Psychologie Warum ist die Unterscheidung zwischen Terror und Amok heute manchmal schwierig?

2014 fuhr in der französischen Stadt Dijon ein 40-jähriger Mann mit einem Auto mehrmals in Fußgängergruppen hinein und verletzte insgesamt 13 Passanten. Dass er dabei "Allahu Akbar" rief, legte den Verdacht nahe, es handle sich um einen Terroranschlag.

Als Mohamed Lahouaiej Bouhlel am 14.Juli mit einem Lastwagen in Nizza 84 Fußgänger tötete, wurde ebenfalls schnell vermutet, er sei ein Terrorist.

In Dijon kam die Staatsanwaltschaft allerdings relativ schnell zu dem Schluss, der Täter sei kein Terrorist, sondern ein psychisch schwer kranker Amokläufer. Beim Attentäter von Nizza scheint es sich tatsächlich um einen Terroristen gehandelt zu haben.

Dass es inzwischen manchmal schwierig ist, zwischen muslimischen Amokläufern und islamistischen Terroristen zu unterscheiden, rührt daher, dass der Islamische Staat seine Strategie im Kampf gegen die "Ungläubigen" ausgeweitet hat: Dort, wo die Terrororganisation Anschläge planen und organisieren kann, tut sie es. Ihre Führer haben aber auch erkannt, dass es die Möglichkeit gibt, Anhänger aus der Distanz zu Anschlägen zu bewegen.

Bereits 2014 hat ihr Sprecher Muhammad al-Adnani die Anhänger im Westen dazu aufgerufen, überall und mit allen Mitteln "Ungläubige" zu töten. Jeder Einzelne sollte dem Gegner "den Kopf mit einem Stein zerschlagen, ihn mit einem Messer schlachten oder ihn mit einem Auto überfahren oder aus der Höhe herabwerfen, ihn ersticken oder vergiften".

Darüber hinaus macht die Terrororganisation intensiv Propaganda in den globalen sozialen Netzwerken. Mit Erfolg, wie etwa die große Zahl von jungen Menschen zeigt, die aus dem Westen nach Syrien gezogen sind, um dort für den IS zu kämpfen. Dass die meisten dieser Extremisten nur wenig über den Islam und die Ideologie des IS wissen, ist dessen Führern völlig egal. Ihr Kampf und ihre Anschläge nutzen schließlich den Zielen des IS.

Terrorismus Der Weg in den Terrorismus
Radikalisierung junger Menschen

Der Weg in den Terrorismus

Junge Menschen schließen sich islamistischen Terrororganisationen an und verüben Massenmorde und Anschläge im Namen einer Religion, die sie kaum kennen. Wissenschaftler versuchen zu verstehen, warum.   Von Markus C. Schulte von Drach

Mehrmals ist es inzwischen zu Terroranschlägen gekommen, bei denen die Täter sich in ihrer westlichen Heimat radikalisiert haben und dann dort ihre Verbrechen im Namen des "Islamischen Staates" verübten. Der US-Bürger Omar Mateen etwa, der im Juni in einem Nachtclub in Orlando, Florida, 49 Menschen erschoss, hatte keine unmittelbare Verbindung zum IS, sondern erklärte erst während seines Anschlags dem selbst ernannten Kalifen des IS seine Treue. Ermittlungen nach seinem Tod ergaben Hinweise darauf, dass er unter psychischen Problemen litt, Minderheiten wie Homosexuelle, Juden und Latinos hasste und davon sprach, zu töten.

War Mateen demnach möglicherweise ein gestörter Mensch, der letztlich in der Propaganda der islamistischen Terroristen eine Legitimation dafür fand, seinen Hass mit tödlicher Gewalt auszuleben? Gilt das möglicherweise auch für die Täter von Würzburg und Ansbach?

Es gibt Hinweise darauf, dass im Westen vor allem frustrierte junge Menschen mit schweren Problemen etwa bei der Identitätsfindung anfällig sind für die Propaganda des "Islamischen Staates" und anderer Terrororganisationen. Im Unterschied zu den tatsächlich ideologisch motivierten Terroristen, mit denen die Welt es früher vor allem zu tun hatte, ähneln manche von ihnen heute offenbar eher Amokläufern, die ihre Tat nur zusätzlich mit einer Ideologie rechtfertigen.

Die Frage nach dem geistigen Zustand von Terroristen stellt sich natürlich nicht nur bei Muslimen. So rechtfertigte der Rechtsextreme Anders Behring Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete, sein Verbrechen zwar vordergründig politisch. Seine Selbstwahrnehmung und die Einschätzung der Verhältnisse in Europa waren allerdings stark verzerrt, wie ein von ihm verfasstes 1000 Seiten dickes "Manifest" klar belegt. Ein erstes Gutachten bescheinigte ihm eine paranoide Schizophrenie, ein zweites widersprach, kam aber zu dem Schluss, Breivik leide an einer Persönlichkeitsstörung. Die Staatsanwaltschaft ging von Unzurechnungsfähigkeit aus. Das Gericht verurteilte Breivik trotzdem wegen Mordes. Breivik hat einen Terroranschlag verübt und politisch begründet. Aber hätte er als geistig gesunder Mensch genauso gehandelt?

Bei dem Text handelt es sich um eine der aktuellen Entwicklung angepasste Fassung eines Artikels vom 19.7.2016.