Haushaltsdebatte Die befreite Kanzlerin

Deutschland erlebt eine verwandelte Angela Merkel: Souverän legt sie dar, was die wirklich wichtigen Aufgaben sind - der Abschiedsschmerz könnte noch groß werden.

Kommentar von Cerstin Gammelin

Der Abschiedsschmerz wird noch groß sein. Jedenfalls dann, wenn die Kanzlerin in diesem Stil weitermacht. An diesem Mittwoch sah man im Bundestag eine gelöste, emotional aufgeladene und zugleich nüchtern argumentierende Angela Merkel. Die rechte Hand zur Faust geballt, begründete Merkel ihre politischen Überzeugungen zur Digitalisierung und zum Multilateralismus so zwingend, wie Mathematiker eine komplizierte Gleichung mit zehn Unbekannten lösen. Merkel reihte deutsche Interessen, internationale Probleme und technologische Entwicklungen so sauber aneinander, dass ihr Schlusssatz klang wie: "was zu beweisen war". Es liegt im deutschen Interesse, die Interessen der anderen immer mitzudenken, sagte Merkel am Ende. Klarer kann ein Bekenntnis zum Multilateralismus nicht ausfallen.

Das Bekenntnis ist zugleich ihr Vermächtnis. Auch Angela Merkel wird klar sein, dass ihr Auftritt am Mittwoch ihr letzter als Kanzlerin in einer Generaldebatte zur Politik der Bundesregierung gewesen sein könnte. In zwei Wochen tritt Merkel als CDU-Vorsitzende ab, die CDU wird eine neue Führung bekommen, und es bleibt abzuwarten, ob ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger dann von Merkels Angebot Gebrauch machen wird, bis zum Ende der Legislaturperiode als Kanzlerin zu regieren. Sollte es nicht so sein, dann ist es Merkel in dieser Debatte jedenfalls gelungen, die wirklich wichtigen Aufgaben aufzuzeigen, als da wären: Digitalisierung, Migration und Europa.

In den vergangenen Monaten hatte man Angela Merkel als eine von Sorgen gezeichnete Politikerin erlebt. Seit sie das Ende ihrer politischen Karriere in Aussicht gestellt und sich selbst damit eine große persönliche Freiheit geschaffen hat, erlebt das Land eine verwandelte Kanzlerin. Fast hat man den Eindruck, als gäbe Merkel jetzt auch mal gerne den Schröder, den früheren SPD-Kanzler, so wie sie lässig die politische Konkurrenz abtropfen lässt. So schickte Merkel die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel in den Keller der politischen Bedeutungslosigkeit. Weidel hatte zuvor ausführlich über ihre Spendenaffäre gesprochen und Merkel vorgeworfen, das Land zu spalten. Die Kanzlerin antwortete souverän: "Das Schöne an freiheitlichen Debatten ist, dass jeder über das spricht, was er für das Land für wichtig hält."

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Vor zwei Jahren bat der scheidende US-Präsident Barack Obama die damals noch mächtige Kanzlerin, im Amt weiterzumachen, um die freiheitlichen Werte der westlichen Welt zu verteidigen. Lange Zeit hatte man dann den Eindruck, als würde Merkel an dieser Aufgabe scheitern. Inzwischen sieht es so aus, als habe sie sich erst die persönliche Freiheit schaffen müssen, um sich um die Freiheit der anderen kümmern zu können. Je mehr sie das in souveräner Manier und mit der kühlen Argumentation einer Naturwissenschaftlerin tut, desto mehr wird man sie vermissen.

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