Nate Silvers Prognosen:"Too close to call"? Nichts für Nate Silver!

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In den Tagen vor der jetzigen Wahl sorgte allein Silvers Unterseite für 20 Prozent aller Klicks auf nytimes.com - selten war Statistik so gefragt. Und auch 2012 lag er richtig. In den vergangenen Wochen hatte er, anders als viele Institute, stets einen klaren Wahlsieg Obamas prognostiziert: Selbst als der Amtsinhaber nach dem ersten TV-Duell massiv unter Druck geriet, war Silver noch von einer Siegwahrscheinlichkeit von 61 zu 39 Prozent für Obama ausgegangen.

Mit seinen Voraussagen für die Swing States lag er ebenfalls richtig - und teilweise sehr dicht dran am tatsächlichen Ergebnis. Beispiel North Carolina, einer der wenigen umkämpften Staaten, die an die Republikaner gingen: Dort war Silver von einem Stimmenverhältnis von 48,9 zu 50,6 zugunsten von Romney ausgegangen. Fast genauso kam es. Romney konnte nach dem Endergebnis 50,6 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen, Obama nur 48,4 Prozent.

Auch in den anderen bis zum Mittwochmittag nahezu komplett ausgezählten Swing States wie Pennsylvania, Virginia oder Wisconsin liegt Silver häufig nur um wenige Zehntelprozentpunkte daneben. Am Ende hat er in allen 50 Staaten und in Washington D.C. den Gewinner richtig prognostiziert - auch das extrem knappe Rennen im schwer vorauszusagenden Florida war für Silver keine Überraschung. Dort war er von einer Siegwahrscheinlichkeit von 50,3 Prozent für Obama ausgegangen.

Traditionelle Telefonbefragungen stoßen an Grenzen

Die Überlegenheit von Silvers Prognosen basiert vor allem auf Metaanalysen. Er selbst erhebt keine Daten, sondern bedient sich der Zahlen der Meinungsforschungsinstitute wie Gallup, YouGov, American Research Group oder Rasmussen. Silver mischt aber nicht einfach nur die anderen Umfragen, sondern bezieht auch demografische Kennzahlen und Daten aus vergangenen Wahlen ein, sofern sie verfügbar sind. Aus allem errechnet er nach komplizierten stochastischen Verfahren eine Projektion, also den zu erwartenden Stimmenanteil, der vom Durchschnitt der anderen Umfragen teilweise deutlich abweicht.

Korrekturmechanismen und Ausgleichsfaktoren werden in der modernen Demoskopie immer wichtiger. Allein mit einer Wählerbefragung lässt sich das konkrete Verhalten an der Urne oft nicht mehr sicher genug voraussagen. So wurden früher zum Beispiel die Telefoninterviews, auf denen die Umfragen basieren, grundsätzlich über Festnetzanschlüsse geführt. Wichtige Bevölkerungsgruppen haben heute aber nur noch Mobiltelefone. Sie würden aus der Stichprobe herausfallen. Für die Prognose des Wahlausgangs ist es außerdem wichtig, die Personen zu erreichen, die tatsächlich ihre Stimme abgeben. In Umfragen geben viele Bürger jedoch nicht zu, dass sie eigentlich Nichtwähler sind.

Obwohl auch die meisten anderen Meinungsforscher bei der US-Wahl 2012 von der Tendenz her ebenfalls richtig lagen, scheinen Silvers Methoden überlegen zu sein und Ergebnisse präziser voraussagen zu können.

Im Vorfeld der US-Wahl war er sich so sicher, dass er dem konservativen Nachrichtenmoderator Joe Scarborough, der gesagt hatte, dass niemand eine Ahnung habe, wie die Wahl ausgeht, via Twitter eine Wette anbot: Sollte Romney gewinnen, wollte Silver 1000 Euro an das Rote Kreuz spenden. Bei einem Obama-Sieg sollte Scarborough zahlen. Silver ging es dabei nicht ums Geld. Er wusste mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass er recht behalten würde.

"Too close to call" ist eine Wendung, die er offenbar nur im äußersten Notfall verwendet.

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