Merkel in Chemnitz "Deutschlandfahnen, Hitlergrüße": OB Ludwig kritisiert Chemnitz-Berichterstattung

Diesen Freitag macht die Kanzlerin ihre Ankündigung wahr und besucht die Stadt, die im August einiges durchgemacht hat. Die Oberbürgermeisterin sagt, was sie sich von dem Besuch erhofft.

Interview von Ulrike Nimz

Knapp drei Monate nachdem der gewaltsame Tod eines 35-Jährigen zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen führte, ist Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Gast in Chemnitz. An diesem Freitag besucht sie das örtliche Basketballteam, diskutiert anschließend mit Lesern der Tageszeitung Freie Presse. Barbara Ludwig, Oberbürgermeisterin und Sozialdemokratin, macht keinen Hehl daraus, dass sie sich etwas anderes für ihre Stadt gewünscht hätte. Ein Gespräch über den Umgang mit Feindseligkeit und den Sinn von Politikerbesuchen.

Interview am Morgen

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SZ: Frau Ludwig, normalerweise bereiten Stadtoberhäupter der Bundeskanzlerin einen warmen Empfang. Sie jedoch haben den Besuch Angela Merkels in Chemnitz kritisiert. Der Zeitpunkt sei der falsche. Was wäre der richtige?

Barbara Ludwig: Ich hätte es besser gefunden, wenn sich die Bundeskanzlerin unmittelbar nach den Ereignissen vom August ein Bild vor Ort gemacht hätte, im Gespräch mit den Chemnitzern. Auch um Sicherheit zu gewinnen, was tatsächlich passiert ist. Schließich haben diese Ereignisse und deren Interpretation fast die Bundesregierung zum Scheitern gebracht. Ich hatte Frau Merkel bereits im September zu einem Bürgerdialog zum Thema Zuwanderung eingeladen. Jetzt, mit Abstand von knapp drei Monaten, ist die Frage, welches Ziel sie verfolgt. Wenn der Besuch ein Signal des gesellschaftlich Zusammenhalts sein soll, in einer Zeit der Polarisierung, dann ist er richtig und wichtig. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Stadt erneut aufgewühlt wird.

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Chemnitz hat in den vergangenen Wochen viel Politprominenz empfangen. Vor zwei Wochen erst saß der Bundespräsident mit Chemnitzern an einer Kaffeetafel, darunter Opfer fremdenfeindlicher Attacken, aber auch Teilnehmer fremdenfeindlicher Demonstrationen. Das Medieninteresse war enorm. Am Ende wirkten die Menschen eher überfordert als versöhnt.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass solche Gesprächsangebote sinnvoll sind, wenn man sie regelmäßig macht. Gerade wenn es um tief sitzende Konflikte, um unterschiedliche Meinungen und Lebensentwürfe geht. Wenn man die miteinander verhandeln will, braucht man eine Verlässlichkeit in der Wiederholung und die Verbindlichkeit, dass daraus etwas folgt. Es wird dabei nicht leichter durch die einseitige mediale Betrachtung der Stadt. Viele erzählen nur noch eine Geschichte: Die von den hässlichen Konfrontationen nach dem tragischen Tod eines jungen Mannes.

Aber das ist, was passiert ist.

Das Problem ist, dass es lange kein mediales Bild dieser Stadt gab. Jetzt gibt es eines: den Karl-Marx-Kopf, Deutschlandfahnen, Hitlergrüße und ein nackter Hintern. Das soll Chemnitz sein. Das ist nicht richtig. Die Menschen hier haben in den letzten dreißig Jahren Enormes geleistet. Nach der Wiedervereinigung haben 60 000 Menschen die Stadt verlassen. Etwa 100 000 sind arbeitslos geworden. So viele haben sich neu finden müssen. Jetzt haben wir einen konsolidierten Haushalt, eine lebhafte Kulturszene, wir eröffnen neue Schulen. Das sind wichtige positive Zeichen. Ich würde mir wünschen, dass jetzt, wo man die Stadt einmal auf der Landkarte gefunden hat, auch die Erfolge Erwähnung finden.

Zum Beispiel, dass Sie am Mittwoch trotz allem die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 auf den Weg gebracht haben. Wie groß ist Ihre Angst, dass alles Erreichte durch den Riss sickert, der sich seit Ende August durch die Stadt zieht?

Ich bin von der Richtigkeit der Bewerbung überzeugt. Trotzdem war das ein Rückschlag, keine Frage. Es hängt jetzt auch an der Bürgerschaft, sich entschlossen und selbstbewusst vor ihre Leistungen zu stellen.

