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Reaktionen auf Mitt Romneys Satz über Arme:"So etwas darf man nie sagen"

Ein Satz, der vieles verändert: Morgens war Mitt Romney noch der Sieger von Florida, abends rätselt Amerika über einen Auftritt des Multimillionärs auf CNN: "Um die Armen mache ich mir keine Sorgen", verkündete er da. Linke wie rechte Kommentatoren erinnern voller Spott daran, dass dies nicht der erste rhetorische Patzer des Kontrollfreaks ist - und auch Newt Gingrich lässt diese Chance zum Angriff nicht ungenutzt.

In einem sind sich alle Beobachter des Vorwahlkampfs der Republikaner einig: Mitt Romney verfügt über ein Team, das perfekt organisieren kann und nichts dem Zufall überlässt. Es sei erstaunlich zu beobachten, wie viele Helfer vor einem Auftritt überprüften, ob das Mikrofon eingeschaltet sei und die Technik funktioniere, ätzt etwa die New York Times. Während selbst enge Vertraute von Newt Gingrich nicht wissen, wo ihr Boss am nächsten Tag auftreten wird, sind Romneys Touren auf die Viertelstunde getaktet und die Presse wird sogar mit Wettervorhersagen versorgt. Das Credo des Romney-Teams: Auf die Details kommt es an.

Mitt Romney

Mitt Romney: Wie wirkt sich sein Interview-Patzer bei den nächsten Vorwahlen aus?

(Foto: AP)

Doch eines ist den teuren Beratern und den vielen Helfern noch nicht gelungen: Sie können nicht jedes Wort kontrollieren, das der Ex-Gouverneur von Massachusetts in die Mikrofone spricht. Wenige Stunden nach seinem Triumph über Newt Gingrich bei der Vorwahl in Florida sagte der Multimillionär im Nachrichtensender CNN einen Satz, den die Amerikaner bis zum Wahltag am 6. November noch oft hören werden: "Um die Armen mache ich mir keine Sorgen."

Der Satz war Teil einer längeren Antwort (Original-Video bei CNN): "Ich trete als Präsidentschaftskandidat an, weil mir die Amerikaner am Herzen liegen. Um die sehr Armen bin ich nicht besorgt. Wir haben ein Sicherheitsnetz. Und wenn das repariert werden muss, werde ich es ausbessern. Ich sorge mich auch nicht um die sehr Reichen. Ich bin besorgt um das Herz von Amerika - die 90 bis 95 Prozent der Amerikaner, die derzeit kämpfen müssen. Diese Botschaft werde ich ins Land tragen."

Doch bei vielen bleibt eine andere Botschaft hängen: Die Alltagssorgen und Probleme der Normalbürger kennt der 64-Jährige nicht, der jüngst sein Honorar für Auftritte als Redner in Höhe von 370.000 Dollar als "nicht viel" bezeichnete. "Romney würde locker gewählt werden, wenn er nicht seinen Mund öffnen müsste und dann der Silberlöffel herausfiele", spottet "LeoMaris" auf der Website der Washington Post in einem von knapp 2000 User-Kommentaren. "Sublog" twitterte: "Romney hätte es noch verschlimmern können, indem er sich am Ende eine Zigarre mit einem 100-Dollar-Schein anzündet."

Während Romney sich in Schadensbegrenzung übte und versicherte, sich "natürlich um alle Amerikaner" zu sorgen, schwoll die Erregung in den US-Medien an. Das Washingtoner Insider-Magazin Politico erinnerte sogleich an andere Patzer Romneys - etwa sein Angebot an Rick Perry, um 10.000 Dollar zu wetten.

Die rechten Medien schwanken hingegen zwischen Wut und Unverständnis. Sie kennen das schmutzige Geschäft der Politik und ahnen, wie die PR-Männer von Barack Obama gejubelt haben müssen, als sie diesen Satz gehört haben - und sehen das übergeordnete Ziel, den verhassten Demokraten aus dem Weißen Haus zu verjagen, in Gefahr. Auf Fox News konnte Star-Moderator Bill O'Reilly sein Missfallen kaum verbergen und im Weekly Standard stöhnt James Cormack: "Romney hätte sagen können, dass er sich auf die Mittelklasse konzentriere - aber nicht dass ihm die Armen egal sind." Zudem sei die Aussage unkonservativ, denn eine konservative Wirtschaftspolitik führe dazu, dass es allen Bürgern besser gehe. Auf der Website redstate.com heißt es: "Die Tatsache, dass er den Satz nicht so gemeint hat, ist irrelevant. So etwas darf man im Wahlkampf niemals sagen."

"Romney agiert stümperhaft"

Für den Radiomoderator Rush Limbaugh, ein Idol der Tea-Party-Bewegung, steht fest: "Mitt hat sich wieder selbst angreifbar gemacht." Den liberalen Medien warf er vor, voreingenommen zu berichten und den Satz aus dem Kontext gerissen zu haben. Doch der bei konservativen Amerikanern extrem populäre Limbaugh stellte zwei Fragen, die dem republikanischen Establishment nicht gefallen dürften: Wieso spricht Romney davon, das Sicherheitsnetz auszubauen, wenn dies doch zu höheren Staatsschulden führe und die Armut nicht eindämme, sondern noch vergrößere? Und wie glaubhaft sei das Argument der Partei-Elite, Gingrich sei wegen seiner Unberechenbarkeit kein geeigneter Obama-Herausforderer, wenn der angeblich so vorzeigbare Romney so stümperhaft agiere? In Wahrheit, so merkte Limbaugh an, habe der Ex-Gouverneur bisher nur neun von 25 Wahlen gewonnen, bei denen er angetreten sei.

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