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Partei im Umfragetief:Die Grünen wissen nicht, was sie tun

Özdemir und Kretschmann

Winfried Kretschmann und Cem Özdemir: Wenn ausgerechnet die beiden kein Mittel finden, um sich auf eine Linie festzulegen, dann droht etwas furchtbar schief zu laufen.

(Foto: dpa)

Der Ärger zwischen Özdemir und Kretschmann legt die ganze Malaise der Grünen offen: Die Parteispitze entfaltet keine Anziehungskraft - und alle anderen funken dazwischen, statt zu helfen.

Ausgerechnet das. Ausgerechnet ein Streit zwischen Cem Özdemir und Winfried Kretschmann. Existenzieller kann die Malaise, in der die Grünen stecken, nicht mehr zutage treten. Wenn die beiden engsten Verbündeten über die Strategie für die Bundestagswahl aneinander geraten, müssen bei den Grünen alle Warnlampen leuchten. Özdemir ist ein Ziehsohn des Ministerpräsidenten. Wenn ausgerechnet die beiden kein Mittel, keine Sprache und keine Absprache finden, um sich auf eine Kampflinie festzulegen, dann droht etwas ganz furchtbar schief zu laufen. Vielleicht droht ihnen sogar ein Desaster.

Die Grünen sind in den Umfragen - noch - nicht in den Bereich der gefährlichen Fünf Prozent-Hürde gesunken. Aber wenn sie so weitermachen, ist das nicht mehr ausgeschlossen. Das liegt zum einen am Spitzenpersonal. Also an den beiden, die die Partei in den Kampf führen sollen. Weder Katrin Göring-Eckardt noch Cem Özdemir haben es bislang geschafft, die Partei mitzureißen. Sie haben keinen Fehler gemacht und bleiben trotzdem auf ihre je eigene Weise farblos.

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Unter Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt wirkt die Partei blass und wenig streitlustig. Das rächt sich jetzt.

Niemand kann so recht sagen, ob es an ihrem Naturell liegt oder an ihrer über die Jahre gewachsenen Geschmeidigkeit. Aber das eine große Thema, für das sie brennen und unbedingt siegen möchten, hat keiner der beiden gefunden. Ja, Özdemir ist durch und durch ein Türkei-Experte. An der Stelle kümmert er sich, kennt sich aus, will verändern. Aber für die Grünen als Gesamtpartei wird das nicht zum zentralen Thema, an dem sich ihre Zukunft entscheidet. Deshalb kann es ihnen auch keine Flügel verleihen. Özdemir berührt einen wichtigen Punkt, und das auch noch in einer aktuell wichtigen Debatte. Aber er verpasst ihr damit nicht den Energieschub, den sie bräuchte. Der Ärger über Recep Tayyip Erdoğan ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern Konsens in Deutschland.

Noch gravierender sind die Schwierigkeiten von Göring-Eckardt. Sie sagt nie das Falsche; sie ist eine mittlerweile unglaublich geschickte Parteipolitikerin, die vor allem die jungen Mitglieder der Fraktion klug und geschickt einsetzt. Als Machtmanagerin würde sie viele Punkte einheimsen. Nur bei der Frage, wie man der Partei Feuer und Leidenschaft einflößt, kommt sie nicht weiter. Wofür brennt sie? Niemand kann das wirklich sagen. Sie bräuchte noch mehr als Özdemir ein Herzensthema oder die Unterstützung derer in der Partei, die selbst brennen und sie anstecken. Göring-Eckardt wirkt dann, wenn sie provoziert wird.

Das ist überhaupt das zweite große Problem der Grünen im Jahr 2017. Sie haben zu viele an der Seitenlinie und viel zu wenige, die für die Spitzenkandidaten in Berlin loyal eintreten. Sie haben viel zu viele, die gern erklären, dass die Vortänzer nun auch vorneweg tanzen müssten. Immerhin hätten sie die Rolle gewollt, also läge es jetzt alleine an ihnen, die Partei aus dem Tief zu führen. Dabei ignorieren ausgerechnet diese Kritiker, was das Votum der Grünen-Basis auch für sie bedeutet. Es hat nicht nur zwei Gewinner hervorgebracht; es hat alle anderen in der Partei auch darauf verpflichtet, den zwei Gewinnern zu helfen.

Wer die Mitgliederbefragung als Kern parteiinterner Demokratie gut findet (und das tun die allermeisten Grünen), der muss das Resultat als Verpflichtung auch für sich selbst betrachten. Gerade die Kretschmanns, Trittins und Habecks müssten es als selbstverständlich ansehen, den beiden da oben jetzt wirklich jede Hilfe zu leisten. Doch genau das geschieht nicht. Im Gegenteil. Sie glauben fest daran, dass sie es besser können. Und das ist nicht nur ein Akt mangelnder Loyalität. Es wirkt, als hätten alle miteinander den Schuss nicht gehört, der die Grünen als Gesamtpartei gefährdet.

Die Energie ist in diesem Wahlkampf überall, nur nicht bei den Grünen. Da kann ihnen die Ausnahme von der Regel, der Wahlkampf in Schleswig-Holstein, wenig helfen. Wer das erkennt, hat nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder er schaut zu, dann wartet er zynisch auf die Niederlage. Oder er stürzt sich an der Seite des Spitzenduos in den Kampf - und hält es aus, dass er erst nach dem Wahlkampf wissen wird, ob das gut war.

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