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Parteitag der Demokraten:Es wird persönlich, Mann gegen Mann

Trumps komplette Amtszeit wird vom Feindbild Obama geleitet. Nun greift der Ex-Präsident seinen Nachfolger frontal an. Doch damit geht er ein Risiko ein und tut dem Kandidaten Biden keinen Gefallen.

Kommentar von Stefan Kornelius

Barack Obama hat Donald Trump mit der vollen Autorität des Präsidenten a.D. angegriffen, wie das keiner seiner Vorgänger mit einem Nachfolger je getan hat. Für die selbstverordnete Zurückhaltung der Ex-Präsidenten gab es bisher überwältigende Gründe. In normalen Zeiten gilt: Wenn sich ehemalige und amtierende Präsidenten befehden, dann verliert das Amt - und keiner gewinnt. Dies aber sind keine normalen Zeiten, wie die wuchtigen und wütenden Schläge gegen Trump zeigen. Nun wird es persönlich, Mann gegen Mann.

Obama kann man zugutehalten, dass er diesen Zweikampf nicht gesucht hat. Es war Donald Trump, der seine Kandidatur vor vier Jahren als Antithese zu Obama und dessen designierter Nachfolgerin Hillary Clinton definiert hat. Was im Wahlkampf seine Berechtigung hat, verbietet sich aber mit fortschreitender Amtszeit. An dieses Prinzip hat sich Trump nie gehalten. Seine komplette Amtszeit wird vom Feindbild Obama geleitet. Mehr noch: Ihm geht es inzwischen nicht mehr nur um die Beseitigung aller Politik, die unter Obama beschlossen wurde. Trump bearbeitet die Grundfeste der amerikanischen Demokratie systematisch mit dem Presslufthammer.

Es brauchte den Auftritt Obamas - symbolisch platziert vor Verfassungsdokumenten im Museum der amerikanischen Revolution in der vom Gründungsmythos der USA durchtränkten Stadt Philadelphia -, um die Bedeutung des Augenblicks klar zu machen: Hier geht es nicht um die Wahlentscheidung Biden-Trump. Hier geht es um Demokratie, Charakter und Verfassung der Vereinigten Staaten. "Yes we can", rief Obama seinen Anhängern zu Beginn seiner Amtszeit zu. "No he can't", urteilt er nun über Trump. Da schließt sich ein Kreis.

Freilich: Wenn sich zwei Titanen ineinander verkeilen, dann bebt die Erde. Obama ist mit seiner Rede das Risiko eingegangen, dass er Trump zu einer willkommenen Zeitreise verhilft - zurück um vier Jahre. Plötzlich ist die epische Konfrontation zwischen dem liberalen und dem konservativen Amerika wieder da, die Trump einst ins Amt befördert hat. Die alte Konstellation lebt und lenkt von der Bilanz des Horrors ab, die nun eigentlich im Mittelpunkt der Wahl stehen müsste.

Zweitens tut Obama dem Demokraten-Kandidaten Joe Biden keinen Gefallen, wenn er die Präsidenten-Karte spielt und das Licht auf sich zieht. Biden ist schlagartig wieder in die Rolle des Vizes von einst gefallen. Stellvertreter bleibt Stellvertreter - was auch immer später passiert. Das aber kann Biden überhaupt nicht gebrauchen. Er ringt eh um den Charakter seiner Präsidentschaft. Nach-Nachfolger von Obama ist keine Stellenbeschreibung.

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