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Rap in Russland:Schikanen aus "ethischen und ideologischen Gründen"

Weil sich Putin inhaltlich eher selten zum Hip Hop äußert und das Wort "Sex" praktisch nie in den Mund nimmt, war das Internet unmittelbar nach seinem Auftritt in St. Petersburg voller Clips und Meme, in denen das Staatsoberhaupt die Worte "Seks, Narkotiki und Protest" ("Sex, Drogen und Protest") zu rappen schien.

Das Netz rückte Putin damit spaßeshalber ausgerechnet in die Nähe derer, die Russlands Staatsorgane zuletzt verstärkt drangsalierten.

Die Vorwürfe, die etwa die Krasnodarer Strafverfolgungsbehörden gegen "Husky" erhoben, illustrieren ein Kunstverständnis, das zwischen gebotener Ernsthaftigkeit, Satire und Humor kaum unterscheiden kann. Der 25-Jährige wurde etwa buchstäblich beschuldigt, den Kannibalismus zu verherrlichen. Dass die Aussage "Erinnere Dich daran, dass Du starbst, und wir Dein Fleisch aßen" in seinem Lied "Gedicht an das Vaterland" rein logisch wenig Sinn ergibt, spielt für sie keine Rolle.

Manche der "Husky"-Clips sind in Russland geblockt, weil sie Drogenkonsum, Waffen und Schlägereien ins Bild setzen. Bei Youtube ist etwa das Video zu seinem Lied "Judas" nicht mehr abrufbar. In seinen Texten kritisiert der Musiker mitunter die Regierung, er prangert Armut und Polizeigewalt an. Außerdem würde er - so die Vorhaltung - die Gefühle von Gläubigen verletzen und Propaganda machen für sexuelle Zügellosigkeit.

Schikanen auf der ersten Russland-Tournee

Es sind Anschuldigungen, wie sie in diesem Jahr viele populäre Jung-Musiker zu hören bekamen. Das Slaughterhouse-Hard-Rave-Duo IC3PEAK irrte Ende November regelrecht durch Perm, nachdem die Behörden einen Veranstaltungsort nach dem anderen dicht gemacht hatten. Als auch die dritte Bühne, auf der sie dann schließlich undercover auftreten wollten, vom Geheimdienst abgeriegelt worden war, gab die Moskauer Formation auf - ihr Konzert in Perm war geplatzt.

Auch die aus St. Petersburg stammende Teenagerband "Frendzona" sah sich Mitte November bei ihrer ersten Russland-Tournee plötzlichen Schikanen ausgesetzt: In Kemerowo erschienen Offizielle am Veranstaltungsort und sagten das Konzert jäh ab. In Krasnojarsk wurde der Betreiber des Klubs kurzfristig inhaftiert, in dem "Frendzona" auftreten wollten. Der Gig fiel aus.

Laut der Krasnojarsker Staatsanwaltschaft "enthalten die meisten Musikstücke der Gruppe Schmähungen, werben für sexuelle Beziehungen ohne Tradition, Suizid, Alkohol und andere verbotene Substanzen".

Kreml instrumentalisiert Popkultur für sich

Street Art Mehr Berlin täte Moskau gut Bilder
Street Art

Mehr Berlin täte Moskau gut

Ob Biennalen, Auktionen oder Festivals: Kein anderes Land forciert die Straßenkunst so sehr wie Russland. In Moskau entstanden so innerhalb weniger Jahre Tausende Wandbilder. Doch mit Protestkultur hat das nichts zu tun.   Von Paul Katzenberger

Dass sich der Kreml nun trotzdem für eine Protestkultur wie den Rap einsetzt, liegt daran, dass der Staatsapparat gelernt hat, wie er die Pop-Kultur für sich instrumentalisieren kann. 2012, als im Zuge der Proteste gegen Wladimir Putins dritte Amtszeit als Präsident politische Graffiti ein Teil des Widerstands wurde, bemächtigte sich der Kreml genau dieser Protestkultur.

Die Street Art wurde plötzlich vom Staat gefördert, von diesem aber auch kontrolliert und kommerzialisiert. Diejenigen freiheitlich gesinnten Geister, denen diese pluralistisch angehauchte Vielfalt im öffentlichen Raum gefehlt hatte, wurden dadurch beschwichtigt. Und jene, die tatsächlich mittels Graffitis aufbegehren wollten, wurden marginalisiert. In Moskau etwa entstanden so innerhalb weniger Jahre Tausende Wandbilder, die mit Protestkultur freilich nichts zu tun haben.