Nelson Mandela:"Vielleicht verehren wir den falschen Mandela"

Als der Vater starb, nahm ihn der mit den Mandelas verwandte Stammeskönig auf, schickte ihn dann auf die Universität von Fort Hare, damals die einzige Hochschule für schwarze Bürger in Südafrika. Mandela war ein guter Jurastudent und ein noch besserer Frauenschwarm; als der König ihn verheiraten wollte, floh er nach Johannesburg. Der bisher recht verhätschelte Sohn lernte hier die richtige Armut kennen, zog ins Township Soweto und arbeitete in der Verwaltung einer Goldmine.

Freunde aus der politischen Bewegung für Gleichberechtigung sahen bald etwas in ihm, besorgten ihm eine Stelle als Anwaltsgehilfe. Er bewegte sich in Kreisen, in denen die Hautfarbe nicht so wichtig war wie die Gesinnung: Mischlinge, Inder und vor allem jüdische Weiße kämpften im Großen und Kleinen gegen das Apartheidregime und gaben abends Partys, die Spitzel der Polizei als Bedrohung des Systems schilderten. Aus heutiger Sicht gesehen war es die Romantik des Widerstandes. Aus damaliger Sicht einfach nur eine Pause von den ständigen Demütigungen.

Nelson Mandela: Heimkehr: Nelson Mandela nach seiner Haftentlassung 1990 im Stadion von Soweto mit Winnie Mandela.

Heimkehr: Nelson Mandela nach seiner Haftentlassung 1990 im Stadion von Soweto mit Winnie Mandela.

(Foto: Udo Weitz/AP)

Als mittelbekannter Widerstandskämpfer ins Gefängnis - als Heiliger heraus

Mandela wurde radikaler, machte mit anderen aus dem African National Congress (ANC), der in Teilen nur eine Art Honoratiorenclub schwarzer Ärzte und Anwälte war, wieder eine echte Widerstandsbewegung, befürwortete schließlich den bewaffneten Kampf. Die Justiz des weißen Minderheitsregimes verurteilte ihn 1964 zu lebenslanger Haft.

Er ging als mittelbekannter Widerstandskämpfer ins Gefängnis - und kam als Heiliger heraus. Und das, obwohl die Welt kein Bild von ihm hatte, es keine aktuelle Fotografie von ihm gab. Die Welt schuf sich Mandela auch nach ihrem Bild. Das Gute sollte siegen, ein Heilsbringer die Lösung für komplexe Probleme sein. Vielleicht ist das ein Teil des Problems, ein Teil der Enttäuschung, dass einer wie er auch Fehler machte.

Viele Schwarze in Südafrika betrachten ihn heute aus der aktuellen Perspektive, sehen das Elend und die Ungleichheit. "Vielleicht verehren wir den falschen Mandela", war ein häufig gehörter und gelesener Satz, als am 2. April dieses Jahres Winnie Mandela starb, die sich gerne als die "Mutter der Nation" stilisierte, aber immer im Schatten ihres Ex-Mannes stand - die aber ihren Anteil daran hatte, dass Nelson Mandela der große Befreiungsheld wurde, der er war.

Sie war seine Stimme, als er im Gefängnis saß. Sie wurde in seiner Abwesenheit aber auch eine verbitterte Kriminelle, die mit ihrer Gang vermeintliche Abweichler umbrachte. Er war der Versöhner, sie die Radikale. Er predigte Vergebung, sie wollte die Weißen bezahlen lassen und sprach sich für Enteignung und Umverteilung des weißen Besitzes aus. Es sind die zwei Sichtweisen, die sich in einer Familie treffen und aus denen heraus Südafrika bis heute das Ende der Apartheid diskutiert.

Wir hätten radikaler sein müssen, finden viele Schwarze heute

"Lasst uns die Vergangenheit vergessen. Vorbei ist vorbei", sagte Mandela gerne. Die Vergangenheit ist natürlich nicht vorbei in Südafrika. Sie ist präsent in jedem Gespräch, in jedem Blick zwischen Schwarzen und Weißen. Die ehemaligen Unterdrücker sind ganz gut weggekommen mit der Methode Mandela. Sie taten ein bisschen Buße, durften aber alles behalten, was sie erwirtschaftet hatten mit dem Blut und Schweiß der Geknechteten. Mandela hatte mit Kommunisten zusammengearbeitet, etwas davon war noch präsent, als Anfang der Neunzigerjahre über das Ende der Apartheid verhandelt wurde, so spielten Verstaatlichung und Umverteilung für ihn noch eine Rolle.

Ausgerechnet auf dem Weltwirtschaftsforum 1992 in Davos ließ er sich dazu überreden, alles beim Alten zu belassen, dem Kapitalismus die Lösung der sozialen Ungleichheit zu übertragen. Man setzte auf Reformen und Wirtschaftswachstum, um die Ungleichheit zu bekämpfen, aber die Reformen griffen nicht tief genug und die Wirtschaft wollte nicht so sehr wachsen.

Wir hätten radikaler sein müssen, finden viele junge Schwarze heute. "Ich gehöre nicht zur Religion namens Mandela", sagte Julius Malema schon vor Jahren. Der einstige Jugendführer des regierenden ANC wurde aus der Partei ausgeschlossen und gründete seine eigene radikale Gruppe, die "Economic Freedom Fighters", die dafür kämpfen, den weißen Landbesitz ohne Entschädigung zu enteignen. Mandela, so Malema, habe die Ziele der Revolution kompromittiert, sie letztlich an die Weißen verkauft. Ein Vorwurf, den manche auch im Vorfeld des großen Jubiläums wieder äußern.

"Der Vorwurf des Ausverkaufs ist reiner Populismus, der keinerlei Interesse an Fakten oder Nuancen hat", sagt dagegen Lwando Xaso, die Kuratorin des Museums der Verfassung in Johannesburg. "Wir können doch nicht in unserem Armsessel sitzen und ihn nach dem beurteilen, was wir heute wissen." Hätte es Mandela nicht gegeben, hätten seine Kritiker gar nicht die Freiheit, ihre Kritik zu äußern.

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