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Projekt "Meet a Jew":"Wir wollen uns sichtbar machen als Menschen"

Verein ´Rent a Jew"

Judentum zum Anfassen: Zum Lichterfest Chanukka verwenden gläubige Juden nicht die siebenarmige Menora, sondern einen acht- bis neunarmigen Leuchter, die Chanukkia.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Was essen Juden? Und fahren sie auch in den Urlaub? Viele Nicht-Juden wissen nur sehr wenig über den Alltag jüdischer Menschen in Deutschland. Die Initiative "Meet a Jew" will das ändern - ohne viel über den Holocaust zu sprechen.

Von Annette Zoch

"Fahren Juden in den Urlaub?", tippt der 14-jährige Jonathan in den Chat. Tamar und Raphael verziehen keine Miene. Es gibt keine blöden Fragen - das ist die Devise des Projekts "Meet a Jew" des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Ja natürlich", antwortet Tamar, und Raphael erzählt von seinem letzten Urlaub in Florenz und der schönen Synagoge dort. Tamar und Raphael, die nicht mit ihrem vollen Namen genannt werden möchten, engagieren sich ehrenamtlich bei dem Projekt. Die Lehrerin und der Betriebswirtschaftler besuchen regelmäßig Schulklassen, Vereine, Volkshochschulen und lassen sich zu ihrem Jüdisch-Sein ausfragen.

Erst jüngst hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Schirmherrschaft übernommen, aus Anlass des Festjahres "1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland". Das Festjahr soll jüdisches Leben in Deutschland jenseits der Shoah anschaulich machen - jüdische Traditionen, jüdische Feste, jüdisches Essen, Musik, Literatur. "Die meisten Deutschen kennen persönlich gar keine Juden, diese machen ja nur etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung aus", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster im Februar im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Ich hoffe, es gelingt, in diesem Festjahr zu vermitteln, dass jüdisches Leben etwas Selbstverständliches auf deutschem Boden ist."

Das Projekt Meet a Jew gibt es schon länger, aber das Ziel ist dasselbe. Die Corona-Pandemie macht die Begegnungen nun vielleicht schwieriger, aber nicht unmöglich - die Video-Konferenz muss genügen. So wie an diesem Nachmittag: Nach und nach tröpfeln die Konfirmanden der evangelischen Karthäuserkirche in Köln im virtuellen Meeting ein, flackern immer mehr Fenster in Teenager-Zimmer auf. An den Wänden Lichterketten und Manga-Poster, irgendwo läuft eine Katze über die Tastatur.

Die Diskussion läuft schleppend an - Teenager sind im Online-Konfirmandenunterricht vermutlich noch schwieriger zum Reden zu bringen als im Stuhlkreis im stickigen Gemeindezentrum. Doch bald ist die Zurückhaltung verflogen, als Eisbrecher fungiert das Essen: "Und Shrimps dürft ihr dann auch nicht essen?", fragt eine Konfirmandin.

Über das koschere Essen kommen sie ins Reden

Anschaulich und mit viel Humor erklären Tamar und Raphael den Kaschrut, die jüdischen Speisegesetze. Erzählen, was sie am nächsten Schabbat kochen, wo sie ihr Challah-Brot kaufen, dass sie Töpfe nur für Fleisch besitzen. Importiertes koscheres Fleisch sei ziemlich teuer, sagt Tamar, die einer liberalen jüdischen Gemeinde angehört, "ich gehe deswegen zum muslimischen Halal-Metzger, das ist für mich okay." Und manchmal sei es schwierig, das Einhalten der Ruhe am Schabbat mit ihrer Berufstätigkeit als Lehrerin zu vereinbaren, wenn am Samstag ein Berg Klassenarbeiten wartet.

Es sind solche Alltagsthemen, mit denen man schnell die Hemmschwelle senken könne, erzählt Raphael nach der Begegnung mit den Konfirmanden: "Übers Essen kann einfach jeder leicht reden." Würde das Treffen real stattfinden, hätten Raphael und Tamar vielleicht auch Matzenbrot dabei oder eine Menora, den siebenarmigen Leuchter. Er steht stattdessen nun hinter Tamar im Bücherregal.

