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Rap in Russland:Von der Subkultur zum Massenphänomen

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die russische Staatsführung nun offensichtlich auch beim Rap. Der ist als kulturelles Phänomen inzwischen viel zu groß, als dass er in einem System noch bekämpft werden könnte, das sich zumindest nach außen hin den Anschein geben will, freiheitlich zu sein.

Spätestens als sich im August 2017 in einem Battle-Rap die zwei russischen MCs Oxxxymiron und Gnoiny (dt. Eitrig) alias Slawa KPSS mit einander anlegten, wurde klar, dass die Subkultur Rap zum Massenphänomen geworden war:

Innerhalb einer Woche brach die Aufzeichnung im Internet alle Rekorde und verzeichnete elf Millionen Aufrufe - bis heute sind es mehr als 38 Millionen.

Das heißt: Ein signifikanter Teil der russischen Bevölkerung schaute sich das einstündige Wortgefecht voller Verbalinjurien, derber Sprechweise und Insider-Jargon an.

Dem Kreml ist inzwischen allzu klar: Wer Millionen junger Bürger den Zugang zu dieser Kunstform durch Repressalien verbietet, stärkt nur den Widerstandsgeist der heranwachsenden Generation. Als etwa ein Gericht der Gruppe Krowostok (dt. Blutrinne) 2015 die Webpräsenz verbot, steigerte das deren Bekanntheitsgrad.

Die Oberen in Moskau können zudem die Interessenlage der Verantwortlichen in der Provinz realistisch einschätzen. Letztere exekutieren oft genug harsche Maßnahmen, von denen sie glauben, dass diese im repressiven Sinne der Moskauer Zentrale seien. Wer aufmüpfige Rapper bekämpft, kann vielleicht von Mängeln im Straßenbau oder bei der Gesundheitsversorgung vor Ort ablenken, so das Kalkül.

Es gibt auch regimetreue Rapper

Der Kreml nimmt renitente Rapper vorerst aber lieber hin als langfristige Mängel in der Infrastruktur. Die Staatsführung weiß: Es ist besser, gegen Straßen-Schlaglöcher vorzugehen, als gegen die Freiheit des Geistes in diesem Falle. Denn Letztere lässt sich vereinnahmen, zumal russische Rapper insgesamt recht unpolitisch sind. Künstler, wie etwa "Face", die einen systemkritischen Blick auf den Alltag werfen, sind die Ausnahme.

Auch "Husky" ist aus Sicht des Kremls nicht nur ein aufsässiger Unruhestifter. Zwar kritisierte er Präsident Putin in einem Lied, das er an dessen Geburtstag veröffentlichte. Doch andererseits reiste er 2017 in die selbsternannte Volksrepublik Donezk und verwandelte Aussagen des Feldkommandeurs "Motorola" in einen Rap-Song.

Der Hip-Hopper "Timati" steht beispielhaft für diese regimetreue Spielart des russischen Rap. Er verhehlt noch nicht einmal seine Nähe zum Staatsoberhaupt: "Mein bester Freund ist Präsident Putin", lautet der Titel eines seiner Stücke. Dass der Genannte die Rapper gewähren lässt, ist mitunter also in seinem eigenen Interesse. Timotei zumindest sei "ein sehr guter Mann", so Putin.