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Prominente Plagiate:Seins oder nicht seins?

Prominente politische Persönlichkeiten wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Annette Schavan stolperten über Plagiatsvorwürfe wegen ihrer Doktorarbeit. Dabei haben sich vor ihm schon ganz andere mit fremden Federn geschmückt. Berühmte Plagiatsvorwürfe der Literaturgeschichte.

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Karl-Theodor zu Guttenberg Book Goes On Sale

Quelle: Getty Images

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Prominente politische Persönlichkeiten wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Annette Schavan stolperten über Plagiatsvorwürfe wegen ihrer Doktorarbeit. Dabei haben sich vor ihm schon ganz andere mit fremden Federn geschmückt.  Berühmte Plagiatsvorwürfe der Literaturgeschichte.

Vor einem Jahr nahm die rasante Karriere des einstigen Politstars ein jähes Ende: Karl-Theodor zu Guttenberg trat von allen Ämtern zurück. Der Grund: Es stellte sich heraus, dass zahlreiche Passagen in seiner Doktorarbeit nicht aus seiner Feder stammten. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich nur wenige Monate später mit einem neuen Werk zurückzumelden: Mit seinem Buch "Vorerst gescheitert" schaffte er es 2011 erneut kurzzeitig in die Schlagzeilen. Neue Erklärungen für die abgekupferten Stellen seiner Doktorarbeit enthielt das Interview mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo allerdings nicht.

Fest steht aber: Er ist nicht der erste, der sich mit Plagiatsvorwürfen auseinanderzusetzen hatte. Gerade in der Literaturgeschichte gibt es viele andere Geschichten. Eine Auswahl.

Text und Bildauswahl: David Krenz und Katharina Riehl/Süddeutsche.de/rus/bgr/hai

Hegemann, dpa

Quelle: dpa

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Auch bei ihr war die Aufregung groß: 2010 war die damals erst 17-jährige Helene Hegemann für ihren Berlin-Roman Axolotl Roadkill als neues Fräuleinwunder der Literatur hochgejubelt worden, dann wurde bekannt, dass sie ganze Passagen für ihr Buch nahezu eins zu eins aus den Texten eines Bloggers übernommen hat. Die Nachwuchsautorin hat sich dafür entschuldigt, allzu viel mehr hat man seitdem von ihr nicht mehr gehört. Vielleicht schreibt sie ja gerade ein Buch.

Dan Brown, Filmverleih

Quelle: Verleih

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Auch das nächste Beispiel unserer kleinen Plagiatsliste liegt noch gar nicht allzu lange zurück: So sah sich selbst Bestsellerautor und Meister der Verschwörungstheorie, Dan Brown, nach der Veröffentlichung seines 50-Millionen-Sellers Sakrileg (Englisch: The Da Vinci Code) Plagiatsvorwürfen ausgesetzt: Die Urheberrechtsklage der Historiker Michael Baigent und Richard Leigh gelangte bis vor dem Royal High Court des Vereinigten Königreichs.

Sie fanden die zentralen Thesen ihres verschwörungstheoretischen Sachbuchs Der heilige Gral und seine Erben in Browns Roman wieder und verlangten zehn Millionen Pfund Schadensersatz. Doch die beiden gingen leer aus; Brown hatte nie bestritten, das Sachbuch als eine seiner Hauptquellen benutzt zu haben, die Namen der zwei Gralsexperten wurden gar als Anagramme im Sakrileg verewigt. Hegemann hat sich ab der zweiten Auflage ihres Axolotls für eine Danksagung entschieden.

Tom Hanks und Audrey Tautou in Film "The Da Vinci Code".

George W. Bush Signs Copies Of His New Memoir 'Decision Points'

Quelle: AFP

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Wahrscheinlich prominentester Plagiat-Sünder ist der ehemalige US-Präsident George W. Bush. Ihm wurde vorgeworfen in seinen Memoiren Decision Points nicht nur Lügen verbreitet, sondern auch bei anderen Autoren abgekupfert zu haben, ohne Quellen anzugeben. Bush erzähle immer wieder Anekdoten, die andere veröffentlicht haben oder bediene sich aus Sachbüchern und Artikeln, die sich mit politischen Ereignissen in seiner Regierungszeit befassen. Dabei ließe es der Texaner so aussehen, als ob er selbst dabei gewesen wäre.

