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Sachsen: "Unsere Vision war: Wir kommen - die Nazis gehen"

Seit Herbst 2017 hat das Fabmobil 25 000 Kilometer zurückgelegt und fast 200 Orte besucht. Hier steht es in Görlitz.

(Foto: Jakub Purej)
  • Die rollende Designwerkstatt "Fabmobil" will die Perspektivlosigkeit der Jugend in der sächsischen Provinz bekämpfen.
  • Vor allem Schulen und soziokulturelle Zentren sind Anlaufstellen des mobilen Jugendzentrums.
  • "Im Bus herrschen unsere Regeln. Kein Rassismus, kein Sexismus, keine Homophobie", sagt Sebastian Piatza, einer der Gründer.

DJ Bobo war nie in Annaberg-Buchholz - dafür sein alter Tourbus. Der schwarze Nightliner mit den getönten Scheiben steht Anfang Juli im Westen der Stadt mit knapp 19 800 Einwohnern. Im Inneren schichtet ein 3-D-Drucker surrend pinke Farbe aufeinander. Ein Mädchen mit Regenbogensocken schaut dem Lasercutter zu, wie er filigrane Figuren in Holzplatten schneidet, die sie am Computer entworfen hat. Es riecht verbrannt.

Zehn Jahre lang fuhren Touristen mit dem Doppelstockbus in den Urlaub. Dann brachte er zehn Jahre Musiker zum nächsten Konzert. Jetzt ist der Bus eine rollende Designwerkstatt für Kinder und Jugendliche in Boxberg, Poberschau, Großpostwitz - oder Annaberg-Buchholz im Erzgebirge.

Sie sind Kleinstädte und Gemeinden fernab der großen Politik und doch entscheidend für die Zukunft Sachsens. Während Dresden und Leipzig boomen, vergreist und verwaist der ländliche Raum. In manchen Teilen des Erzgebirges liegt der Altersschnitt bei 50 Jahren. Wissenschaftler empfahlen gar, einige Regionen aufzugeben. Das Gefühl der Perspektivlosigkeit nutzt auch den Rechtspopulisten der AfD. Zur Europawahl Ende Mai wurde die Partei in Annaberg-Buchholz stärkste Kraft. Jetzt, wenige Wochen vor der Landtagswahl, tingeln Politiker aller Parteien durch die Provinz. Sie kämpfen um Wähler.

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Christian Zöllner und Sebastian Piatza kämpfen um die Jugend. "Sie soll aktiv, wild und frei sein, selbstbewusst im Umgang mit Technologien, die eigentlich mit urbanen Orten in Verbindung gebracht werden", sagt Zöllner, 37. Mit dem 34-jährigen Piatza leitet er das Projekt Fabmobil.

Der Bus ist seit Herbst 2017 unterwegs. Anfangs fuhr Piatza ihn selbst, heute gibt es ein Team aus Betreuern, die das Fabmobil kreuz und quer durch Sachsen steuern. 25 000 Kilometer, fast 200 Einsätze - das ist die bisherige Bilanz. Finanziert wird das Projekt über Stiftungen, aber auch durch den Freistaat Sachsen. Die Zielgruppe sind vor allem Schulen, in denen Kinder und Jugendliche zuweilen noch den Umgang mit Powerpoint und Excel lernen.

Im Fabmobil gibt es mehrere Virtual-Reality-Brillen. Die Schüler können mithilfe von Computerprogrammen Figuren für den Tischkicker im Pausenraum entwerfen, Schlüsselanhänger, ein Schild für den Jugendklub. Zur Ferienzeit parkt der Bus meist vor soziokulturellen Zentren. In Annaberg-Buchholz ist er auf Wunsch eines Kulturvereins. In den ersten zwei Tagen waren 40 Kinder und Jugendliche da.

"Im Bus herrschen unsere Regeln. Kein Rassismus, kein Sexismus, keine Homophobie"

Der Bus soll ein Raum für Kreativität sein, eine Verbindung zwischen Stadt und Land - und Zufluchtsort. Für jene, die auf dem Land als anders gelten, wegen ihrer Kleidung, ihrer Hautfarbe. "Im Bus herrschen unsere Regeln. Kein Rassismus, kein Sexismus, keine Homophobie", sagt Sebastian Piatza. Einen Jungen mit Thor-Steinar-Tasche stellte er vor die Wahl: Entweder die Tasche bleibt draußen - oder er. Die Betreuer ziehen Grenzen, wo Eltern und Lehrer häufig kapitulieren.

