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Corona in Moskau:Eine Stadt hat Fieber

Verfrühte Sommerferien: Arbeiter des Zivilschutzes desinfizieren einen menschenleeren Bahnsteig in einem der großen Bahnhöfe Moskaus.

(Foto: NATALIA KOLESNIKOVA/AFP)

In Moskau infizieren sich immer mehr Menschen mit Corona. Nun schickt der Bürgermeister seine Stadt in ein sehr langes Wochenende. Sorge bereitet ihm vor allem, wie es die Russen mit Impfen halten.

Von Silke Bigalke, Moskau

Auf allen Bänken und Mäuerchen, in den Parks und Cafés saßen am Samstag die Moskauer zusammen und freuten sich, dass der Wetterbericht sich geirrt hatte und es doch nicht regnete. Sie freuten sich noch mehr, als sie nachmittags auf ihr Handy schauten und die neueste Nachricht ihres Bürgermeisters lasen: Sergej Sobjanin versprach spontan, ihr Wochenende zu verlängern, ganze neun Tage werde es dauern, schrieb er in seinem Blog.

Die Moskauer haben wieder zwangsfrei, wie zu Beginn der Corona-Pandemie vergangenes Jahr. Damals war die erste Antwort der Behörden gewesen, alle Berufstätigen in den Sonderurlaub zu schicken, auf ihre Sofas oder in ihre Datschen. Dann folgte ein sehr harter Lockdown, der die Moskauer länger als zwei Monate in ihre Wohnungen sperrte.

So weit soll es laut Sobjanin diesmal nicht kommen, die neuen Maßnahmen sind recht zurückhaltend. Sie sind trotzdem bemerkenswert, weil sie die erste spürbare Reaktion der Behörden auf eine drohende dritte Welle, auf steigende Fallzahlen, auf mögliche Mutationen sind. Denn so hart der Lockdown letztes Jahr war, so schnell ist die Stadt - und das ganze Land - danach zur Normalität zurückgekehrt. Die Moskauer können längst wieder ins Kino, ins Schwimmbad, in Bars und Diskotheken gehen. Corona ist in Russland lkein tägliches Thema mehr.

Doch jetzt steigen die Zahlen exponentiell. Jetzt öffnet der Moskauer Bürgermeister erneut die Feldkrankenhäuser. Jetzt haben sich allein am Sonntag und allein in Moskau 7700 Menschen mit Corona infiziert, ein neuer Rekord in diesem Jahr. Deswegen empfiehlt Sobjanin allen über 65-Jährigen, zu Hause zu bleiben. Er bittet die Unternehmen, ein Drittel ihrer Mitarbeiter auch nach nächster Woche von zu Hause aus arbeiten zu lassen. Bars und Restaurants müssen spätestens um 23 Uhr schließen, Spiel- und Sportplätze werden gesperrt. In den Parks dürfen die Moskauer nur noch spazieren gehen. Klingt zunächst nicht dramatisch. Doch während in Europa gelockert wird, droht Russland nun die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen.

Am Montag zog die zweitgrößte Stadt nach: In Sankt Petersburg schien die Pandemie fast vergessen, alle konzentrierten sich erst auf das Petersburger Wirtschaftsforum, jetzt auf die Fußball-Europameisterschaft. Sankt Petersburg beherbergt sechs Gruppenspiele und ein Viertelfinale. Die Touristen sind zurück, die Gastronomen freuen sich, es herrscht Feierstimmung. Die bremsen die Behörden nun mit ersten Verboten, öffentliche Veranstaltungen werden eingeschränkt, Food-Courts in Einkaufszentren schließen, in Kinos darf nur noch jeder zweite Platz besetzt werden. Für das Fußballstadion gilt diese 50-Prozent-Auslastung ohnehin schon. Fans sollen nun auch unter freiem Himmel Masken tragen und sich ihren Proviant selbst mit zu den Fan-Meilen bringen. Die Essensstände dort werden geschlossen. Allerdings gelten die neuen Regeln erst ab Donnerstag - denn am Mittwoch spielt die russische Nationalmannschaft gegen Finnland.

Auch viele junge Menschen erkranken schwer

Das "Beunruhigendste" sei, schrieb Moskaus Bürgermeister Sobjanin in seinem Blog, dass laut Ärzten so viele Schwerkranke unter den Infizierten seien - und zwar nicht nur in den "traditionellen" Risikogruppen: "Sogar junge Menschen sind schwer erkrankt. Es ist unmöglich, auf diese Situation nicht zu reagieren." Schon während der ersten Welle war Sobjanin einer, der entschieden durchgegriffen, sich gegen schnelle Lockerungen gewehrt hatte. Gegen den Kreml konnte er sich aber schließlich nicht mehr durchsetzen.

Die russische Regierung stellt die Lage gerne so dar, als habe man die Pandemie in Russland schlicht besser gemeistert als in westlichen Staaten. Dabei hat man sie vor allem besser schöngeredet: Offiziell sind knapp 127 000 Menschen im Land wegen Corona gestorben. Die Übersterblichkeit seit Beginn der Pandemie weist jedoch darauf hin, dass es wohl mindestens drei Mal so viele gewesen sind.

Die meisten Russen wollen sich nicht impfen lassen

Der Kreml hat früh auf Sputnik V gesetzt, inzwischen sind mit Epivac-Corona und Covivac zudem zwei weitere russische Vakzine zugelassen. Laut Präsident Wladimir Putin sind 18 Millionen Russen geimpft - und das wären nicht mal 13 Prozent der Bevölkerung. Dabei kann sich seit Dezember praktisch jeder impfen lassen, ohne Termin, ohne Wartezeit. Die meisten Russen wollen einfach nicht: Noch im Mai ergab eine Umfrage, dass mehr als 60 Prozent die Impfung ablehnen. Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, keine Angst vor einer Ansteckung zu haben.

Zumindest Sobjanin lässt das verzweifeln. "Solange wir nicht für echte Massenimpfungen sorgen, wird die Stadt ständig Fieber haben", schrieb er am Samstag. Schon am Sonntag meldete er sich mit der nächsten Idee: Jeder, der sich seine erste Impfdosis abholt, nimmt nun automatisch an einer Lotterie teil. Dabei wird wöchentlich ein Auto verlost. Der Bürgermeister hofft, dass die Moskauer ihr "langes Wochenende" nutzen, um sich vor den Impfzentren anzustellen.

© SZ/jbb
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