US-Präsidentschaftskandidat Rocky Anderson:Obamas unbekannter Herausforderer

Lesezeit: 4 min

Amerika ist auf dem Weg in die Tyrannei und Obama schlimmer als Bush: Aus Frust hat Rocky Anderson, Ex-Bürgermeister von Salt Lake City, die "Justice Party" gegründet und will US-Präsident werden. Ein Besuch in der Wahlkampfzentrale eines hoffnungsvoll Hoffnungslosen.

Matthias Kolb, Salt Lake City

US-Präsidentschaftskandidat Rocky Anderson: Rocky Anderson wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Rocky Anderson wird nicht der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

(Foto: Matthias Kolb)

Rocky Anderson ist wütend, aber er bleibt realistisch. "Ich erwarte nicht, die Wahl zu gewinnen", sagt der Ex-Bürgermeister von Salt Lake City, der am 6. November dieses Jahres gegen Barack Obama und Mitt Romney antritt. Als Präsidentschaftskandidat der Justice Party wolle er jenen Wählern eine Alternative bieten, die weiter an Klimaschutz und Rechtsstaatlichkeit glauben - und sich von Obama verraten fühlen. Dieser, so Anderson, führe die USA in die Tyrannei.

Anderson ist ein sympathischer Herr mit weißen Haaren, der Besuchern den Kaffee persönlich bringt. Wie Millionen seiner Landsleute ist er jedoch zutiefst enttäuscht von dem Mann, der seit Januar 2009 im Weißen Haus sitzt. Folter als Verhörmethode, das Gefangenenlager in Guantanamo, der illegale Einmarsch in Irak - keines dieser "Verbrechen" sei von der Regierung Obama aufgeklärt worden, klagt der studierte Jurist.

Die Beugung von Recht und Gesetz durch die Politik lasten Liberale oft allein Ex-Präsident George W. Bush und seinem Vize Dick Cheney an. Doch für Anderson haben sich die Probleme unter Obama sogar noch verschlimmert: "Erstmals in der Geschichte haben wir einen Präsidenten, der amerikanische Bürger ohne Prozess hinrichten lässt."Der 60-Jährige meint damit die Tötung des in den USA geborenen Al-Qaida-Führers Anwar al-Awlaki im Jemen.

Nach und nach kommt Anderson in Fahrt: "Obama nimmt sich das Recht heraus, mit dem Finger auf jeden Menschen auf der Erde zu zeigen und dessen Entführung anzuordnen, ohne dass ein Richter dies genehmigt. Diese Menschen können lebenslang eingesperrt bleiben. Dies ist der Gulag Amerika." (Details zum Anti-Terror-Gesetz in diesem SZ-Artikel.)

Der Einsatz von Drohnen in Pakistan, Afghanistan, Jemen und Somalia habe seit 2009 stark zugenommen und verschlechtere das Image der USA im Rest der Welt noch weiter, meint Anderson. Er kann es noch immer nicht glauben, dass die Abgeordneten und Senatoren den Präsidenten nicht richtig kontrollieren: "Die amerikanische Verfassung besagt eindeutig, dass nur der Kongress das Recht hat, Kriege zu erklären." Doch der War Powers Clause werde schlicht ignoriert. Allerdings, ätzt Anderson, dürfe man nicht viel von einer Außenministerin erwarten, die als Senatorin dafür gestimmt habe, Präsident George W. Bush freie Hand zu gewähren.

Vorbild Freiburg

Früher wären Anderson solch spöttische Worte über Hillary Clinton wohl kaum über die Lippen gekommen. Jahrzehntelang war er ein stolzes Mitglied der Demokraten. An der Wand seines Büros hängen Fotos, die ihn mit Bill Clinton und dem Dalai Lama zeigen. Im Jahr 2000 wurde er zum Bürgermeister von Salt Lake City gewählt. Anderson, der von Reisen nach Freiburg schwärmt ("Vorbild für jeden Kommunalpolitiker"), setzte sich in Utahs größter Stadt für mehr Klimaschutz und Bürgerbeteiligung ein. Immer noch sieht er sich großen Herausforderungen gegenüber.

Nach zwei Amtszeiten als Bürgermeister baute Anderson die Nichtregierungsorganisation Highroad for Human Rights auf, die im In- und Ausland aktiv ist. Doch er kam bald zu dem Schluss, dass eine NGO ungeeignet ist, um seine Mitbürger aufzurütteln. Also stieg er im November 2011 bei den Demokraten aus und gründete die Justice Party.

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