Präsidentschaftskandidatin Jill Stein Schauspielerin Roseanne will weiter kämpfen

Es ist eine bunte Mischung aus grauhaarigen Feministinnen, gepiercten Studenten, Bürgerrechtlern in Anzügen und Männern in Batik-Shirts, die als Delegierte nach Baltimore gereist sind. "Let Cuba live" und "Occupy Delaware" ist auf T-Shirts zu lesen - eine Aufteilung in Realos und Fundis wie in Deutschland hat es noch nicht gegeben. Enthusiastisch wird auf den Gängen über lokale Initiativen und kommunale Wahlerfolge berichtet, doch das Interesse an Strategiedebatten ("Wo stehen wir in zehn Jahren?") ist gering. "Die Greens sind heute in etwa dort, wo die Grünen in den achtziger Jahren waren", meint Klaus Linsenmeier von der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington. Die Partei müsse sich weiter professionalisieren, um stärker Gehör zu finden.

Jetzt können die Grünen-Delegierte ihre Plakate wegräumen: Jill Stein hat sich gegen die Schauspielerin Roseanne Barr als Spitzenkandidatin durchgesetzt.

(Foto: REUTERS)

Wie emotional manche Diskussionen ablaufen, zeigte sich am Vormittag. Neben der Internistin Stein hatte sich Roseanne Barr für das Amt der Spitzenkandidatin beworben. Die Schauspielerin, die mit der Sitcom Roseanne bekannt wurde und 2008 Obama unterstützt hatte, hatte für viel Trubel in den US-Medien gesorgt (mehr in diesem Süddeutsche.de-Artikel). Barr, die mit 72 von 294 Stimmen hinter Stein (193,5) landete, war nicht nach Baltimore gereist, sondern ließ eine Erklärung verlesen. Darin kündigte sie an, alles zu tun, um den Chef der kalifornischen Grünen aus dem Amt zu fegen, klagte über "rassistische Tendenzen" in der Partei und kritisierte die offizielle Wahlkampagne.

Schattengefechte mit der Basis

Es sind solche Schattengefechte, die Stratege Ben Manski mit der Basis führen muss: Er hat die Abläufe verbessert und viel Zeit investiert, Freiwillige zu koordinieren, damit der Name "Jill Stein" in möglichst vielen US-Staaten auf dem Wahlzettel steht - als Ziel hat er sich 90 Prozent gesetzt. Er weiß, vor welchen Hürden kleine Parteien wie die Libertarian Party, die Grünen oder die "Justice Party" des Ex-Demokraten Rocky Anderson (ein Porträt im Süddeutsche.de-Wahlblog) stehen. Das Mehrheitswahlrecht nützte Demokraten und Republikanern. Und die Medien, allen voran das kommerzielle Fernsehen, ignorieren die kleinen Parteien, um die eigenen Geschäftsinteressen nicht zu gefährden, so Manski. Dies ist keine Verschwörungstheorie: In Baltimore waren die ausländischen Journalisten nur knapp in der Unterzahl - und von den Leitmedien war neben der Washington Post nur der Radiosender NPR präsent.

In einer Zeit, in der die Zustimmung für den Kongress bei zehn Prozent liegt und zwei Drittel der Amerikaner finden, dass sich ihr Land in die falsche Richtung bewege, erfahren die Wähler kaum etwas über Alternativen. Demokraten und Republikaner verbünden sich, damit niemand an den TV-Duellen teilnehmen darf, so Manski: "Früher reichte es aus, wenn ein Kandidat in den Umfragen bei einem Prozent lag und in so vielen Staaten registriert war, um theoretisch siegen zu können. Nach den Achtungserfolgen von Ross Perot wurde dies geändert und nun muss ein Bewerber auf 15 Prozent kommen." Dabei hat Jill Stein Erfahrung in Redeschlachten: Sie kandidierte 2002 für das Gouverneursamt in Massachusetts und brachte den späteren Sieger Mitt Romney ziemlich ins Schwitzen (mehr bei der New York Times).

Angst vorm Stimmenklau

Wahlkampfmanager Manski und seine Chefin Jill Stein haben auch mit Vorurteilen zu kämpfen. So hält sich die Meinung, dass der grüne Spitzenkandidat Ralph Nader 2000 dafür verantwortlich war, dass George W. Bush in Florida knapp gegen Al Gore gewann. Ein Votum für die Grünen, so fürchten einige, könne nun womöglich Romney ins Weiße Haus katapultieren. Manski hält dies für einen unlauteren Einschüchterungsversuch der Demokraten: "Die Hälfte unserer Wähler hat früher gar nicht abgestimmt. Gore hat in Florida viel mehr Stimmen treuer Demokraten an Bushs Republikaner verloren als Nader insgesamt erhielt. Jeder sollte für die Partei stimmen, die ihn überzeugt."

Nach außen treten Manski und Stein so auf, als bestünde zumindest eine kleine Chance, das Weiße Haus Anfang 2013 grün zu färben - dabei erhielt die Partei 2008 nur 0,12 Prozent. Doch Stratege Manski denkt bereits weiter, wie der Wahlkampf-Schwung genutzt werden kann. In San Francisco und Madison sei die Öko-Partei nur knapp daran gescheitert, den Bürgermeister zu stellen. Sollte ein solcher Coup gelingen, hätte dies große Signalwirkung: "Viele Amerikaner würden sehen, wofür wir stehen und wie effektiv wir regieren."

Linktipp: Der US-Journalist Kevin Rudin hat die Entwicklungsgeschichte der US-Grünen für den Political-Junkie-Blog von NPR zusammengefasst.