Besonders pikant sei die Tatsache, dass der Texaner auf Bücher zurückgreift, die bei ihrem Erscheinen von der damaligen Bush-Regierung als fehlerhaft kritisiert wurden. Viele Passagen in Decision Points seien zwar bearbeitet, aber die Ähnlichkeit der Formulierungen sei unbestreitbar.

In den Übereinstimmungen zwischen den Worten des ehemaligen Präsidenten und anderer Autoren sieht Bushs Verleger eine Bestätigung für dessen Genauigkeit. Der Journalist Ryan Grim, der den Plagiat-Vorwurf äußerte, hat dafür eine andere Erklärung: "Er ist zu faul, um seine Memoiren selbst zu schreiben."

Bertolt Brecht, dpa

Quelle: dpa

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Auch Bertolt Brecht hatte sich mit dem Plagiatsvorwurf auseinanderzusetzen. Nach der Premiere der Dreigroschenoper trat der Theaterkritiker Alfred Kerr mit der Behauptung auf, Brecht habe sich kräftig an Liedern des mittelalterlichen Barden François Villon bedient.

Kerr konnte seine These mit wortgetreuen Übereinstimmungen beider Werke belegen. Brecht, der den historischen Bezug im Programmheft nicht erwähnt hatte, glättete die Wogen mit einem selbstverfassten Sonett mit dem Titel Laxheit im Umgang mit geistigem Eigentum, in dem er augenzwinkernde Selbstkritik übt: "Nehm jeder sich heraus, was er grad braucht! Ich selber hab mir was herausgenommen." Auch Hegemann hielt es in ihrer Verteidigungshaltung eher mit Brecht - und erhob das Plagiat gleich zur Kunstform.

Tannoed, Filmverleih

Quelle: Verleih

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Der Streit um den preisgekrönten Kriminalroman Tannöd der bayerischen Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel wurde zum Justizkrimi. Der Sachbuchautor Peter Leuschner hatte vor Gericht behauptet, Schenkel habe aus seinem Sachbuch Der Mordfall Hinterkaifeck abgeschrieben. Beide Bücher beschäftigen sich mit einer wahren Tragödie aus dem Jahr 1922, als ein Serienmörder in Oberbayern sechs Menschen auf bestialische Weise tötete.

Zwar seien die Fakten des realen Mordfalls urheberrechtlich nicht geschützt, doch Leuchner hatte argumentiert, Schenkel habe für Tannöd wesentliche seiner Szene- und Handlungselemente übernommen, die allein auf seiner Fantasie basierten. Er verlangte 500.000 Euro Schadensersatz und das Einstampfen aller Tannöd-Exemplare. Die Gerichte sahen das anders - nach zweijährigem Rechtsstreit wurde die Klage in letzter Instanz abgewiesen.

Julia Jentsch im Film "Tannöd" (2009).

Stouffer, AP

Quelle: AP

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Mit einer dicken Schadensersatzklage zog auch die amerikanische Kinderbuchautorin Nancy Stoufler vor Gericht. Ihr Plagiatsvorwurf zielte auf ein besonders prominentes Opfer: Johanne K. Rowling, die geistige Mutter der Harry-Potter-Reihe. Genau das sei Rowling nämlich nicht, so Stoufler. In Wahrheit sei der bebrillte Zauberschüler auf ihrem, Stouflers, Mist gewachsen. Zur Unterstützung ihrer Klage legte sie eigene Werke vor, die Kinderbücher Larry Potter und The Legend of Rah and the Muggles, die angeblich bereits in den achtziger Jahren auf den Markt gekommen waren.

