Migration Wenn die Heimat keine Perspektive bietet

Juliana Ashong, hier im Beratungszentrum für Jobs, Migration und Reintegration in Accra, kam 2018 aus Wismar nach Ghana zurück.

(Foto: Ute Grabowsky / photothek.net)

Die Bundesregierung verspricht Migranten Geld und Beratung, wenn sie in ihre Herkunftsländer zurückgehen. Doch der Erfolg bleibt oft aus. Eine Reise nach Ghana und in den Irak.

Von Kristiana Ludwig, Accra/Erbil

Für Juliana Ashong lag das Unglück in Wismar an der Ostsee, mehr als 5000 Kilometer von zu Hause entfernt. Sie hatte ihre Söhne in Ghana zurückgelassen, der jüngste war da gerade vier. Und sie hätte auch jeden Job angenommen, nach dem Tod ihres Mannes, um den Kindern Geld aus Europa zu schicken. Fast jeden. Doch das einzige Angebot, das ihr der Schleuser gemacht hatte, war Prostitution. Ashong lief davon und meldete sich bei den deutschen Behörden. Die gaben ihr eine Unterkunft, aber keine Arbeit. Sechs Jahre lang tat sie nichts. Verlorene Zeit, sagt sie heute.

Im vergangenen Jahr flog Juliana Ashong zurück nach Ghana, in ihre Heimatstadt Accra. Mit 51 Jahren steht sie hier jetzt wieder am Anfang. Aus Deutschland hat sie keine Arbeitserfahrung mitgebracht, keine Ausbildung, nicht einmal Sprachkenntnisse. Nur die Adresse eines deutschen Büros in Accra hat sie bekommen, es ist das neue "Zentrum für Jobs, Migration und Reintegration". Hier will die Bundesregierung Zurückgekehrten wie ihr helfen, wieder Fuß zu fassen. "Perspektive Heimat" nennt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) das Programm. In dem Zentrum schenkten die Deutschen Ashong Töpfe, Pfannen, einen Gaskocher und einen Kühlschrank. Sie solle ein Restaurant gründen, empfahl man ihr.

Die Aktion sei ein "Erfolg" gewesen, sagt das Innenministerium

Einige Monate später, im Februar, hängt in dem Rückkehrzentrum ein großes Plakat an der Wand: "Erfolgsgeschichte von Juliana Ashong", steht darauf, sie habe "erfolgreich ihr eigenes Geschäft eröffnet". Dabei ist sich Ashong noch gar nicht sicher, ob sie mit diesem Lokal wirklich einmal Geld verdienen wird. Denn bisher hat sie kaum Kundschaft. Weil ihr die Einnahmen fehlen, bezahlen zur Zeit die Deutschen für ihre Wohnung.

Politik Senegal Wie die EU Fischern die Lebensgrundlage nimmt
Senegal

Wie die EU Fischern die Lebensgrundlage nimmt

Am Aschermittwoch essen viele Europäer gerne Fisch. Der wird unter anderem vor Senegals Küste gefangen, von riesigen Industrieschiffen. Die EU fördert damit, was sie eigentlich bekämpfen will: Migration.   Von Anna Reuß

In zehn Ländern hat die Bundesregierung mittlerweile Rückkehrzentren eröffnet, in mindestens drei weiteren sind neue geplant. Es ist eine gemeinsame Strategie von Entwicklungsminister Müller und Innenminister Horst Seehofer (CSU), Ausländer dazu zu animieren, in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Während Seehofer jedem Geflüchteten mehrere Tausend Euro bietet, wenn er seinen Schutz in Deutschland aufgibt und wieder fortgeht, sollen Müllers Entwicklungshelfer den Rückkehrern helfen, zu Hause einen Job zu finden - damit sie "nachhaltig" daheim bleiben, wie das Innenministerium erklärt.

Bis zum kommenden Jahr hat Müller 150 Millionen Euro für die "Perspektive Heimat" eingeplant und er forderte bereits eine Aufstockung, auf 500 Millionen. Die Zentren sollen am besten auch gleich die Einheimischen mit Arbeitsplätzen versorgen. Auch sie sollen keine Lust verspüren, nach Deutschland auszuwandern. So hängen in Accra neben dem Plakat von Ashong Fotos von entschlossen blickenden jungen Leuten, die gesponserte T-Shirts tragen: "Irreguläre Migration ist gefährlich", lautet der Aufdruck: "Lass es!!"

Seehofer setzte zuletzt auch in Deutschland auf Werbung. Auf großen Plakatwänden in den Städten empfahl sein Ministerium in sieben Sprachen die "Freiwillige Rückkehr". Die Aktion sei ein "Erfolg" gewesen, heißt es auf Nachfrage. Doch die Bereitschaft Seehofers, Geflohenen sogar die Rückkehr in Kriegsgebiete zu finanzieren, könnte bereits drastische Folgen haben. Anfang Februar machte die Hilfsorganisation Medico International zwei Fälle publik, in denen Syrer, die das Programm des Innenministeriums in Anspruch genommen hatten, kurz nach ihrer Ankunft von Geheimdiensten in Syrien verhört wurden und verschwunden sind. Die Entscheidung, auf ihren Schutzstatus zu verzichten, hätten syrische Staatsangehörige "eigenständig" getroffen, heißt es dazu aus dem Ministerium - ohne dass sie von deutschen Behörden "in irgendeiner Weise ermutigt" wurden. Medico nennt die Vorgänge "verstörend und skandalös".