Politiker und Gesundheit:Deutschland: Depressiver Kanzler, verheimlichter Schlaganfall

Beispiele für verheimlichte Gesundheitsprobleme gibt es auch in Deutschland etliche. Kanzler Willy Brandt (SPD) litt unter Depressionen, Kanzler Helmut Kohl (CDU) ließ sich die Schmerzen aufgrund eines Prostataleidens nicht anmerken, Peter Struck verheimlichte einen Schlaganfall, Heide Simonis (SPD) eine schwere Brustkrebsoperation. Immer ging es darum, der Öffentlichkeit, aber auch parteiinternen Gegnern gegenüber keine Schwäche zu zeigen.

Die Sorge, eine Krankheit könnte politisch ausgeschlachtet werden, ist nicht ganz unberechtigt. So wurde im vergangenen Jahr in den Medien viel über den Gesundheitszustand von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) spekuliert - und darüber, dass dies Seehofer schaden und seinem Parteikollegen Markus Söder nutzen könnte, dem nachgesagt wird, er wolle Seehofers Nachfolger werden. Seehofer hat die vorübergehende körperliche Schwäche allerdings überwunden, offenbar auch ohne politischen Schaden zu nehmen.

Dass sich mit Gesundheitsproblemen aber auch ganz anders umgehen lässt, haben eine ganze Reihe weiterer Politiker demonstriert: Gregor Gysi (Linke) wurde am Gehirn operiert und hat mehrere Herzinfarkte überstanden, Hans-Christian Ströbele (Grüne), Oskar Lafontaine (Linke) und Wolfgang Bosbach (CDU) erkrankten an Prostatakrebs, bei Bosbach ist das Leiden unheilbar. Jürgen Trittin (Grüne) hatte einen Herzinfarkt. Sie alle haben ihre Gesundheitsprobleme nicht verheimlicht. Malu Dreyer (SPD) leidet bekanntlich unter Multipler Sklerose und ist häufig auf einen Rollstuhl angewiesen. Diese Politiker setzten auf Transparenz, um zu zeigen, dass die Krankheit sie nicht wesentlich beeinträchtigt.

Nun sind Fälle, in denen Politikerinnen und Politiker wie jetzt in den USA oder Österreich direkt in Spitzenpositionen gewählt werden, nicht immer gegeben. In Deutschland entscheiden die Wähler eher über Parteien, weil selbst Spitzenpolitiker für Programme stehen und ihre Vertreter im Krankheits- oder Todesfall keine völlig andere Politik betreiben können. Aber moderne Wahlkämpfe inszenieren demokratische Wahlen auch in Deutschland immer stärker als Personenwahl, sagt Bröchler. Und auch hier ist es für Wähler wichtig zu wissen, ob die Kandidatin oder der Kandidat gesundheitlich in der Lage ist, im Fall eines Wahlsiegs das Programm umzusetzen.

Gesundheit ist eine Privatsache

Aber dürfen wir deshalb erwarten, dass sie Unterlagen über die Gesundheit offenlegen? Die ist schließlich eine sensible, intime Privatsache. Deshalb, so sagt Rechtsexperte Hubertus Gersdorf von der Universität Rostock, muss grundsätzlich unterschieden werden, ob jemand freiwillig Informationen über eine Krankheit preisgibt, oder die Medien darüber berichten, obwohl der Betroffene das nicht will. "Die Persönlichkeitsrechte umfassen das Recht, eigene personenbezogene Daten nicht zu veröffentlichen, aber auch, sie zu offenbaren. Beides ist gleichermaßen geschützt."

Nun entscheiden sich viele Politiker, während der Wahlkampagnen viel von sich preiszugeben, lassen Bürger und Medien an ihrem Leben teilhaben, inszenieren sich und setzen auch auf ihre körperliche Performance - solange es gut geht. "Damit läuft der eine oder andere Politiker in eine Falle, denn wenn es Krankheitsgerüchte oder Krankheitsfälle gibt, und sie sich aus dem öffentlich einsehbaren Bereich zurückziehen, muss das natürlich zu Irritationen führen", sagt Christoph Bieber, der an der Universität Duisburg-Essen zum Thema Ethik in Politikmanagement und Gesellschaft forscht.

Dazu kommt, dass bei der Veröffentlichung privater Daten durch die neuen Medien ein Paradigmenwechsel stattfindet. Immer mehr Menschen stellen immer mehr private Informationen ins Netz. Aber auch aus dem Transparenzklima, das in den vergangenen Jahren entstanden ist, resultiert Bieber zufolge weder ein Recht der Öffentlichkeit, minutiös über den Gesundheitszustand der Politiker aufgeklärt zu werden, noch ein Zwang für die Betroffen, darüber Auskunft zu geben. Und "wenn man von vornherein sagt, es gibt einen Privatbereich, der für die mediale Berichterstattung tabu ist, wird es auch leichter fallen, zu sagen, man brauche Zeit für sich - und kann trotzdem eine Wahlkampagne weiterführen."

Ein besonderer Fall ist es natürlich, wenn eine Person wie jetzt Hillary Clinton im öffentlichen Raum eine körperliche Schwäche zeigt. Dass die Medien darüber berichten, ist Gersdorf zufolge selbstverständlich: "Auch dort, wo die Amtsführung in Mitleidenschaft gezogen werden kann, ist das Interesse der Öffentlichkeit berechtigt. Der ethisch und juristisch richtige Weg, darüber zu berichten, ist es, keine Einzelheiten wie die Art eines Leidens zu veröffentlichen, sondern nur, dass eine Einschränkung vorliegt."

Die Frage, wieviel Transparenz wünschenswert ist, beschäftigt nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politikberater. "Die eigentliche Problematik entsteht heute dadurch, dass es inzwischen sehr einfach ist, jeden Moment der Schwäche eines Politikers in den Sozialen Medien zu verbreiten und dort mit wüsten Spekulationen über schwerwiegende Erkrankungen zu garnieren", sagt Heiko Kretschmer von Johanssen + Kretschmer Strategische Kommunikation in Berlin. "Am Ende erfahren Gerüchte und Verschwörungstheorien plötzlich eine ernstzunehmende Verbreitung." Clintons Schwächeanfall etwa sei sicherlich unangenehm für sie, gefährlich würde er aber erst, weil die Schmutzkampagne gegen sie plötzlich scheinbar recht bekomme.

Politiker müssen abwägen, Wähler sollten Vertrauen haben

Ein Problem der Transparenz ist allerdings: Wenn immer mehr Politiker Details über sich preisgeben, geraten alle unter Zugzwang. "Es wird schwierig für Politiker werden, sich dem Druck zum gläsernen Patienten zu entziehen", sagt Politikberater Kretschmer. "Eine generelle Diskussion über die Konsequenzen dieser Entwicklung ist dringend erforderlich, nur so kann man diese Entwicklung stoppen."

Drohen am Ende Szenarien, wie sie US-Autor David Egger in "The Circle" beschreibt? In seinem Zukunftsroman hängen sich immer mehr Politiker Kameras um den Hals, so dass die Öffentlichkeit ihr Tun ständig beobachten kann. Für Gegner einer solchen "Transparenz" wird es dadurch immer schwieriger, sich der Entwicklung hin zum vollständig gläsernen Menschen zu entziehen.

Christoph Bieber hält diese Vorstellung für arg konstruiert. Für ihn sollten Fälle wie der von Hillary Clinton vor allem Anlass sein, darauf hinzuweisen, wie hart und gesundheitsbelastend der Job von Politikern ist - gerade weil viele Bürger meinen, sie täten wenig, bekämen dafür aber viel Geld.

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