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Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg:Schnittmuster des Erfolgs

"Peinlich und erbärmlich": Karl-Theodor zu Guttenberg hat sich für seine Dissertation bei mehreren Autoren bedient, ohne das angemessen kenntlich zu machen. Diese wundern sich, warum er ihre Texte nicht einfach zitiert hat.

R. Preuß, T. Schultz und M. Kotynek

Klara Obermüller klingt erst belustigt, als sie in der Schweiz den Telefonhörer abnimmt. Plötzlich ein so großes Interesse an ihrem fast acht Jahre alten Text in der NZZ am Sonntag, und alles nur wegen Karl-Theodor zu Guttenberg. Das amüsiert sie fast. Der Artikel der Schweizer Publizistin findet sich zum Großteil wortgleich in Guttenbergs veröffentlichter Doktorarbeit, ohne dass es einen Hinweis auf die Quelle gibt.

Und so weicht die Heiterkeit schnell dem Ärger über das Vorgehen des Politikers. "Das finde ich schon peinlich und erbärmlich, man muss heute damit rechnen, dass so etwas herauskommt", sagt Obermüller. Es hätte doch keine Mühe gekostet, "vorne und hinten Anführungszeichen und unten eine Fußnote zu setzen". Hätte Guttenberg sie ordnungsgemäß zitiert, hätte sie sich "geehrt gefühlt", sagt Obermüller.

Die 70-Jährige ist promovierte Literaturwissenschaftlerin; sie arbeitete als Journalistin unter anderem als Ressortleiterin Kultur bei der Weltwoche und als Moderatorin im Schweizer Fernsehen. Dass versehentlich sie selbst einen Text Guttenbergs übernommen haben könnte, schließt sie aus. "Das ist eine aus dem Stand geschriebene Kolumne, ich kannte Guttenberg zu dieser Zeit noch gar nicht."

Und gegen diesen unwahrscheinlichen Fall spricht auch die Zeitabfolge: Der NZZ-Text erschien 2003, Guttenberg reichte seine Dissertation 2006 ein. Auf rechtliche Schritte wegen möglicher Verletzung des Urheberrechts will Obermüller dennoch verzichten. Der Chefredakteur der Zeitung, Felix Müller, verlangte allerdings von Guttenberg eine Entschuldigung.

"Klarer Regelverstoß"

Unverständnis über Guttenbergs Vorgehensweise zeigt auch Wilfried Marxer, Forschungsleiter am Liechtenstein-Institut. Passagen aus einem seiner Vorträge über Demokratie tauchen wortgleich in Guttenbergs Dissertation auf. Es geht um Referenden in den Bundesstaaten der USA. Keine besonders großen Erkenntnisse, wie Marxer selbst sagt: "Das hätte er ohne viel Aufwand in eigene Worte kleiden können." Marxer will die Stellen noch genau prüfen, nach derzeitigem Stand wundert er sich aber darüber, dass sein Text nicht einmal im Literaturverzeichnis auftaucht.

Andere Autoren werden zwar wenigstens in den Literaturangaben genannt; doch der Umgang mit ihnen in Guttenbergs Dissertation widerspricht nach Ansicht mehrerer Juristen klar den Regeln für korrektes wissenschaftliches Arbeiten. Besonders gravierend ist die jetzt entdeckte Wortgleichheit schon in der Einleitung der Dissertation.

So sind die ersten beiden Absätze fast identisch mit einem FAZ-Artikel der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. Einen Hinweis auf diesen Artikel sucht man in Guttenbergs Einleitung aber vergeblich. Zehnpfennig zeigte sich überrascht und sprach von einem "klaren Regelverstoß". Sie sei gefragt worden, ob sie sich geschmeichelt fühle, dass Guttenbergs Textbeginn mit ihrem Artikel übereinstimmt. Sie fühle sich aber nicht geschmeichelt, sagte Zehnpfennig.

"Es geht so einfach nicht"

Und noch weitere Stellen hat die SZ gefunden, die bisher nicht bekannt waren und bei denen mindestens der Vorwurf einer schlampigen Zitierweise erhoben werden kann. Dies betrifft unter anderem die Göttinger Habilitationsschrift von Thomas Schmitz "Integration in der Supranationalen Union" aus dem Jahr 2001. Zwar nennt Guttenberg diese Schrift auf der Seite 148 seiner Dissertation in einer Fußnote; er verschweigt die Quelle dann aber auf den folgenden Seiten, in denen sich wortgleich Sätze aus Schmitz' Arbeit wiederfinden.

Guttenberg kann sich damit den Vorwurf einhandeln, "Scheinzitate" benutzt zu haben. So nennt der Experte Volker Rieble, Jura-Professor in München, Verweise auf Literatur, die das eigentliche Ausmaß einer Kopie und eines Plagiats verschleiern. Nach erster Sichtung der bekannten Fälle kommt Rieble zu einem harschen Urteil über Guttenbergs Dissertation: "Es geht so einfach nicht." Wörtliche Übernahmen müssten in jedem Fall gekennzeichnet werden.

"Prominenz kann kein Schutzschild sein"

Guttenberg nannte die vernichtenden Vorwürfe "abstrus", auch sein Doktorvater Peter Häberle stärkte ihm den Rücken und betonte, die wissenschaftliche Arbeit des Politikers sei "erstklassig". Die Dissertation trägt den Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU". Sie wurde 2009 in einem Fachverlag veröffentlicht. Alle Vorwürfe beziehen sich auf diese veröffentlichte Fassung. Guttenberg hatte nach eigenen Angaben im Vorwort im Vergleich zur eingereichten Version noch leichte Veränderungen vorgenommen.

Die Universität Bayreuth, die Guttenbergs Arbeit angenommen hatte, prüft nun den Fall. Guttenberg betonte in einer allgemeinen Stellungnahme, dass seine Dissertation seine eigene Leistung gewesen sei und Mitarbeiter seines Büros nicht an der wissenschaftlichen Erarbeitung der Dissertation mitgewirkt hätten.

Ein Kapitel der Arbeit, in dem es um den "Gottesbezug in den Verfassungen" geht, beruht auf einem Vortrag, den Guttenberg im Mai 2004 gehalten hat. Dies besagt eine Fußnote zu Beginn des Kapitels. Darin heißt es zudem, dass die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages "wichtige Grundlagenarbeit für den Vortrag" geleistet hätten. Es handelt sich dabei um das Kapitel, in dem auch jene Passagen stehen, die wortgleich sind zu Klara Obermüllers Artikel in der NZZ am Sonntag.

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) betonte am Mittwoch, es gelte auch für den Verteidigungsminister die Unschuldsvermutung, allerdings: "Prominenz kann kein Schutzschild sein", sagte ein DHV-Sprecher. Die Vorwürfe müssten geklärt werden. Wenn sie sich als triftig herausstellten, müsse die Universität Bayreuth Konsequenzen daraus ziehen. Der DHV ist die Standesvertretung der Professorenschaft in Deutschland und hat seit einigen Jahren den Kampf gegen Plagiate verschärft.

© SZ vom 17.02.2011/mob

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