Die Provinz kann das Paradies sein - aber auch die Hölle. Zöllner und Piatza wissen das. Sie sind beide in der Lausitz aufgewachsen, sie trennten Welten.

Piatza ist Sorbe, er stammt aus dem Dorf Cunnewitz. Im Frühjahr brannte das Hexenfeuer, wurde der Maibaum gesetzt. Für das traditionelle Kuchensingen zogen Piatza und seine Freunde durch die Dörfer, zur Kirmes fuhren sie mit dem Traktor, Piatza saß hinten auf dem Anhänger. Der Jugendclub in Cunnewitz organisierte Volleyball-Turniere, bei denen Jung und Alt zusammenspielten. Dorfromantik.

Zöllners Jugend war geprägt von Angst. Mit den langen Haaren galt er in seiner Heimatstadt Bautzen als "Zecke". Nach der Schule warteten auf der Straße die Nazis. An den damals schon recht großen Zöllner trauten sie sich nicht heran. Dafür prügelten sie einen seiner Freunde krankenhausreif. In der Hosentasche trug Zöllner ein A4-Blatt, auf dem die Autokennzeichen stadtbekannter Rechtsextremer standen. Ein Verzeichnis, wann er sich besser in Sicherheit brachte. Zuflucht fand er in einem Jugendzentrum. Piatza und Zöllner kannten sich von Partys. Sie mochten dieselbe Musik: schrammeligen Punk, Surf, Beat.

Dann ging Zöllner. Er studierte in Dresden, arbeitete von 2008 an in Berlin an der Universität der Künste. Piatza studierte Werkstoffwissenschaft, später Produktdesign. In Berlin trafen sie sich wieder, gründeten ein Designstudio, reisten zu Workshops nach China, Brasilien, in die USA.

"Unsere Vision war: Wir kommen - die Nazis gehen. Das war sehr romantisch gedacht."

Die Lausitz war weit weg. Bis zum Herbst 2016, als es in Bautzen zu rechtsextremen Ausschreitungen kam. Zöllner, zufällig in der Stadt, geriet zwischen die Fronten. Er wollte sich mit einem Freund auf dem Kornmarkt treffen, den die Bautzner "Platte" nennen. "Überall standen Grüppchen herum, darunter auch Flüchtlinge. Plötzlich kam dieser Nazi-Mob angelaufen", erinnert er sich. Sie versteckten sich in den Gassen. So wie früher. Zöllner spürte Ohnmacht und Schuld. "Ich hatte das Gefühl, die engagierten Leute durch meinen Wegzug im Stich gelassen zu haben."

Zöllner und Piatza entschieden sich, aktiv zu werden. "Unsere Vision war: Wir kommen - die Nazis gehen", sagt Zöllner. "Das war sehr romantisch gedacht."

Als sie mit dem Fabmobil zu einer Berufsmesse fuhren, wurden sie als "Kanaken" beschimpft, wegen des Berliner Kennzeichens. Auf der Armatur neben dem Fahrersitz überklebte jemand den Sticker in Regenbogenfarben mit Sprüchen wie "Antifa ist Selbstmord". Die Betreuer des Fabmobils erleben Schüler, die im Bus rechtsextreme Musik hören wollen, Viertklässler, die von Eltern in Thor-Steinar-Klamotten abgeholt werden. "Wir werden nicht alle erreichen", sagt Sebastian Piatza. Er kann aber auch von vielen Jugendlichen erzählen, die sich freuen, wenn das Fabmobil vorfährt. Ein 15-Jähriger berichtete Piatza stolz, er wolle jetzt an der Schule eine Werkstatt gründen. "Kleiner Streber", sagt Piatza. "Aber so was macht Hoffnung."

Geht es nach ihm und Zöllner, sollen in den Kleinstädten eigene Digitallabore und Werkstätten nach dem Vorbild des Fabmobils entstehen - kreative Zentren, die untereinander vernetzt sind. Entsprechende Pläne gibt es für Bautzen und Döbeln. Doch was, wenn die Jugendlichen einfach gehen, so wie einst Zöllner und Piatza? "Fortgehen, die Welt sehen, ist super", sagt Zöllner. "Aber wie kriegt man es hin, dass die Leute auch zurückkommen?" Er und Piatza leben wieder in Sachsen, in Dresden. Aber sie können sich auch vorstellen, wieder in die Provinz zu ziehen. Vielleicht sogar in die Lausitz.

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