An diesem Selbstbewusstsein mangelt es offenbar. Diese Woche wurde der Sachsen-Monitor veröffentlicht. Eine Befragung, mit der die Landesregierung sich jährlich ein Bild von der Stimmung im Freistaat macht. Ein Ergebnis ist, dass sich in Chemnitz deutlich mehr Menschen als Bürger zweiter Klasse fühlen als in anderen Regionen Sachsens. Woher kommt das Gefühl der Zurücksetzung?

Ich bin hier geboren und ertappe mich manchmal selbst dabei, tief zu stapeln. Kritik ist viel gegenwärtiger als Lob - das ist in der Region verankert. Die Menschen lehnen sich nicht zurück und sagen: Hach, ist das schön hier. Vor etwa 100 Jahren hat eine Zeitung Chemnitz als den "Wetterwinkel der Konjunktur" bezeichnet. Ich finde das treffend: Hier, etwas im Schatten von Leipzig und Dresden, geht es rauer zu, wird weniger abgefedert. Zum Beispiel gibt es keinen Fernbahnanschluss. Dabei ist Chemnitz die drittgrößte Stadt im Osten Deutschlands mit fast 250 000 Einwohnern. Jedes Mal, wenn Enkel ihre Großeltern hier besuchen, erzählen sie, dass sie in alte Waggons steigen mussten, und wie rückständig das ist. Aber auch das wird sich in Zukunft zum Besseren ändern.

Die Menschen demonstrieren gemeinsam mit Neonazis, weil kein ICE hält?

Nein. Ich beobachte ein sinkendes Vertrauen in demokratische Institutionen. Es gibt Menschen, mit denen kann ich mich wunderbar über die Oper unterhalten, und irgendwann landet das Gespräch trotzdem beim vermeintlichen Versagen der etablierten Parteien. Dieses Gefühl: "Die werden das schon regeln" ist nicht mehr da.

Haben Sie eine Erklärung für diesen Vertrauensverlust?

In den 90ern, als junge Abgeordnete im Landtag, habe ich eine große Schulschließungswelle im ländlichen Raum miterlebt. Oft hat sich dort ein ganzer Ort um die betroffene Einrichtung geschart - so wie es sein sollte. Und die Schule wurde trotzdem geschlossen. Man hat den Orten damals das Herz genommen. Dann muss man sich nicht wundern, dass Familien gehen und die Älteren enttäuscht zurückbleiben.

Ist das Kritik an der Landesregierung?

Es hat lange Zeit an ehrlicher Zuwendung gefehlt. Sachsens ehemaliger Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat nicht mal mit den Oberbürgermeistern gesprochen. Es hätte ja etwas zur Sprache kommen können, das er nicht hören wollte. Sein Nachfolger, Michael Kretschmer, macht das anders. Er fährt auch in die Regionen, lebt eine Kultur des Dialoges vor. Ich hoffe, es gelingt ihm, das Vertrauen zurückzugewinnen, das sein Vorgänger verspielt hat.

Ihr Name ist vor allem mit einem Aufschwung für Chemnitz verbunden. Für die "sehr positive Entwicklung der Stadt" verlieh Ihnen der Landtagspräsident im Juni die Sächsische Verfassungsmedaille. Ihr Engagement gilt vor allem den Jüngeren und der Kulturszene. Haben Sie die Enttäuschten vergessen?

Ich begreife die Großstadt als Raum der Möglichkeiten, ein Nebeneinander und besser noch ein Miteinander von verschiedenen Lebensentwürfen. Als ich 2006 Oberbürgermeisterin wurde, habe ich bewusst Schwerpunkte gesetzt. Besonders im Fokus stehen Kinder, Familien, die junge Generation. Wenn es den jungen Menschen gutgeht, fühlen sich auch die Älteren wohl. In den 90er Jahren sind vor allem gut ausgebildete Frauen gegangen. Das war ein großer Verlust. Davon kommen inzwischen immer mehr zurück, weil sie die Lebensqualität hier schätzen.

Nicht nur Merkel wird heute in Chemnitz ihren Kritikern gegenüberstehen. Auch Sie sind nach den Ausschreitungen teils auf offener Straße beschimpft worden. Wie gehen Sie mit der Feindseligkeit um?

Ich habe mich als Oberbürgermeisterin zur Wahl zu gestellt - zweimal -, weil ich das Beste für meine Stadt will. Mir ist klar, dass ich es nicht allen recht machen kann. Neu ist, wie aggressiv Kritik und Ablehnung vorgetragen werden. Ich hoffe, dass es auch im Protest so viel Kultur gibt, dass die Menschen wissen, wo die Grenze ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass man keine Angst vor seinen Bürgern haben darf.

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