sie zur Sozialministerin machte. 2009 holte sie dann SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier in sein Schattenkabinett.

Unterschätzt zu werden habe auch Vorteile, sagte Schwesig mal über sich selbst. Sie weiß, dass sie bisweilen unsicherer wirkt, als ihr lieb ist. Es sprach sich auch herum, dass hinter der femininen Fassade eine ehrgeizige, bisweilen jähzornige Person steckt. Die Kraft, die Schwesig vorantreibt, das ist die einer ostdeutschen Frau, die sich ins Frauen- und Familienbild der alten Bundesrepublik nicht schicken mochte. Drei Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes saß sie wieder am Schreibtisch. Und in dieser Haltung zu Arbeit und Familie fand sie in der Bundeskanzlerin eine stille Bundesgenossin. Ob Frauenquote im Aufsichtsrat, Alleinerziehendenzuschlag oder Lohngerechtigkeit - gab es Krach um ein Schwesig-Vorhaben, und den gab es regelmäßig, half bisweilen die Kanzlerin über die letzte Hürde. Manuela Schwesig wird jetzt allein zurechtkommen müssen. Sie wirkt nicht gerade besorgt darüber.

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