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Wladimir Putin:Der Präsident will unbedingt ein Rätsel bleiben

Die Bühne für den Präsidenten: Wladimir Putin bei der Rede zur Lage der Nation am Mittwoch.

(Foto: ALEXANDER NEMENOV/AFP)

Russlands Staatschef lässt sich immer weniger deuten, sein Markenzeichen bleibt die Überraschung. Was also führt er im Schilde? In Belarus mehren sich unheilvolle Zeichen - der Westen schaut mal wieder zu.

Kommentar von Stefan Kornelius

Wladimir Putin entwickelt sich mit jedem weiteren Jahr seiner bereits üppigen Amtszeit (21 Jahre) zu einem echten Rätsel. Der russische Präsident wirkt zunehmend entrückt, zurückgezogen, unzugänglich. Gleichzeitig sind die Ausschläge seines Systems immer weniger berechenbar. Von seiner Vergangenheit als marktoffener, dem Westen zugewandter Staatschef hat Putin sich vor vielen Jahren schon verabschiedet. Jetzt scheint er vollends gefangen zu sein im Autokraten-Dilemma, das früher oder später alle Alleinherrscher befällt.

Putin muss im Inneren seine Bürger befrieden, die immer mehr Grund zum Aufbegehren haben; wie die Nawalny-Proteste zeigen. Gleichzeitig verlangt die machtbewusste Plutokratie ihren Anteil am Kuchen. Die Oligarchen im Schutzring um Putin werden sich schnell gegen ihren Meister wenden, wenn dessen Schwächen sichtbar werden.

Feinde werden ermordet, stabile Systeme untergraben

Russlands Drohgebärden und die Unternehmungen seines Geheimdienstes im Ausland sind Teil dieses Balanceakts, weil sie Putin ein Narrativ für seine innere Ordnung liefern: Russland ist von außen bedroht; die liberale, werteverlorene Welt des Westens gegen das Vaterland. Militärischer Stolz, rote Linien und Wunderwaffen gehören zu dieser Inszenierung, auch in der Rede zur Lage der Nation am Mittwoch. Sie hätte etwas Operettenhaftes, würden nicht Territorien annektiert, Feinde ermordet und nach allen Regeln der Kunst stabile Systeme untergraben.

Die Serie der Putin-Überraschungen reißt nicht ab, ihre Frequenz hat sich sogar gesteigert, als ob der Präsident jede Vorsicht fahren lassen würde. Der Aufmarsch mit angeblich bis zu 120 000 Mann im Westen des Landes, die frivolen Auftritte der Geheimdienstler, die Rote-Linien-Rhetorik, die Nawalny-Verfolgung, die Übergriffe gegen die Opposition, die Verfassungsänderungen: Die Aufregung steigt bei den Nachbarn und denen, die den Kreml zu interpretieren versuchen.

Zwei Gründe für sein Verhalten könnte Putin haben

Zwei Erklärmuster stehen gemeinhin zur Auswahl: Das Regime trifft die Vorbereitungen für die Duma-Wahl im September - für alle Systemgegner der wichtigste Markierungspunkt dieses Jahres. Oder Putin erhöht den Preis für den neuen amerikanischen Präsidenten, er testet die US-Regierung und will sich den Ausbruch aus der internationalen Isolation erzwingen.

Der linearen Logik des Westens war Putin freilich immer voraus. Seine wichtigste Waffe ist die Überraschung - mit der Reaktion kann er umgehen. Deswegen wäre auch ein Szenario nicht unwahrscheinlich, in dem Putin seine Vorstellung vom lange diskutierten Unionsstaat zwischen Belarus und Russland umsetzt, mit harter Führung aus Moskau. Der Kreml und der Machthaber in Minsk, Alexander Lukaschenko, versteigen sich bereits in kryptischen Andeutungen. Ein angeblich vereitelter Anschlag, ein Besuch in Moskau - das Feld ist bereitet.

Es gehört zur größten Nachlässigkeit der Staaten Europas, dass sie diesem so gewaltigen wie erratischen Nachbarn im Osten keine Strategie entgegensetzen. Der Westen mag die Vorgänge in Russland deuten, er tut sich schwer damit, sie abzuwehren oder gar zu beeinflussen. Als wolle er das belegen, fuhr der sächsische Ministerpräsident am Mittwoch nach Moskau, pünktlich zum Siedepunkt der Ereignisse. Wenn er Glück hat, kommt er mit einer Lektion über strategische Kühnheit zurück nach Hause.

© SZ
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