Revolutions-Regierung 1918 Deutschland unter der roten Fahne

Revolutionäre wider Willen: SPD-Führer Philipp Scheidemann (links) und Friedrich Ebert, Dezember 1918.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Vor 100 Jahren: Die erste deutsche Volksregierung aus SPD und USPD erreicht in den sieben Wochen ihres Bestehens einiges. Aber sie lässt doch zu viel alte Obrigkeit bestehen - mit fatalen Folgen.

Von Robert Probst

Nur etwa 1000 Meter liegen zwischen den beiden Republiken, die am 9. November 1918 ausgerufen werden. Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann beschreibt es in seinen Erinnerungen so: An diesem historischen Tag drängen ihn plötzlich Arbeiter und Soldaten im Reichstag zu einer historischen Tat: "Scheidemann, komm schnell, vom Schlossbalkon redet Liebknecht", sollen sie gerufen haben.

Liebknechts Auftritt ist zwar zunächst nur ein Gerücht. Doch Scheidemann denkt entsetzt: "Deutschland also eine russische Provinz? Eine Sowjetfiliale? Nein! Tausendmal Nein!"

Er muss dem Linksrevolutionär Liebknecht zuvorkommen. Und tritt hinaus auf eine Balustrade vor die Massen: "Das Volk hat auf ganzer Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Es lebe die deutsche Republik!"

"Verlasst die Straßen! Sorgt für Ruhe und Ordnung!"

Später am Tag verkündet dann Liebknecht vom Schloss aus tatsächlich die "freie sozialistische Republik". Für den Anführer der linksradikalen Spartakus-Gruppe ist klar: "Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen." Und er ruft auf zur "Vollendung der Weltrevolution".

Ja, das klang nach Bolschewismus, nach "Alle Macht den Räten", nach Sowjetfiliale. Auch wenn diese Gefahr in der Realität nie wirklich bestand - die Spartakisten waren eine winzige Gruppe, schlecht vernetzt und oft zerstritten über die richtige Strategie -, die "Bolschewistenangst" ist in den folgenden Monaten eine wichtige Konstante im Denken deutscher Politiker. Auch bei zahllosen Bürgern, die um ihre Privilegien fürchten, geht diese Angst angesichts der blutigen Vorgänge in Russland um.

In Liebknechts Augen steht die eigentliche Revolution noch bevor, die SPD will sie am liebsten so schnell wie möglich in ruhige Bahnen lenken. Am allerliebsten hätte der Parteivorsitzende Friedrich Ebert sogar ganz auf sie verzichtet. Er hatte doch schon die von oben erzwungene Parlamentsreform vom 26. Oktober 1918 freudig als "Geburtstag der Demokratie" in Deutschland gefeiert.

Doch nun ist der Kaiser aus Berlin abgereist, und aus Norddeutschland rollt die von den Matrosen ausgelöste Revolutionswelle auf die Hauptstadt zu. Obwohl die SPD doch versucht hat, mithilfe des Abgeordneten Gustav Noske die Bewegung dort einzudämmen. Nun verlangt Ebert vom Reichskanzler Max von Baden ultimativ die Abdankung Wilhelms II., nur so könne der "Übergang der Massen in das Lager der Revolutionäre" noch verhindert werden.

Und dann ist der 9. November da. Die Arbeiter sind im Massenstreik, auf den Straßen und Plätzen drängen sich Zehntausende in gespannter Erwartung, rote Fahnen wehen überall.

Max von Baden entschließt sich zu einer einsamen Tat und verkündet ohne jede Absprache den Thronverzicht des Kaisers, das Amt des Kanzlers übergibt er ohne Rechtsgrundlage in Eberts Hände. Der Kaiser lässt es geschehen, verlässt das Große Hauptquartier im belgischen Spa und geht ins Exil nach Holland.

Und was macht Ebert? Er rüffelt Scheidemann. Was aus Deutschland werde, ob eine Republik oder sonst was, das entscheide eine "Konstituante", also eine verfassungsgebende Versammlung, und nicht irgendein Politiker. Aber es muss ja irgendwie regiert werden. Und zwar jetzt.

