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Grünen-Bundesparteitag in Hannover:So bürgerlich waren die Grünen nie

Schwarz-Grün? Nein, lieber bei den Schwarzen wildern: Cem Özdemir und Fritz Kuhn rufen auf dem Grünen-Bundesparteitag eine neue Bürgerlichkeit aus. Das Motto: Wieso mit der Union regieren, wenn man ihre Wähler abgreifen kann? Das "Monopol" der CDU auf die bürgerliche Mitte sei gebrochen.

Thorsten Denkler und Michael König, Hannover

Vor 20 Jahren wäre Cem Özdemir für so einen Satz verdroschen worden, zumindest verbal. "Wir wollen nicht die Union, wir wollen die Stimmen der Union", sagt der Vorsitzende der Grünen beim Auftakt des Bundesparteitags in Hannover. Es gibt keinen Aufruhr, es gibt kräftigen Applaus.

Parteitag der Grünen

Grünen-Chef Cem Özdemir auf dem Parteitag: "Meine Kinder dürfen nicht fernsehen, wenn Schwarz-Gelb da miteinander streitet. Sie sollen schließlich mal anständige Bürger werden."

(Foto: dpa)

Vor drei Jahren sah das anders aus. Damals unterbrach die Grüne Jugend die Rede des saarländischen Landesvorsitzenden Hubert Ulrich, weil er es gewagt hatte, mit CDU und FDP zu koalieren. Sie nannten ihn einen "CDU-Liebhaber" und hängten ihm Herzchen um. Das war nicht nett gemeint, das war Protest. "Bürgerlich" war ein Schimpfwort für viele Grüne. Und heute?

Özdemir zufolge sind die Grünen inzwischen die besseren Bürgerlichen. Und stolz darauf. Selbstverständlich sei seine Partei konservativ, sagt Özdemir. "Wir sind wertkonservativ, nicht strukturkonservativ wie die Union." Er lasse sich "von niemandem mehr erklären, was bürgerlich heißt". Schwarz-Gelb sei es jedenfalls nicht: "Meine Kinder dürfen nicht fernsehen, wenn Schwarz-Gelb da miteinander streitet. Sie sollen schließlich mal anständige Bürger werden."

Eigentlich soll es in Hannover um Sozialpolitik gehen, um Europa und das neue Spitzenduo Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt, das die Grünen in die Bundestagswahl führen soll. Sie wurden in einer Urwahl bestimmt, die die Grünen jetzt als Musterbeispiel für Mitbestimmung und Transparenz verkaufen. Andere sehen darin eine Gelegenheit, wieder verstärkt über Schwarz-Grün zu reden. Eine Debatte, die viele an der Wahl von Göring-Eckardt festmachen. Als Präses der Synode der Evangelischen Kirche wird ihr am ehesten zugetraut, neue Wählerschichten in der Mitte anzusprechen.

Özdemir widmet dem Thema den Großteil seiner Rede. Er grenzt sich einerseits von Union und FDP ab, um andererseits zuzugeben, in deren Wählerlager wildern zu wollen. Das ist in dieser Vehemenz überraschend. Bisher haben Anhänger schwarz-grüner Visionen nur vage von Wählern in der bürgerlichen Mitte gesprochen. Dass sie gezielt der Union die Wähler abspenstig machen wollen, ist neu.

Özdemir zeigt damit durchaus Mut. Am Samstag stellt er sich als Bundesvorsitzender zur Wiederwahl. Dabei konkurriert er mit seiner Ko-Vorsitzenden Claudia Roth um das bessere Wahlergebnis. Roth hatte bei der Urwahl der Spitzenkandidaten mit 26 Prozent ein schlechtes Ergebnis eingefahren.

Außerdem geht es für Özdemir um einen möglichst guten Listenplatz für die Bundestagswahl. Gegen ihn tritt in seinem Heimatverband der Haushaltspolitiker Gerhard Schick an. Im Dezember fällt die Entscheidung. Bei der vergangenen Wahl hatten die Grünen Özdemir den Listenplatz noch verwehrt. Ein zweites Mal würde seine Karriere wohl stark beschädigen.

In Özdemirs Heimat ist die grüne Bürgerlichkeit längst etabliert. Winfried Kretschmann ist Ministerpräsident geworden, weil er als frommer Schützenbruder auch viele enttäuschte CDU-Wähler angesprochen hat. Mit einem ähnlichen Wahlkampf hat Fritz Kuhn die Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart für sich entschieden. Ihn bittet Özdemir zum Ende seiner Rede auf die Bühne, um auch ein paar Worte zu sagen. Kuhn macht den bürgerlichen Doppelschlag perfekt.

Er habe im Wahlkampf von der CDU "die Fresse voll bekommen", sagt Kuhn. Mit ihr zusammengehen könne er deshalb nicht, "so viel Masochismus haben wir nicht nötig". Stattdessen sollten die Grünen sich deren Wählern widmen: "Die CDU hat die Bürgerlichkeit nicht gepachtet, das Monopol der CDU auf die Bürgerlichkeit ist gebrochen."

© Süddeutsche.de/gba

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