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Wettrüsten:Anzahl der einsatzbereiten Atomwaffen steigt

Atomwaffen werden weniger aber moderner

Eine "Topol-M"-Rakete im Jahr 2015 bei einer Probe für die Siegesparade in Moskau. Die Atommächte arbeiten nach der Verringerung der Anzahl von Atomsprengköpfen an der Entwicklung neuer Kernwaffensysteme.

(Foto: Sergei Ilnitsky/dpa)

Das Friedensforschungsinstitut Sipri warnt vor einer Trendwende. Zwar habe die Anzahl der Sprengköpfe weltweit abgenommen, aber die Atommächte modernisieren verbliebene Arsenale.

Das Friedensforschungsinstitut Sipri hat eine beunruhigende Tendenz bei der Entwicklung der Atomwaffen ausgemacht. Insgesamt gehe die Gesamtzahl der atomaren Sprengköpfe weiter zurück, stellte das Institut mit Sitz in Stockholm in seinem am Montag veröffentlichten Jahresbericht fest. Aktuell seien jedoch mehr Atomwaffen einsatzbereit als noch vor einem Jahr. Die Verringerung einsetzbarer Sprengköpfe scheine ins Stocken geraten zu sein. Zugleich liefen umfassende und teure Programme zur Modernisierung.

Demnach besaßen die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea zu Beginn dieses Jahres insgesamt 13 080 atomare Sprengköpfe. Das sind 320 weniger als Anfang 2020 und weniger als ein Fünftel von dem, was die Atommächte zur Hochzeit des Kalten Kriegs Mitte der 1980er Jahre in ihren Arsenalen hatten. Die USA und Russland verfügen nach Sipri-Einschätzung weiterhin über mehr als 90 Prozent dieser Waffen. Der Rückgang wird vor allem der Entsorgung ausrangierter Sprengköpfe durch Russland und die USA zugeschrieben. Die Verringerung war im bilateralen Abrüstungsabkommen "New Start" 2010 vereinbart worden. Kurz vor dessen Auslaufen am 5. Februar war es um fünf Jahre verlängert worden.

Als besorgniserregend stufen die Friedensforscher die Anzahl von Atomsprengköpfen ein, die bereits auf Raketen montiert wurden oder sich auf aktiven Stützpunkten befinden. Diese Atomwaffen gelten für Sipri als einsatzbereit. Ihre Zahl stieg im Vergleich zum Vorjahr von 3720 auf 3825. Geschätzt wird, dass etwa 2000 davon auf hoher Alarmstufe bereitgehalten werden. Fast alle seien im Besitz Russlands oder der USA. Bei diesen beiden Atommächten kamen im vergangenen Jahr jeweils rund 50 einsatzbereite Atomwaffen hinzu. Auch Großbritannien und Frankreich verfügen über einsetzbare Sprengköpfe.

Zwar sei die Verlängerung von "New Start" in letzter Minute eine Erleichterung gewesen, erklärt der Sipri-Atomwaffenforscher Hans M. Kristensen. Aber die Aussichten auf eine zusätzliche bilaterale nukleare Rüstungskontrolle zwischen den atomaren Supermächten blieben schlecht. Allein den Anstieg operativ einsetzbarer Sprengköpfe nennt Kristensen "ein besorgniserregendes Zeichen".

Atomwaffen spielen für die nationale Sicherheit Russlands und der USA laut Sipri eine offenbar zunehmend gewichtige Rolle. Es gebe laufende Programme zur Weiterentwicklung nuklearer Waffensysteme wie Atomsprengköpfe, Raketen- und Flugzeugträgersysteme sowie von Produktionsstätten. Die sieben anderen Atommächte verfügten zwar über deutlich kleinere Arsenale. Doch auch sie seien dabei, diese zu modernisieren oder aufzustocken.

Einer aktuellen Studie der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican) zufolge gaben die neun Nuklearwaffenstaaten im vergangenen Jahr 72,6 Milliarden US-Dollar (umgerechnet rund 60 Milliarden Euro) für den Ausbau ihrer Arsenale aus. Inflationsbereinigt waren das 1,4 Milliarden Dollar mehr als 2019. Friedensnobelpreisträgerin Ican hatte das im Juli 2017 beschlossene UN-Abkommen zum Verbot atomarer Waffen begleitet. Im Januar trat es in Kraft. Die Atommächte sowie die Mitglieder des Nato-Militärbündnisses, zu dem die USA, Großbritannien und Frankreich ebenfalls gehören, lehnen die Vereinbarung bislang ab.

© SZ/dpa/epd/ghe
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