Die Richter bezweifelten jedoch, dass die Figur Larry Potter tatsächlich vor dem ungleich berühmteren Namensvetter das Licht der literarischen Welt erblickte: Die Beweismaterialien waren mit Technologien erstellt worden, die es zum Zeitpunkt des angeblichen Erscheinens noch nicht gab. Zudem hatte Stoufler gefälschte Rechnungen von Buchverkäufen vorgelegt und eine Werbeanzeige präsentiert, in die nachträglich das Wort "Muggles" eingefügt worden war. Stoufler schoss mit ihrer Klage ein Eigentor: Wegen Betrugs wurde sie zu einer Strafe von 50.000 Dollar verdonnert.

JK Rowling, AP

Quelle: AP

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Nicht nur Stoufler wollte sich an Johanne K. Rowlings literarischem Schatz bereichern. Chinesische Fälscherbanden brachten bereits lange vor der offziellen Weiterführung der Potter-Serie Nachahmungen heraus. Die Klone wurden mit - für chinesische Fälscherohren - rowlingesken Titeln wie Harry Potter und der Leopardenpfad zum Drachen versehen.

Den Inhalt kopierte man wild aus den Originalwerken zusammen. Zum Ärger des offiziellen Verlags der chinesischen Potter-Ausgabe fanden die Mogelpackungen reißenden Absatz - dabei hätten Fans spätestens dann stutzig werden sollen, als auf dem Schwarzmarkt ein achter Harry Potter erschien. Rowling (im Bild) selbst hatte die Serie nach sieben Titeln zum Abschluss gebracht.

Shakespeare, dpa

Quelle: dpa

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Der Fall William Shakespeare verdeutlicht: Nachahmungen in der Literatur gibt es nicht erst seit dem Zeitalter von copy & paste. Nach Erkenntnissen von Kulturhistorikern soll der große englische Dramatiker die Motive nahezu aller seiner Stücke bei Kollegen "geborgt" haben. Allerdings wirkte der alte Bill in einer Zeit, in der Autorennamen eher unwichtig waren und Geschichten als Volksgut galten. Von dem Begriff "Urheberrecht" hatte jedenfalls noch niemand gehört.

Lolita, dpa

Quelle: dpa

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Das doppelte Nymphchen: International für Aufregung sorgte eine Entdeckung des Literaturkritikers Michael Maar von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In einem Erzählband des nahezu unbekannten deutschen Autors Heinz von Lichberg stieß er 2004 auf eine Geschichte, die deutliche Paralellen zum großen Skandalroman des zwanzigsten Jahrhunderts, Lolita von Vladmir Nabokov, aufwies.

Maar begründete sein Déjà-vu-Erlebnis umfassend: "Erstens: Es ist derselbe Name der Heldin und der identische Titel. Zweitens: Sie ist blutjung. Drittens: Sie ist die Tochter des Vermieters einer Pension am Meer (eines Sees), in der der Ich-Erzähler Urlaub verbringen will. Viertens: Sie hat eine Affäre mit diesem Erzähler und verführt ihn. Fünftens: Sie ist wie das spätere Nymphchen eine Wiedergängerin, und wie in der späteren Lolita ist das Thema der Bann der Vergangenheit. Sechstens: Das Finale ist eine groteske, traumartige Mordszene. Siebtens: Nabokovs Lolita stirbt nach der Entbindung eines Mädchens, Lichbergs Lola wird nach der Geburt ihrer Tochter ermordet. Der Erzähler bleibt gebrochenen Herzens zurück, wurde aber von Lolita zum Dichter gemacht."

Tatsächlich müssen die Ähnlichkeiten beider Werke nicht rein zufällig sein, ...

Dominique Swain im Film "Lolita" von 1997.

Nabokov, dpa

Quelle: dpa

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... lebten doch sowohl von Lichberg als auch Nabokov (im Bild) in den Zwanziger und Dreißiger Jahren in Berlin.

Und sollten Sie auch demnächst Ihre Blogeinträge in der großen Weltliteratur, oder ihre Seminararbeit in der Dissertation eines Politikers wiederfinden, trösten Sie sich mit folgendem Zitat des selten erreichten Theodor Fontane: "Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente."

© sueddeutsche.de/kar

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