Novemberrevolution 1918

"Meine Abdankung würde der Anfang vom Ende sein"

Am Abend appelliert Ebert an die Menschen: "Verlasst die Straßen. Sorgt für Ruhe und Ordnung." An die Beamten appelliert er, auf ihrem Posten zu bleiben, sonst drohe Anarchie, und an das Heimatheer richtet er die Bitte, die Dienstgeschäfte weiterzuführen.

Die Revolution hat gesiegt. Bei Schießereien gibt es Dutzende Tote, aber niemand von den alten Eliten wird verprügelt, aus seinem Haus gejagt oder gar ermordet. Es gibt fast keine Plünderungen. Es gibt keinen Bankensturm.

Offizieren werden die Rangabzeichen und Kokarden von den Uniformen gerissen, das ist alles. Es ist eine disziplinierte, friedliche - und eine seltsame Revolution. Das Alte, Morsche ist offensichtlich weg, man ist zufrieden, dass nun endlich bald die Waffen schweigen werden. Es soll Ruhe einkehren und kein Chaos, da sind sich viele Deutsche mit Ebert einig. Doch was wird das Neue sein?

Der Chefredakteur des Berliner Tageblatts, Theodor Wolff, schreibt in seinem Leitartikel, der am 10. November erscheint: "Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazugehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit so soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist."

Sozialistisch ist an diesem Programm nicht viel

Schöne Worte, oft zitiert, doch es mangelt an Hinweisen darauf, dass Revolutionen üblicherweise mit dem Umsturz der Gesellschaftsordnung und mit Eingriffen in die Eigentumsrechte einhergehen. Mit der "Schonung" der alten Gegner, wie es sich Wolff von Ebert erhofft, dürfte es jedenfalls schwer werden, eine neue Ordnung zu etablieren.

Aber Ebert will gar keine neue Ordnung etablieren. Er steht vor gewaltigen Problemen, die es pragmatisch zu lösen gilt: Das Volk soll vor einer Hungersnot bewahrt werden (die Seeblockade der Alliierten bleibt bis zu einem Friedensvertrag bestehen), das Westheer muss in der enorm knappen Zeit von zwei Wochen zurück über den Rhein geführt werden, die Wirtschaft rasch von Kriegs- auf Friedensproduktion umgestellt werden; acht Millionen Soldaten sind wieder ins Zivilleben zu integrieren - und das Volk hat die harschen Waffenstillstandsbedingungen vom 11. November zu verdauen, die einen Vorgeschmack geben auf den späteren Friedensvertrag von Versailles im Sommer 1919.

Am 10. November 1918, nur einen Tag nach Ausrufung der Republik, einigen sich SPD und USPD, die sich 1917 aus Protest gegen den Krieg von ihr abgespalten hat, auf eine Art Koalitionsregierung, Ebert und der USPD-Vorsitzende Hugo Haase leiten ein paritätisch besetztes sechsköpfiges Gremium, das sie "Rat der Volksbeauftragten" nennen.

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Das Regierungsprogramm vom 12. November setzt sich zur Aufgabe, das "sozialistische Programm zu verwirklichen". Zwar wird im SPD-Parteiprogramm von 1891 noch immer die reine Lehre vom Klassenkampf und der Diktatur des Proletariats vertreten, doch die Parteiführung setzt schon seit Langem auf Evolution statt auf Revolution. Und sie weiß die Massen der Arbeiter und Soldaten in dieser Phase hinter sich.

Darum wird also mit Gesetzeskraft verkündet: das Ende des Belagerungszustands, das Ende der Zensur, freies Versammlungsrecht, freie Meinungsäußerung, freie Religionsausübung, der achtstündige Maximalarbeitstag, bessere Krankenversicherung, Schutz des privaten Eigentums, Bekämpfung der Wohnungsnot - und als wichtigstes: allgemeines, gleiches, geheimes und direktes Wahlrecht für alle Bürger ab 20 Jahre. Und das heißt mit anderen Worten: In Deutschland gibt es zum ersten Mal ein Frauenwahlrecht.

Sozialistisch ist an diesem Programm nicht viel. Doch Ebert sieht sich vor allem als "Konkursverwalter". Die zwei wichtigsten Entscheidungen für die Zukunft: Demokratie oder Räteherrschaft und Privatwirtschaft oder Sozialisierung dürfen aus seiner Sicht auf keinen Fall von Arbeiter- und Soldatenräten getroffen werden, sondern nur durch eine vom ganzen Volk gewählte Nationalversammlung.