Manipulation im Netz Ein Video der Linkspartei erhielt eine dreistellige Zahl von Hasskommentaren

So gab es eine Art Countdown vor der Bundestagswahl, mit täglichen Attacken auf Wahlkampfvideos der Grünen, der Linkspartei, der SPD und der CDU. Ein Video der Linkspartei erhielt über Nacht eine dreistellige Zahl von Hasskommentaren, das Verhältnis von positiven und negativen Bewertungen bei einem Video der Grünen-Bundestagsfraktion wurde mit Hunderten "Dislikes" umgedreht. Wahlkampfmanager der Parteien sahen sich gezwungen, die Kommentarfunktion ihrer Youtube-Kanäle zu schließen oder Kommentare nur nach vorheriger Moderation freizuschalten. Die Mitglieder des Servers feierten dies als Erfolg.

Auch während am 3. September 2017 im Fernsehen das Kanzlerduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz lief, rangen die Aktivisten mit ihren Social-Media-Kanälen um Meinungshoheit im Netz. Ein sogenannter Hashtag, der besonders oft gepostet wurde: #verräterduell. Merkel und Schulz als Volksverräter. Der Hashtag trendete bei Twitter, war also hoch erfolgreich genauso wie: #nichtmeinekanzlerin. Die Postings der Aktivisten erreichten dadurch noch mehr Nutzer. Auch offizielle AfD-Accounts griffen dabei auf die Inhalte der Aktivisten zurück, aber nicht nur diese. Bisweilen erhielt die Gruppe offenbar sogar Verstärkung durch russische Bots.

Dass eine kleine Minderheit sich im Netz scheinbar leicht Dominanz verschaffen kann, ist auch das Ergebnis einer wissenschaftlichen Analyse von Hunderten Diskussionen in sozialen Netzwerken. Die Studie des Londoner Institute for Strategic Dialogue zeigt: Für 50 Prozent der Likes bei Hasskommentaren bei Facebook sind fünf Prozent der Accounts verantwortlich.

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Die Aktivisten agierten dabei nach einem "Handbuch für Medienguerilla"

Für die Störung des deutschen Wahlkampfs im Herbst 2017 wurde bei "Reconquista Germanica" aus rechtsextremen Netzwerken und Parteien rekrutiert. Es bewarben sich Mitglieder der NPD, der Partei "Der III. Weg", aus der "Identitären Bewegung" und dem sogenannten Nationalen Widerstand. Ein Organigramm auf dem Server führt auch die Jugendorganisation der AfD auf, die "Junge Alternative". Funktionsträger, darunter offenbar auch AfD-Mitglieder, erhielten einen besonderen Rang. In militaristischem Jargon gehalten, konnten sich Aktivisten hocharbeiten zum "Gefreiten" oder "Offizier", auf dem "Verlautbarungskanal" holten sie sich ihre Befehle ab oder erhielten technische Hilfe bei der Erstellung zahlreicher Fakeprofile. Den Mitgliedern wurde geraten, sich falsche Nutzerkonten mit ausländisch klingenden Namen anzulegen - angebliche Flüchtlinge sollten in Kommentaren behaupten, Syrien sei wieder sicher. Die Aktivisten agierten dabei nach einem "Handbuch für Medienguerilla", das seit einigen Monaten in der rechten Szene kursiert.

Der Kopf hinter "Reconquista Germanica" ist ein anonymer rechter Youtuber aus Bayern, der seit 2010 pro-russische, anti-amerikanische Videoansprachen verbreitet, mit mehr als 30 000 Abonnenten. Seinen Server, der von Discord mittlerweile geschlossen wurde und umziehen musste, bezeichnet er als "eine neue Stufe des Widerstands". Auch Youtube hat den Kanal für Nutzer in Deutschland gesperrt. Ein Youtube-Sprecher verwies auf Verletzung der Hatespeech-Regeln der Plattform.

"Reconquista Germanica" macht auf einem anderen Server weiter, einem "Ausweichlager". Zuletzt riefen die Aktivisten dazu auf, die Diskussion über den ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse" zu beeinflussen, in dem es in Umkehrung der Realität um die Flucht von Europäern nach Afrika geht. Zensur werde nichts nützen, tönten die rechten Aktivisten. Sie seien ein rollender Zug, der sich nicht aufhalten lasse.

TV-Rezension Festung Afrika

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