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Messerattacke in Hamburg:Taten sind nicht immer so politisch, wie es scheint

Der Münchner Schüler, der am 22. Juli 2016 neun Menschen tötete, war jahrelang in psychiatrischer Behandlung. Weil er sich aber auch rassistisch äußerte, wird bis heute darüber gestritten, ob es nun eine Amok-Tat oder Terrorismus war. Eine ähnlich differenzierte Betrachtung wird es künftig auch geben müssen, wenn der Täter Muslim war.

In den USA hat die Diskussion darüber bereits begonnen. "Eine Menge dieser Dinge befinden sich am Rand dessen, was wir in der Vergangenheit als Terrorismus angesehen haben", sagt etwa Daniel Benjamin, der frühere Koordinator des US-Außenministeriums für Terrorismus-Abwehr. "Wenn es einen Massenmord gibt und ein Muslim ist involviert, heißt es sofort Terrorismus."

Ganz so einfach machen es sich die Behörden zumindest in Deutschland nicht mehr. Im September 2015 stach der Iraker Rafik Y. einer Berliner Polizistin in den Hals, die Beamtin überlebte, der Täter wurde erschossen. Obwohl er wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung bereits eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen hatte, entschieden das Bundeskriminalamt und die Berliner Behörden gemeinsam, dass dies keine politische Tat sei - sie vermuteten diesmal eher eine psychische Störung.

Radikalisierung verläuft nicht linear

Ähnlich vorsichtig entschieden sie, auch eine Tat am Silvestertag 2017 nicht als islamistischen Anschlag zu werten. Der 23-jährige syrische Asylbewerber Ahmad Al-H. hatte in der U-Bahn am Bayerischen Platz in Berlin-Schöneberg Passanten mit einem Messer angegriffen. Er attackierte auch eine Mutter mit einem kleinen Kind, einen Deutschen türkischer Herkunft beschimpfte er als Ungläubigen. Inzwischen befindet sich Ahmad Al-H. aufgrund eines richterlichen Unterbringungsbeschlusses und wegen vermuteter Schizophrenie in einem Haftkrankenhaus. Es verläuft ein schmaler Grat zwischen Terror und Wahn.

Betrachtet man Biografien wie jene des Attentäters vom Berliner Weihnachtsmarkt, dann verläuft die Radikalisierung selten linear, viele Täter scheinen vielmehr zu schwanken. Wohin mit ihrem Frust, mit ihrer aufgestauten Wut? Die Entscheidung, eine islamistische Ideologie anzunehmen, scheint dann nur ein Weg unter mehreren zu sein. Er bietet den Vorteil, dass der Einzelne sich, wie es Soziologen formulieren, von einer großen Bezugsgruppe verstanden fühlen kann in seiner Aggression.

Im Grunde könne man den Hamburger Messerstecher Ahmad A. auch als gewöhnlichen Amokläufer betrachten, legte selbst der Hamburger Verfassungsschutz-Chef Torsten Voß in einem Interview mit der Zeit nahe. "Einer, der die Religion nur benutzt, um seine Tat vor sich selbst zu rechtfertigen." Hätte Ahmad A. im Edeka-Markt in Barmbek bloß Unflätiges gerufen, er wäre vielleicht ein Fall für die Hamburger Lokalpresse geblieben. Um seinen großen Auftritt aber perfekt zu machen, rief er "Allahu Akbar", Gott ist am größten.

Keine Zweifel an der Schuldfähigkeit von Ahmad A.

Weil die Phänomene so nah beieinander liegen, betonen manche Wissenschaftler, dass nicht alle Attentäter automatisch psychisch krank seien - auch weil die Forscher die Gefahr einer weiteren Stigmatisierung von psychisch Kranken fürchten. Eine Studie der Forscher Emily Corner, Paul Gill und Oliver Mason vom University College in London zum Beispiel belegte 2016, dass bei dschihadistischen Attentätern ein signifikant erhöhtes Vorkommen von psychischen Auffälligkeiten beobachtet werden könne. Es sei etwa doppelt so hoch wie in der gesamten Bevölkerung, bei Einzeltätern liege die Quote bei etwa 40 Prozent. Untersucht wurden 55 Anschläge in westlichen Ländern. Damit sei man aber immer noch weit davon entfernt, dass alle Radikalen psychisch krank seien.

Vor deutschen Gerichten entlastet das die Täter auch nicht unbedingt. Wenn an diesem Freitag Ahmad A.s Prozess in Hamburg beginnt, dann plädiert dort der psychiatrische Gutachter Leygraf nicht für einen Strafrabatt. An der Schuldfähigkeit von Ahmad A. hat zumindest Leygraf keinen Zweifel. Trotz allem sei Ahmad A. der Herr seiner Entschlüsse geblieben. In der Untersuchungshaft steht er derweil weiter unter strenger Beobachtung. Angeblich sucht er jede Gelegenheit, den Gefängnis-Kameras den Mittelfinger zu zeigen.

© SZ vom 12.01.2018/csi

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