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CDU:Kandidaten im Schatten der Kanzlerin

Immer noch im Mittelpunkt: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

(Foto: AFP)

Merkels Beliebtheit ist in der Corona-Krise derart gestiegen, dass bereits gefragt wird, ob sie weiter macht. Für Laschet, Merz und Röttgen ist das keine einfache Situation.

Von Robert Roßmann, Berlin

Es waren nur zwei kurze Szenen. Aber sie haben deutlich gezeigt, in was für einer eigenartigen Lage die CDU gerade steckt. Am Donnerstagabend wurde Angela Merkel zu Fernseh-Interviews geladen, um über das Konjunkturpaket und die Zukunft des Landes zu sprechen. Doch dann ging es auch um die Zukunft der Kanzlerin. Ob sie wegen der Corona-Krise noch einmal antreten müsse, wurde Merkel im ZDF gefragt. Und in der ARD wollten sie von der Kanzlerin wissen: "Können die Herren, die sich um Ihre Nachfolge bewerben, es überhaupt besser als Sie?"

In der CDU ringen drei Männer um die Nachfolge Merkels. Doch für die drei scheint sich kaum einer zu interessieren. Die Kanzlerin überstrahlt alles. Verglichen mit ihr wirken Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen wie zweite Wahl.

Merkel hat die Frage nach einer weiteren Amtszeit zwar abgetan ("Nein, nein, wirklich nicht!"). Die Frage zeigt aber, wie schwer die Lage für die Kandidaten geworden ist. Als die drei ihre Bewerbungen verkündet haben, lag die Union weit unter 30 Prozent. Merkels Regierung wirkte wie ein schlecht funktionierendes Auslaufmodell. Als Laschet im Februar zusammen mit Jens Spahn in die Bundespressekonferenz kam, um seine Bewerbung zu verkünden, eröffnete Spahn den gemeinsamen Auftritt mit der Bemerkung, die CDU befinde sich in der größten Krise ihrer Geschichte. Damals erschien das bevorstehende Ende der Ära Merkel vielen in der Partei noch als Verheißung, man freute sich auf neue Gesichter. Doch Corona hat alles verändert.

Für Merz ist die neue Lage ein Fiasko

Röttgen wird das einigermaßen verschmerzen können. Er galt von Anfang an als Zählkandidat. Doch für Merz ist die neue Lage ein Fiasko. Er hat ohnehin damit zu kämpfen, dass nicht jeder auf den ersten Blick erkennt, warum die Wahl eines 64-Jährigen ein Zukunftssignal sein soll. Jetzt hat es der ehemalige Unionsfraktionschef aber auch noch mit einer vollkommen veränderten politischen Situation zu tun. Wenn man das Programm, mit dem Merz angetreten ist, auf einen Satz reduzieren müsste, würde es lauten: "Kein Weiter so!" Vor Beginn der Corona-Krise konnte er damit noch reüssieren, der Ruf der Bundesregierung war ramponiert. Auch die Beliebtheitswerte von Angela Merkel waren nicht gerade berauschend. Doch inzwischen bekommt die Mehrheit der Deutschen bei einem "Weiter so" keine Albträume mehr. Im Gegenteil. Das Vertrauen in die Regierung und die Kanzlerin ist so groß, wie seit Jahren nicht mehr.

Auch ansonsten läuft es für Merz nicht gut. Großveranstaltungen, bei denen der exzellente Redner glänzen könnte, gibt es wegen Corona nicht. Vor allem aber steht Merz immer noch für die CDU des Leipziger Parteitags 2003 - also für Christdemokraten, die dem Neoliberalismus mehr abgewinnen können als einem starken Staat. Doch in der Corona-Krise erlebt der starke Staat eine Renaissance. Bis tief in den CDU-Wirtschaftsflügel hinein wird begrüßt, dass die Regierung Arbeitnehmern und Firmen gerade kraftvoll hilft. Dass Merz ausgerechnet in einer Situation, in der viele um ihre Existenz bangen, gefordert hat, nach der Corona-Krise alle Sozialleistungen auf den Prüfstand zu stellen, hat sein Image, ein kühler Blackrock-Politiker zu sein, verfestigt statt aufgeweicht.

Und dann sind dann ja noch die zwei Verheißungen, mit denen Merz für sich geworben hat: Er könne die Ergebnisse der AfD halbieren - und die Union wieder in Sichtweite der 40 Prozent kommen. Im Februar war das noch eine kühne Ansage. Doch inzwischen liegt die Union ganz ohne Merz bei knapp 40 Prozent. Und Armin Laschet ist es in Nordrhein-Westfalen gelungen, die Umfragewerte der AfD zu halbieren. Wofür also noch Merz?

Laschet strahlt inzwischen Gelassenheit aus

Womit man bei Laschet wäre. Auch er hat das Problem, im Schatten der Kanzlerin zu stehen. Aber wer ihn in letzter Zeit erlebt, kann den Eindruck gewinnen, dass er es sich da ziemlich gut eingerichtet hat. Die Anspannung aus der ersten Zeit der Corona-Krise ist von ihm gewichen. Inzwischen strahlt er eine Gelassenheit aus, die er vorher vermissen ließ. Das mag auch daran liegen, dass er sich mit seinem abwägenden Kurs in der Corona-Politik bestätigt fühlen darf - zumindest solange es zu keiner zweiten Infektionswelle kommt. In Nordrhein-Westfalen kommt Laschet auf sehr gute Beliebtheitswerte, und die Landes-CDU rangiert bei 40 Prozent.

Die neue Souveränität Laschets dürfte aber auch an der Konkurrenz liegen. Röttgen musste er schon am Anfang nicht fürchten, Merz steht jetzt im Abseits. Und Spahn hat glaubhaft versichert, nicht doch noch ins Rennen einsteigen zu wollen. Außerdem ist man sich in Laschets Mannschaft sicher, dass die CDU aus Gründen der Selbstachtung Markus Söder selbst dann nicht zum Kanzlerkandidaten küren würde, wenn der das doch noch wollen würde. Damit wäre Laschets Weg frei. Denn Merkel hat ja gerade noch einmal beteuert, dass sie nicht weitermachen will.

© SZ vom 06.06.2020/rro
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