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Politik im Advent:Immer mehr Deutsche sind wütend, unsicher und misstrauen Journalisten

Gewiss: Das Thema "Waffen in Amerika" ist speziell (wobei sich etwa in Nürnberg die Anträge für einen Waffenschein verdoppelt haben), doch die öffentliche Stimmung in Deutschland ist so angespannt, dass ich verstehen kann, wenn jemand schweigt und solche Diskussionen meidet. Ich entdecke immer mehr Amerikanisches in Westeuropa. Kurz vor der Wahl 2012 skandierten die Fans von Mitt Romney in Ohio vor dem Pressezelt: "Shame on you, do your job!" Auch in Deutschland schwindet das Vertrauen in die Medien ("Lügenpresse"), was jeder Journalist im Privatleben mitbekommt.

Da ist die Kollegin, deren Tischnachbarn bei einer Hochzeit sagen, nachdem sie ihren Beruf verraten hat: "Aha, dann wissen wir ja, worüber wir heute Abend nicht reden." Eine andere Journalistin aus dem Bekanntenkreis berichtet, wie der Kaminkehrer in Begleitung des Lehrlings beim Kaffee sagt: "Es wird ungemütlich werden und läuft auf einen Bürgerkrieg raus, wir gegen sie. Sie, das sind die Flüchtlinge, von denen die Hälfte zum IS gehöre." Auf ihre Frage, woher er das wisse, entgegnet er: "Kannst du überall nachlesen, nur halt nicht in deiner SZ."

Die Schilderungen dieser Behauptungen klingen für mich seltsam vertraut und erinnern an Gespräche mit Tea-Party-Aktivisten. Die US-Wirtschaft werde kollabieren, wenn Obamacare eingeführt wird. Wer regelmäßig einige Stunden Fox News guckt oder Talkradio hört, der kann diese Panik nachvollziehen: Kein Thema wird in ähnlich vielen Variationen durchgespielt wie der unvermeidliche Untergang der USA.

Dass es für die angeblichen Pläne der Regierung, hunderttausende Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen, keine Beweise gibt, dient als Beleg für die Hinterhältigkeit der Beamten: "Natürlich verraten die ihre Vorhaben nicht."

Sehnsucht nach vergangenen Zeiten

Hinter diesen paranoiden Gedanken (dass etwas nicht zu belegen ist, macht alles nur gefährlicher und bedrohlicher) steht eine große Unsicherheit. Die US-Gesellschaft verändert sich rasant: Spanisch ist schon heute die zweite Landesssprache und die weißen Caucasians werden 2042 in der Minderheit sein. Studien belegen: Es sind die älteren, weißen Männer, die am wütendsten sind - weil ihre Heimat nicht mehr so ist wie in ihrer Jugend.

Dass Wandel Angst machen kann, erlebt die deutsche Gesellschaft gerade im Schnelldurchlauf: Dieses Land kann nicht nur einseitig als Exportweltmeister von der Globalisierung profitieren, und sich zugleich abschotten von den Krisen der Welt, für deren Ausmaß auch Deutschlands Politiker (etwa durch Nichtstun) und Bürger (durch Wegschauen) mitverantwortlich sind.

Die eigene Überzeugung (pro oder contra Merkels Flüchtlingspolitik) beeinflusst bei jedem, wie er Informationen gewichtet. Facebook und die Filterblase führen dazu, dass jeder User vor allem Nachrichten sieht, die die eigene Meinung verstärkt. Doch anders als die meisten Amerikaner müssen viele Deutsche erst noch überlegen, wie sie bei diesen Diskussionen reagieren. Kämpft man für die eigene Position? Spricht man es aus, wenn man die Kommentare der eigenen Verwandten/Freunde/Kollegen als rassistisch empfindet - oder wird geschwiegen? Ein anderer Bekannter bilanziert die Diskussionen mit seinen Eltern:

"Es stört sie, dass überhaupt Geld für Fremde ausgegeben wird. Ein weiteres Thema war die absolut unmögliche Integration der 'ganzen Männer'. Der Hauptgrund sei das furchtbare Frauenbild der Araber etc. Vor allen Dingen das Tragen von Kopftüchern sehen sie als Affront gegen die heimische Kultur. Immer wieder Kopftuch und Frauenrechte. Die vielen Vietnamesen, die im Osten wohnen, hätten sich sehr gut integriert, die Kinder sind fleißig und die Frauen arbeiten genauso wie die Männer. (...) An diesem Gespräch war mir einfach alles peinlich und ich habe meine Eltern nicht wiedererkannt, dafür aber ganz andere Leute ("besorgte Bürger"), mit denen ich eigentlich nichts zu tun haben wollen würde. Mein Bruder und ich haben so lang argumentiert, wie wir konnten. Irgendwann haben wir aufgegeben ohne einen Kratzer zu hinterlassen. Aber ich liebe meine Eltern natürlich trotzdem!"

Flüchtlinge "Die Gesellschaft erwartet von Flüchtlingen, dass sie Übermenschen sind"
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Sexistisch und gefährlich? Diese Vorurteile über muslimische Männer sagen viel über die deutsche Gesellschaft aus, findet Publizistin Kübra Gümüşay.   Von Hannah Beitzer

Wahrscheinlich sind jene in der Minderheit, die sich heute schon gruseln vor den Tischgesprächen rund um Weihnachten. Und den anstehenden Diskussionen auszuweichen, auch wenn sie unangenehm sind, ist sicher nicht die richtige Strategie. Es sind eminent politische Zeiten, in denen es darum geht, wie die deutsche Gesellschaft jetzt reagiert - und wie die Europäische Union in Zukunft aussehen soll. Darüber darf, soll und muss diskutiert werden.

Und wenn es gelingt, mit Respekt zuzuhören und zu versuchen, die Eindrücke und Sorgen der Anderen zumindest teilweise nachzuvollziehen, muss es ja nicht zum Familien-Streit kommen. Die englische Formel we agree to disagree, also das Eingeständnis, anderer Meinung zu sein, bietet einen guten Ausweg.

Die lange Tradition der Amerikaner, sich an Thanksgiving mit "drunk uncle" und anderen Verwandten zu streiten, lässt sich ja auch so interpretieren: Im nächsten Jahr sitzen trotzdem wieder alle am gleichen Tisch, weil ja alle zur Familie gehören. Der Kolumnist EJ Dionne formuliert es so: "Als Kind haben mir die rauen Diskussionen an Thanksgiving, die meine Familie so sehr zelebierte, eines gezeigt: Liebe und Meinungsverschiedenheiten sind keine Gegensätze."

Linktipps:

Politico gibt in diesem sehr lustigen - und sehr amerikanischen - Text Tipps, wie man selbst zum "Crazy Uncle" am heimischen Küchentisch werden. Und wieso der "drunk uncle" aus Saturday Night Live ein großer Fan Donald Trump ist, zeigt dieser Sketch.