Bundesparteitag in Hannover Die Grünen suchen die Mitte

Die Erfolge in Baden-Württemberg haben die Grünen mit ihrer eigenen Spießigkeit versöhnt. Jetzt wollen sie mit Fleiß und Anstand die Mitte erobern, der Union die Wähler wegnehmen. Strategisch klug gedacht. Die Frage ist nur: Wie grün ist die Mitte? Und wie Mitte sind die Grünen?

Eine Analyse von Thorsten Denkler, Hannover

Zu dritt hämmern sie es den Delegierten ein: Parteichef Cem Özdemir, Stuttgart-Gewinner Fritz Kuhn, Spitzenfrau Katrin Göring-Eckardt: "Natürlich sind wir konservativ", sagt Özdemir. "Das Bürgertum hat die CDU nicht gepachtet", sagt Kuhn. "Uns geht es immer um die Freiheit", sagt Göring-Eckardt. Und alle drei sagen fast wortgleich: Mit der Union koalieren wollen sie nicht. Was sie aber wollen, das sind deren Wähler.

Erstaunlich viel Applaus bekommen sie dafür auf diesem Parteitag der Grünen in Hannover. Was ist los mit dieser Partei? Sind das nicht die linken Atomkraftgegner, die statt des Sonntagsspaziergangs gerne mal schottern gehen? Sind das nicht die, die mit Vermögensteuer, höheren Spitzensteuersätzen und mehr Erbschaftsteuer ihre Umverteilungsphantasien ausleben wollen?

Die Grünen, das war doch mal eine linke Partei, oder? Und jetzt wollen sie die Wähler der Union gewinnen. Irgendwas passt da doch nicht zusammen.

Diese Debatte ist so alt wie die Grünen selbst. Die Partei hat ihre Wurzeln in den Mikrokosmen der bürgerlichen Gesellschaft. Es waren die Kinder des bürgerlichen Spießertums der Sechziger- und Siebzigerjahre, die die Grünen gegründet haben. Lange Haare, Strickpullis und Müsli am Morgen, mehr brauchte es nicht zur Rebellion.

Rhetorischer Kniff

Zur Rebellion gehörte auch, dem Wald mehr Beachtung zu schenken als den rauchenden Schloten im industrialisierten Nachkriegsdeutschland. Rebellion war, den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. Die Reichen, das waren nämlich in der Regel die eigenen Eltern.

Rebellion aber ist Konflikt. Und Konflikte wollen gelöst werden. Vielleicht sind die Erfolge der Grünen im bürgerlichsten aller Bundesländer, in Baden-Württemberg, auch ein Stück weit Versöhnung mit der eigenen spießigen Bürgerlichkeit.

Bisher aber galt: Die Grünen zeigen sich gegenüber der CDU und CSU grundsätzlich koalitionsfähig. Im Saarland und in Hamburg haben sie es schon probiert. Immer aber haben die Grünen auf ihrer ureigenen Programmatik fußend Kompromisse ausgelotet und geschlossen.

Ein Unterschied aber ist, der Union die Wähler abspenstig machen zu wollen. Diese Wähler wollen ein Angebot. Dafür müssten sich die Grünen auf sie zu bewegen.

Strategisch ergibt das durchaus Sinn: Zum einen können die Grünen mit diesem rhetorischen Kniff die leidige Schwarz-Grün-Debatte kanalisieren. Wer auch immer bisher in Verdacht stand, Schwarz-Grün als reale Option für die Zeit nach der Bundestagswahl 2013 zu sehen, der sage einfach, er will nicht die Union, er will deren Wähler. Gegen Stimmenmaximierung kann niemand etwas haben.

Zum anderen kann mit so einer Strategie, wenn sie denn erfolgreich ist, das eingemauerte linke Lager aufgebrochen werden. Stimmen jagen sich Linke, Sozialdemokraten und Grüne bisher hauptsächlich gegenseitig ab. Wobei es aus grüner Sicht mit der SPD den größten Austausch gibt. Im schlimmsten Fall ist das ein Nullsummenspiel. Gewinnen die Grünen, verliert die SPD - und umgekehrt. Wahlen sind so nicht zu gewinnen. Über Sieg und Niederlage eines Lagers entscheiden am Ende wenige Prozentpunkte. Die können nur beim Gegner geholt werden. Weil die SPD das nicht kann (sie ist immer noch damit beschäftigt, die Linke in Schach zu halten), müssen es eben die Grünen machen.

Aber bei aller neuer grüner Bürgerlichkeit: Das ist im Moment nur Habitus. Anstand, Manieren - die Grünen nehmen für sich in Anspruch, respektvoller und fairer miteinander umzugehen, als es die Wähler der klassischen bürgerlichen Parteien aus Union und FDP von deren Personal gewohnt ist.

Programmatisch aber stehen die Grünen klar links der Mitte. Und wenn es nach dem männlichen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin geht, wird das auch so bleiben. Er sagte auf dem Parteitag: "Die Mitte in Deutschland ist die grüne Mitte, es ist eine linke Mitte."

Er geht davon aus, oder hofft vielleicht einfach nur, dass nicht die Grünen sich nach rechts verschieben müssen, um in der Mitte anzukommen. Sondern dass sich die Mitte längst Richtung grün und weg von der CDU verschoben hat.

Inhaltlich gibt es dafür ein paar Anhaltspunkte: Jeder soll von seiner Arbeit leben können, ohne auf staatliche Stütze angewiesen zu sein. Dieser klassisch linke Satz ist inzwischen Mitte-Mainstream. Sogar die CDU hat das erkannt und ein eigenes Mindestlohnmodell erarbeitet. Dass die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinanderklaffen darf, gehört auch zu den Erkenntnissen, die in der Mitte angekommen sind.

Ebenso wie der Begriff der Nachhaltigkeit. Der oberste Bürger der Republik, Bundespräsident Joachim Gauck, hat das erst am Freitag auf dem Führungstreffen Wirtschaft der Süddeutschen Zeitung klar gemacht: Werte wie Menschenwürde, Menschenrechte, Respekt oder Demokratie "dürfen wir nirgendwo abgeben - an keinem Fabriktor der Welt." Schwarze Zahlen könnten kein Grund dafür sein, "rote Linien zu überschreiten". Eine heute zutiefst bürgerliche Haltung. Aber eben auch eine zutiefst grüne.