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Panama Papers:"Diese Offshore-Länder gehören ausgetrocknet"

G7-Gipfel 2015 - Gipfel der Alternativen

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der Soziologe Jean Ziegler macht einen radikalen Vorschlag, wie die Geschäfte der Steueroasen gestoppt werden können.

Jean Ziegler ist Mitglied im Beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsausschusses. 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Soziologe und Bestsellerautor. Mit kaum einem ist die moralische Kritik an Steueroasen so verbunden wie mit ihm - dem Soziologen, dem "Weltgewissen". Wenn er von Schweizer Banken spricht, spricht er von "zynischen Hehlern", "Banditen" und "Geldsäcken". Er wettert seit 50 Jahren gegen das Gefälle zwischen Erster und Dritter Welt. Für das Interview gab es eine Bedingung: nicht von Steueroasen sprechen. Das Wort ist Tabu.

SZ: Herr Ziegler, was haben Sie gegen Steueroasen?

Jean Ziegler: Der Begriff Steueroasen oder Steuerparadies verharmlost und verschleiert. In Wahrheit sind Länder wie Panama, die Britischen Jungferninseln, Bahamas, Cooks, Bermudas, Caymans und wie sie noch alle heißen Halunkenstaaten und Räuberhöhlen - und so gehören sie auch bezeichnet.

Nun gut, Halunkenstaaten also.

Es gibt wahrscheinlich wenige Vergehen - von der massiven Steuerhinterziehung ganz zu schweigen - , die nicht irgendwie im Zusammenhang stehen mit Offshore-Staaten. So viel kriminelle Energie pro Quadratmeter wie in Bahamas oder in Panama gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. So ziemlich alle Transaktionen mit kriminellem Geld - ob es nun vom Ursprung her kriminell ist oder kriminell eingesetzt wird - werden über Financial Business Companies, Trusts, Anstalten und Stiftungen abgewickelt, die in Offshore-Staaten registriert sind. Und die Folgen sind verheerend: Nehmen Sie zum Beispiel die Hunderttausenden Toten jedes Jahr...

Die Hunderttausenden Toten? Das müssen Sie erklären.

Rund um den Globus toben gemäß UN derzeit 32 sogenannte Low Intensity Wars, also Kriege mit weniger als 10 000 Toten pro Jahr. Die gibt es auf den philippinischen Inseln, aber auch in Darfur, in der Zentralafrikanischen Republik et cetera et cetera. Weltweit sterben in diesen Kriegen jedes Jahr Hunderttausende. All das wird instrumentell nur möglich durch die Existenz von Offshore-Zentren, über die zum Beispiel Waffen angekauft oder Blutdiamanten verkauft werden.

Politiker auf den Jungferninseln, den Cooks und Caymans würden wohl sagen, dass sie doch nichts anderes machen, als die Gründung von Briefkastenfirmen zu ermöglichen.

Das ist falsch. Die sogenannten Steueroasen und ihre Dienstleister wie Mossack Fonseca sind nichts weniger als Feinde der Menschheit.

Viele Offshore-Länder eint, dass sie über so gut wie keine Ressourcen verfügen. Das Geschäft mit den Briefkastenfirmen sehen sie als letzte Rettung.

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Pah, Sie sagen ja auch nicht, mein Familienbudget ist zu klein, deswegen verkaufe ich jetzt in der Nachbarschaft Heroin, auch wenn ich weiß, dass das den Nachbarn schadet.

Die G8-Länder haben Steueroasen bereits 2013 den Kampf angesagt.

Aber was hat sich seither geändert? Nichts.

Länder wie die Schweiz haben immerhin einem automatischen Informationsaustausch zugestimmt.

Schweizer Banken sollen also künftig dem ausländischen Fiskus melden, wenn ein Ausländer ein Konto eröffnet. Aber wenn jetzt eine Offshore-Gesellschaft mit Sitz auf den Bahamas ein Konto in der Schweiz eröffnet, dann melden die Schweizer Banken das an die Bahamas. Selbst wenn beispielsweise einem Deutschen diese Firma gehört, der deutsche Fiskus wird davon nie erfahren. Der automatische Informationsaustausch wird also sabotiert durch die Existenz von Offshore-Gesellschaften.