Raphael möchte "als Jude nicht zu einer Art lebenden Denkmal gemacht werden"

Ins Gespräch kommen, darum geht es bei Meet a Jew. Es werde immer gern und viel über Dialog gesprochen, sagt Raphael, "aber wir sind an diesem Punkt noch gar nicht angekommen. Wichtig ist, dass wir erst einmal Vorarbeit leisten: Dass wir sichtbar werden als Juden in Deutschland." Abgesehen von Gedenkveranstaltungen oder Berichten über Antisemitismus sei jüdisches Leben als Teil der Gesellschaft weitgehend unsichtbar. Genau das soll sich ändern, sagt Tamar: "Wir wollen über unsere individuellen Biografien den Zugang zum Judentum erleichtern."

In einer Art Assoziationsspiel bitten die beiden Ehrenamtlichen die Jugendlichen, in den Chat zu schreiben, was ihnen zu Juden als erstes einfällt. Ziemlich oft fallen die Begriffe "Zweiter Weltkrieg", "Konzentrationslager", "Holocaust". Doch Tamar und Raphael gehen zunächst lieber auf andere Themen ein, auf "Tora", "Synagoge" und "Kippa". Zufall?

"Nein, das hat schon einen Grund", sagt Tamar. "Wir wollen bewusst keinen Geschichtsunterricht geben", fügt Raphael hinzu: "Ich möchte nicht zum Sprachrohr für das Thema Holocaust gemacht werden. Ich weiß das selbst ja auch alles nur aus Sekundärquellen. Ich möchte als Jude nicht zu einer Art lebenden Denkmal gemacht werden. Wir wollen uns sichtbar machen als Menschen und nicht als Archetypen."

Gleichwohl beobachtet Raphael, der schon mehrere Begegnungen mitgemacht hat, bei manchen Gesprächspartnern sogar eine Art dringendes Bedürfnis, das Thema Holocaust anzusprechen: "Aus so einem diffusen Schuldgefühl heraus. Und von uns als Juden wird dann vielleicht unbewusst erwartet, dass wir die Gegenrolle annehmen und gewissermaßen die Absolution geben. Aber die Rollen des ,Schuldigen' und des ,Opfers' sind überhaupt nicht angemessen. Ich kann gar nicht verzeihen, was jemand anderem angetan wurde, und genauso wenig sollte sich jemand schuldig fühlen für etwas, was jemand anderes getan hat."

Tamars Familie hat keine Verfolgung erlebt

"Der Holocaust markiert nicht meine persönliche Biografie", sagt auch Tamar, deren Familie aus Tunesien stammt. "Ich stehe nicht für das Judentum generell, sondern für mein Judentum", sagt sie. Ihre Familie habe keine Verfolgung erlebt, sie selbst auch noch keine antisemitisch motivierten Angriffe: "Ich habe als Frau auch ein Privileg: Mir sieht man mein Jüdisch-Sein nicht an, ich trage keine Kippa. Das schützt mich." Als Jüdin mit Wurzeln im arabisch-nordafrikanischen Judentum vertrete sie "die Minderheit innerhalb einer Minderheit. Auch deshalb engagiere ich mich bei Meet a Jew: Wir wollen zeigen, welche große Vielfalt das Judentum hat."

Das Gespräch mit den Konfirmanden läuft inzwischen munter vor sich hin und zum Schluss wird es sogar theologisch: "Gibt es einen Gott im Judentum oder mehrere?", will Romy wissen. "Das Judentum war sogar die allererste Religion, die nur einen Gott hat", erklärt Tamar, und der Pastor, der die ganze Zeit still zugehört hat, muss sich jetzt bei seinen Konfirmanden doch einschalten, lehnt sich vor: "Jesus war Jude!", sagt er und guckt streng in die Kamera.

Auch von den Kanzeln der christlichen Kirchen ist Antisemitismus lange gepredigt worden, spät erst haben die Kirchen dies aufgearbeitet. "Wenn das Christentum seine jüdischen Wurzeln kappt, dann wird es unmenschlich", sagt der Pastor. "Christen müssen sich ganz klar dazu bekennen, dass Jesus Jude war." Und Tamar sagt lächelnd: "Wir haben denselben Gott, wisst ihr?"

© SZ/jbb
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