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Russland:"Wir sind es müde, Angst zu haben"

Von Wladiwostok bis Kaliningrad gehen Tausende Menschen auf die Straßen, um für Nawalny zu protestieren. Der Oppositionelle befindet sich noch immer im Hungerstreik und schickt eine Nachricht aus dem Straflager.

Von Silke Bigalke, Moskau

Ganz in der Nähe des Kreml begannen die Menschen zu rufen: "Einen Arzt für Nawalny!" Der Sprechchor drang über die Straße Richtung Roter Platz. "Einen Arzt für Putin", schob einer der Protestierenden ironisch hinterher, aber nicht weniger laut. Die Stimmung während der Demo in Moskau war beinahe heiter, trotz des ernsten Anlasses.

Das Team von Alexej Nawalny hatte kurzfristig dazu aufgerufen. Es fürchtet um das Leben des Oppositionellen, der am Wochenende in ein Gefängniskrankenhaus verlegt worden war. "Haben Sie jemals mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mensch getötet wird? Sie sehen es jetzt", hatten Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow und Iwan Schdanow, Leiter des Antikorruptionsfonds, in ihrem eindringlichen Protestaufruf gesagt. Dieser kam übereilt, ausgerechnet an einem Mittwochabend sollten die Menschen auf die Straße gehen. Die Behörden hatten zudem vor der Teilnahme gewarnt, und allen mit Strafen gedroht, die dazu anstifteten.

Es kamen trotzdem unerwartet viele Menschen, Zehntausende vermutlich, verlässliche Zahlen gab es in der Nacht noch nicht. Die Proteste erstreckten sich wie bereits im Januar über das gesamte Land, von Wladiwostok bis Kaliningrad. Landesweit zählte die Bürgerrechtsorganisation OWD-Info etwa 1500 Festnahmen, die meisten davon in Sankt Petersburg.

In Moskau, wo Putin wenige Stunden zuvor seine Rede an die Nation gehalten hatte, liefen die Demonstrierenden in mehrere Kolonnen durch die Innenstadt. Putins Auftrittsort, die Ausstellungshalle "Manege", hatte die Polizei zuvor gut abgesperrt. In seiner Ansprache war Putin weder auf Nawalny, noch auf die Proteste eingegangen - natürlich nicht. Der Präsident bemüht sich um den Anschein, als habe er an den Kreml-Kritiker praktisch noch nie einen Gedanken verschwendet. Die Protestierenden verstreuten sich in den anliegenden Straßen, änderten immer wieder ihre Richtung, auch um Zusammenstöße mit der Polizei zu vermeiden.

Das Innenministerium sprach allein in der Hauptstadt von 6000 Teilnehmern, es werden sicher mehr gewesen sein. Die Einsatzkräfte sperrten Wege ab, versuchte die Leute zu zerstreuen, ließen sie sonst aber gewähren. Ganz anders als im Januar und Februar, als sie mit Stöcken zuschlugen und Tausende festnahmen. Eine mögliche Erklärung für die Zurückhaltung in Moskau wäre, dass keine Nachrichten über Polizeigewalt den Tag von Putins Ansprache überschatten sollten. Auf den Moskauer Straßen herrschte beinahe ausgelassene Stimmung, trotz der Härte der vergangenen Wochen. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten zahlreiche Kritiker und Oppositionelle vorübergehend festgenommen oder ihre Privat- und Arbeitsräume durchsucht. "Russland ohne Putin", tönte es durch die zentrale Fußgängerzone.

Nawalnys Team fordert Druck aus dem Westen

"Wir sind es müde, Angst zu haben", sagte die Rentnerin Galina, als der Protestzug hinter dem Bolschoi-Theater kurz zum Stehen kam. Man müsse Nawalny helfen, er sei schließlich der wichtigste Oppositionelle. "Einen anderen haben wir hier nicht." Und was jetzt mit ihm geschehe, das sei Mord. Ekaterina, die zusammen mit Galina zum Protest gekommen war, hofft auf größeren Druck aus dem Westen, etwa durch mehr Sanktionen gegen reiche Oligarchen aus Putins Umkreis. Dasselbe fordert auch Nawalnys Team.

Das kämpft längst auch um die eigene politische Zukunft. Die Moskauer Staatsanwaltschaft möchte Nawalnys Organisation für "extremistisch" erklären, seinen Antikorruptionsfonds und das regionale Netzwerk aus Aktivisten und Lokalpolitikern. Jedem Mitarbeiter drohte dann theoretisch Gefängnis, auch freiwillige Helfer oder Spender machten sich strafbar. Das Gerichtsverfahren beginnt am Montag hinter verschlossenen Türen.

Nawalnys Mitstreiter ließen in ihrem Aufruf "keinen Zweifel daran, dass das Gericht diese Forderung erfüllt", also die der Staatsanwaltschaft. Das würde bedeuten "dass wir mit Terroristen gleichgesetzt werden", so Wolkow und Schdanow. Sie betonen, dass ihre Organisationen stets "vollkommen friedlich und legal" agierten. Sie als extremistisch einzustufen, bereite den Weg für Hunderte Strafverfahren.

Auf Instagram wurde am Dienstag auch wieder eine Nachricht veröffentlicht, die Nawalny aus der Strafkolonie übermittelt hat. Sie beginnt so: "Wenn Sie mich jetzt sehen könnten, würden Sie lachen." Ein Skelett wandere da durch die Zelle, der Kremlkritiker ist seit drei Wochen im Hungerstreik. Seine Ärzte warnen, dass seine hohen Kaliumwerte die Nieren schädigen und zum Herzstillstand führen könnten. Als er von diesen Sorgen gehört habe, habe er lachen müssen, schreibt Nawalny. So leicht lasse er sich nicht unterkriegen. Nach Nowitschok sei Kalium nicht so schrecklich.

© SZ/aner
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