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Parlamentswahlen in Frankreich:Macronmania? Nicht ganz

Frankreichs neuer Präsident triumphiert im ersten Durchgang der Parlamentswahlen. Es ist ein bemerkenswertes Ergebnis - und trotzdem eines mit deutlichen Schönheitsfehlern.

"Kann Macron über Wasser laufen?", fragt die Moderatorin des öffentlichen französischen Fernsehens nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen. Und fasst damit wohl die Verwunderung vieler Menschen zusammen. Die Partei des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat am Sonntag die erste Runde der Parlamentswahlen klar gewonnen, für die Stichwahl wird ihr ein Durchmarsch prognostiziert. Medien schreiben daraufhin von einem Big Bang, einem Tsunami, einer regelrechten Macronmania. Ist dem Präsidenten also ein Wunder gelungen, ist ganz Frankreich im Macron-Fieber?

Nicht ganz. Denn erstens haben seit 1981 alle französischen Präsidenten, von François Mitterrand bis hin zum unbeliebten François Hollande, in der Nationalversammlung eine absolute Mehrheit erhalten. Dass die Franzosen ihren Präsidenten also durchregieren lassen, ist nicht ungewöhnlich. Um ein positives Ergebnis zu befördern, ist die Wahl auch traditionell zeitnah zur Präsidentschaftswahl angesetzt. Das französische Mehrheitswahlrecht tut sein Übriges, dass La République en Marche 32 Prozent genügen, um künftig wohl um die 400 Abgeordnete im 577-köpfigen Parlament zu stellen.

Zweitens war die Wahlbeteiligung so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht. Nur jeder zweite registrierte Wähler mühte sich tatsächlich ins Wahllokal, der Rest blieb fern - was bedeutet, dass am Sonntag weit weniger als ein Viertel der Wähler für die Präsidenten-Partei stimmten. Ein Rekordtief seit Gründung der Fünften Republik 1958. Französische Medien rechneten sogar aus, wenn Frankreich ein Dorf mit hundert Einwohnern wäre, hätten sich nur elf davon für La République en Marche ausgesprochen.

Die Franzosen haben Macron also vor allem durch ihre Abstinenz mit riesiger Macht ausgestattet. Rückhalt voller Begeisterung sieht anders aus.

Was das Ergebnis und seine Folgen aber nicht weniger bemerkenswert macht. Macrons Partei ist aus einer Bewegung entstanden, die gerade mal ein Jahr alt ist. Sie zieht das erste Mal ins Parlament ein und dann auch noch sehr wahrscheinlich mit weit mehr Stimmen, als für die absolute Mehrheit nötig wären. Die Opposition und damit die bisherigen Großparteien sind so gut wie ausgeschaltet. Das deutet darauf hin, dass viele Franzosen tatsächlich genug vom politischen System haben - sie sind entweder gar nicht wählen gegangen oder haben für eine komplett neue Partei gestimmt, die zu einem großem Teil aus Politneulingen besteht.

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Die Nationalversammlung wird nun eine komplette Erneuerung durchlaufen, Dutzende künftige Abgeordnete haben keinerlei politische Erfahrung. Sie ersetzen Politiker, die teilweise seit Jahrzehnten im Parlament sitzen. Das bekommen vor allem die Sozialisten zu spüren, die nur mehr etwa 20 Abgeordnete stellen werden - bisher waren es fast 300 gewesen. Damit ist die Partei nun tatsächlich so tot, wie sie schon nach der Präsidentschaftswahl erklärt wurde. Und das wohl auch finanziell, da in Frankreich Parteienfinanzierungen an Wahlergebnisse gekoppelt sind.

Macron hat nichts dem Zufall überlassen - und profitiert nun

Besonders überraschend ist auch das Ergebnis des Front National, dessen Chefin Marine Le Pen fast Präsidentin geworden wäre. Die rechtsradikale Partei kommt nur auf etwa 13 Prozent, was nach den mehr als 30 Prozent in der Präsidentschaftstichwahl doch sehr mager ist. Le Pen selbst zumindest darf bei der Stichwahl auf einen Einzug hoffen, sie erreichte in ihrem Wahlkreis schon im ersten Durchgang fast die absolute Mehrheit. Die erwünschte Fraktion wird sie wohl nicht gründen können - dafür bräuchte sie 14 weitere FN-Abgeordnete.

Trotzdem wäre es verfrüht, von einem Ende der Populisten zu sprechen - oder von Macron als dem Heilsbringer, der sie zu Fall gebracht hat.

Der neue Präsident hat aber trotzdem gleich zu Beginn seiner Amtszeit einiges richtig gemacht. Er zeigte außenpolitisches Format, indem er sich nicht nur stark gegenüber Donald Trump inszenierte, sondern auch gegenüber Angela Merkel als selbstbewusster Verbündeter auftrat.

Macron präsentierte sich als Staatsmann, der Frankreich in der Welt gut vertritt. Und er holte sich Leute aus dem Lager der Konservativen und der Sozialisten in die Partei, schwächte damit seine Konkurrenz. Macron hat nichts dem Zufall überlassen in den vergangenen Wochen - über Wasser gelaufen ist er nicht.

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