Gesundheit von Politikern:Wie Spitzenpolitiker ihre Gebrechen verbergen

Wer körperlich robust ist, gilt auch als leistungsfähig. Politiker versuchen daher mit allen Mitteln, gesund zu wirken. John F. Kennedy oder Helmut Schmidt beherrschten dies virtuos.

Von Werner Bartens

Wechseln Fußballprofis den Verein, müssen sie zuvor einen Medizin-Check absolvieren. Bestehen sie den Test, ist das zwar keine Torgarantie, aber damit ist es zumindest wahrscheinlicher, dass sie die Saison überstehen. Für Berufspolitiker gibt es keine vergleichbaren Eignungstests. Dabei wäre es womöglich eine gute Idee, vorab die Physis und Psyche von Parlamentariern und Spitzenkandidaten zu überprüfen. Die Anforderungen, die an Körper und Geist gestellt werden, sind schließlich enorm: wenig Schlaf, Dauerbeschuss durch politische Gegner und sogenannte Parteifreunde, Sitzungen bis nach Mitternacht, üppige Gelage - und das bei meist wenig Bewegung.

Obendrein braucht es einen robusten Magen, um im Wahlkampf die lokalen Spezialitäten zu ertragen. Im Süden der Republik kommt es zusätzlich auf die Bierzelttauglichkeit an. Die Alkoholtoleranz von Politikern wäre noch ein eigenes Kapitel. Einerseits sind die Versuchungen bei den vielen Einladungen, Staatsbanketten und Nachtverhandlungen zahlreich, andererseits bleibt der späte Griff zur Flasche oft der einzige Trost nach einer frustrierenden Gremiensitzung.

Die Gesundheit von Spitzenpolitikern ist immer wieder ein Politikum - nicht nur wenn, wie jetzt, Hillary Clinton einen Schwächeanfall erleidet, der offenbar auf eine Lungenentzündung zurückzuführen ist und der nicht nur die Blutwerte der Kandidatin, sondern auch die Börsenkurse der weltweit mächtigsten Wirtschaftsnation durcheinanderbringt. In Wahlkampfzeiten kommt regelmäßig die Frage auf, ob eine Führungspersönlichkeit überhaupt für die zehrenden Aufgaben und den Dauerstress geeignet ist. Schließlich kann die Befindlichkeitsstörung der Spitzenkraft zur Malaise des ganzen Landes werden. Schnell wird gesundheitliche Schwäche mit politischer Schwäche gleichgesetzt.

Wer hingegen körperliche Robustheit demonstriert, gilt auch als politisch stabil. Helmut Kohl etwa war neben seiner Leibesfülle mit einer erstaunlichen Körperbeherrschung gesegnet. Seine anschwellenden Formen mögen Ärzte zu düsteren Fantasien über drohende Blutdruck- und Fettstoffwechselkrisen angeregt und um den Schlaf gebracht haben. Kohl selbst war hingegen auch nach durchdebattierten und durchzechten Nächten morgens wieder frisch und verhandlungssicher. Auch Gerhard Schröder hatte in dieser Hinsicht eine beachtliche Glaubwürdigkeit, die ihm auch in jeder Kneipe viel Anerkennung eingebracht hätte. Nicht erst sein zum Hit gesampelter Satz "Hol mir mal 'ne Flasche Bier" hat dazu beigetragen. Matthias Platzeck hingegen, phänotypisch eher ein zäher Typ, musste 2006 nach weniger als fünf Monaten sein Amt als SPD-Vorsitzender aufgeben, weil ihm die neue Aufgabe zu sehr zusetzte. Aus dem entscheidungsfreudigen Deichgrafen wurde in der öffentlichen Wahrnehmung der empfindliche Zauderer, bei dem Hörsturz und Kreislaufzusammenbruch anzeigten, dass er die Belastung höherer Aufgaben offenbar nicht aushielt.

Der jugendlich wirkende John F. Kennedy musste mehrmals in die Klinik

Dass die Darbietung vor Publikum oft keineswegs dem wahren Gesundheitszustand entsprechen muss, haben gerade populäre und vital wirkende Staatenlenker gezeigt. John F. Kennedy litt seit seiner Kindheit an Asthma, hatte schwere orthopädische Probleme und chronisch Morbus Addison. Diese Unterfunktion der Nebennierenrinde geht mit einer starken körperlichen Schwäche einher und zwang dem jugendlich wirkenden Präsidenten immer wieder geheim gehaltene Klinikaufenthalte auf. "Hätte die Nation gewusst, wie krank Kennedy wirklich ist, wäre er nie Präsident geworden", sagte ein Biograf später.

Und der asketische Hanseat Helmut Schmidt hat wohl an die 100 Ohnmachtsanfälle während seiner Amtszeit erlitten, was er aber so lange geheim hielt, bis er im Alter gottgleich verehrt und für seine damalige Disziplin umso mehr bewundert wurde. Während seiner Kanzlerschaft ließ Schmidt kaum mehr verlautbaren als den Einbau diverser Herzschrittmacher, ansonsten galt der Kanzler als ebenso unverwüstlich wie seine Schnodderschnauze.

Dass sichtbare Einschränkungen nicht gleichbedeutend mit Führungsschwäche sind, zeigen immer wieder Politiker im Rollstuhl. Franklin D. Roosevelt wurde trotz eines bereits 1921 diagnostizierten Polioleidens 1933 zum Präsidenten gewählt und blieb es zwölf Jahre lang. Auch dem Vertrauen in die Leistungskraft von Wolfgang Schäuble und Malu Dreyer tut es keinerlei Abbruch, dass sie komplett oder teilweise auf den Rollstuhl angewiesen sind. Der körperliche Eindruck kann auch Kompetenz vortäuschen, wie Clintons Kontrahent Donald Trump beweist. Körperlich wirkt er zwar auf der Höhe, politisch sprechen ihm jedoch viele Menschen diese Eignung ab.

© SZ vom 13.09.2016
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