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Bundestagswahlkampf:Warum es noch Wahlplakate gibt

CDU-Generalsekretär Tauber stellt Wahlplakat vor

CDU-Generalsekretär Peter Tauber stellt in Berlin die zweite Plakatserie zur Bundestagswahl 2017 vor.

(Foto: dpa)

Deutschland steht an der Schwelle zum digitalen Zeitalter, aber die Parteien machen auch analogen Wahlkampf mit Plakaten. Langweilig? Ja, aber die Plakate haben noch immer mehrere Funktionen.

Was ist in den vergangenen Jahren nicht alles über die Bedeutung des Digitalen in der Politik diskutiert worden. Bald würden Facebook, Twitter und maßgeschneiderte Mailing-Aktionen die Wahlkämpfe dominieren, hieß es allenthalben. Ohne intensive Nutzung der sozialen Medien und des sogenannten Micro-Targetings werde keine Partei mehr reüssieren können. Und jetzt hängt doch wieder an fast jeder Laterne ein Wahlplakat. Deutschland steht an der Schwelle zum digitalen Zeitalter, aber die Parteien machen immer noch analogen Wahlkampf. Das gilt auch für die Haustür-Besuche, die gerade eine Renaissance erfahren. Haben CDU, SPD & Co. die Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Unbestritten ist, dass Wahlplakate wichtige Zeugen ihrer Epoche sind. "Keine Experimente! Konrad Adenauer", "Damit Sie auch morgen in Frieden leben können" (Willy Brandt) oder "Der bessere Mann muss Kanzler bleiben: Helmut Schmidt" sind Wegmarken der Nachkriegsgeschichte. Das gilt auch für das Sonnenblumen-Plakat der Grünen aus dem Europawahlkampf 1979. Bis heute ist die Blume Symbol der Partei. Aber warum werden auch in Zeiten des Internets noch Plakate aufgehängt?

Allein die CDU hat 300 000 Kleinplakate drucken lassen. Außerdem lässt sie im ganzen Land Großplakate aufstellen - bis zum Wahltag sollen es 22 000 sein. Am Wochenende startet die CDU bereits ihre zweite Plakatwelle. Auf den neuen Motiven wird Angela Merkel zu sehen sein, daneben stehen Botschaften wie: "Das große Ganze beginnt mit einem Ohr für die kleinen Dinge." Kann jemand ernsthaft glauben, dass man mit derlei aus einem Sozialdemokraten oder Grünen einen CDU-Wähler macht?

Wahlplakate

Viel Farbe, wenig Inhalt

Kommunikations- und Meinungsforscher kommen tatsächlich zu dem Ergebnis, dass sogar die besten Motive kaum jemanden zu einem Wechsel seiner Einstellungen bewegen. Sinnvoll seien die Botschaften an den Laternen trotzdem. Denn sie hätten gleich mehrere Funktionen, auf die die Parteien nicht verzichten wollen.

Plakate können Kernthemen auf die Agenda bringen

Die Plakate signalisieren den Bürgern, dass jetzt eine Wahl ansteht und es Zeit ist, sich damit zu beschäftigen. Die Plakate haben immer noch die größte Reichweite aller Wahlkampf-Instrumente. Und politisch Interessierte übersehen gern, dass die meisten Bürger sich erst dann mit Details der Politik zu befassen beginnen, wenn sie selbst aller Themen bereits überdrüssig sind. Fast die Hälfte der Wahlberechtigten weiß heute noch nicht, wie sie am 24. September abstimmen wird. Außerdem versuchen die Parteien, mit den Plakaten ihre Kernthemen auf die Agenda zu setzen. Wenn Deutschland über die Dieselaffäre debattiert, dürfte das eher den Grünen nutzen, das Gleiche gilt für die soziale Gerechtigkeit und die SPD oder für die Zuwanderung und die AfD.

Plakate werden im Schnitt nur zwei Sekunden angesehen. Auch deshalb ist es kein Wunder, dass auf ihnen kaum Inhalte zu finden sind - Textplakate funktionieren nicht. In den zwei Sekunden soll vor allem ein positives Grundgefühl für die jeweilige Partei ins Unterbewusstsein geprägt werden. Das macht die Plakate zwar nicht wirkungslos, aber langweilig. Hinzu kommt, dass die ideologische Polarisierung seit den Siebzigerjahren deutlich abgenommen hat. Mit ihrem legendären "Freiheit statt Sozialismus"-Plakat würde die Union heute mehr Wähler verschrecken als gewinnen.

Die CDU bringt all das in eine bequeme Lage. Sie mag zwar keine ausgeklügelten Inhalte besitzen, aber sie hat die immer noch erstaunlich beliebte Kanzlerin. Jean-Remy von Matt, dessen Agentur Wahlkampf für die CDU macht, sagt, er habe noch nie ein "so überlegenes Produkt wie Frau Merkel" bewerben dürfen. Deshalb ist auf den CDU-Plakaten vor allem eines zu sehen: Angela Merkel. Zumindest bisher scheint das auch zu funktionieren.

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