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Frankreich:Wie die Unschuld auf dem Lande

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor der Schule in Poix-de-Picardie, wo seine Großmutter unterrichtete.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor der Schule in Poix-de-Picardie, wo seine Großmutter unterrichtete.

(Foto: Denis Charlet/Reuters)

Nach dem langen Pandemiewinter feiert Präsident Macron auf seiner Tour die Schönheit Frankreichs. Und tut so, als ginge ihn die kommende Regionalwahl nichts an.

Von Nadia Pantel, Paris

Als Emmanuel Macron 2017 gerade frisch im Amt war, veröffentlichte der Schriftsteller Philippe Besson sein Werk "Un personnage de roman", das vom Aufstieg Macrons erzählte. Der titelgebenden "Romanfigur Emmanuel M." nähert sich Besson mit unverhohlener Bewunderung: "Was mich von Anfang an zu ihm hingezogen hat, war seine Einzigartigkeit." Es gehört nicht zu den instinktsichersten Entscheidungen Macrons, dass er Besson ein knappes Jahr nach Erscheinen des Buches zum Generalkonsul in Los Angeles machen wollte. Die Ernennung wurde nach Nepotismus-Vorwürfen vom Staatsrat gekippt. So ist Besson nun nicht in Kalifornien, doch Macron beweist immer wieder, dass der Titel des Buches klug gewählt war. Sobald die politische Aktualität ihm ein bisschen Luft lässt, gestaltet er seine Amtszeit, als wäre er eine Romanfigur.

Zum Beispiel an diesem Donnerstag, als er in eine Dorfschule in der nordfranzösischen Picardie reiste. Roter Backstein, Baum auf dem Pausenhof, niedliche Kinder. Diese Dorfschule sieht nicht nur aus wie aus dem Bilderbuch, sie ist ein mit Bedacht gewählter Einblick in das Familienalbum des Präsidenten. Denn hier, in dieser Schule in Poix-de-Picardie, unterrichtete Macrons Großmutter. So diskret der Präsident sonst mit seinem Privatleben umgeht, für diese Großmutter macht er seit Jahren eine Ausnahme. Alle sollen wissen, wie sehr er sie geliebt hat, wie er seine Kindheit mit ihr auf dem Lesesessel zugebracht hat.

Germaine Noguès, die Enkel nannten sie Manette, habe ihm "die Tür zum Wissen, zum Schönen, vielleicht zur Unendlichkeit" geöffnet. So schrieb es Macron 2016 in seiner Präsidentschaftsbewerbung in Buchform ("Révolution"). Und in einem langen Interview im Mai erklärte er, er sei "in den Erinnerungen seiner Großmutter aufgewachsen" und deshalb wie "desynchronisiert" von seiner eigenen Generation.

Der Enkel würdigt die Großmutter mit einem Staatsbesuch

Nun würdigte der Enkel Manette posthum also mit einem Staatsbesuch. Es soll eine doppelte Verbeugung sein: die vor seinen familiären Wurzeln und vor denen des Landes. Das Élysée teilte mit, dass der Nordfrankreich-Besuch des Präsidenten im Zeichen des Lesens stehe. Die Erweckung durch Buchstaben, die Macron mit seiner Großmutter erlebte, sollen alle kleinen Franzosen mit den Fabeln Jean de la Fontaines erleben. Seit Jean-Michel Blanquer unter Macron Bildungsminister wurde, bekommt jeder französische Grundschüler einen Band mit de la Fontaines Fabeln geschenkt. Nun, zu Fontaines 400. Geburtstagsjahr, besuchte Macron nach seinem Stopp in der Picardie am Donnerstag die Kleinstadt Château-Thierry, in der der Schriftsteller 1621 geboren wurde.

Macrons literarischer Ausflug ist der dritte Stopp seiner "Tour de France", die ihn seit Ende Mai wöchentlich in eine andere Region Frankreichs bringt. Vergangene Woche bekam diese Tour besondere Aufmerksamkeit, nachdem der Präsident von einem Mann geohrfeigt worden war, doch an der ferienartigen Grundstimmung dieser Kurzbesuche ändert das wenig. Der Präsident fährt ins schöne, heitere, sonnige Frankreich. Gern verknüpft mit Botschaften des Aufatmens. In der Bourgogne schlug Macron im Mai auf, als gerade die Terrassen der Restaurants wieder geöffnet hatten. Der Präsident stellte sich mit einem orange leuchtenden Glas Spritz vor die Kameras. Auch der Donnerstag in der Picardie war symbolisch mit Erleichterung aufgeladen: Das erste Mal seit Herbst müssen die Franzosen an der frischen Luft keine Maske mehr tragen. Und die nächtliche Ausgangssperre endet.

Das alles sei kein Wahlkampf, sondern einfach nur "meine Arbeit", sagte Macron am Donnerstag. Diesmal will er sich nicht von seiner Generation desynchronisiert sehen, sondern von der politischen Aktualität. Am Sonntag beginnen in Frankreich die Regionalwahlen. Während Macron über die Freuden des Lesens sprach, fuhr seine Konkurrentin Marine Le Pen nach Südfrankreich, wo ihre Partei Rassemblement National zum ersten Mal eine Region (Provence-Alpes-Côte d'Azur) gewinnen könnte. Macrons Partei hingegen hat keine Chance auf einen Sieg. Was kein größeres Problem darstellt, wenn man Macron glaubt, der, wie er am Mittwoch sagte, "keine nationalen Konsequenzen aus dieser lokalen Wahl" ziehen werde.

Frankreichs Nachrichtensender illustrierten die Gleichzeitigkeit der Besuche im Splitscreen, links Macron, rechts Le Pen. Tatsächlich ist der Splitscreen nicht die schlechteste Metapher für den Zustand des Landes. Frankreich erlebt in diesen Wochen beides. Die deutlich spürbare Erleichterung nach einem langen Pandemiewinter, die Macron mit seiner Tour de France in Szene setzt. Und die ersten Vorboten eines harten Präsidentschaftswahlkampfes, in dem die aggressivsten Stimmen und diejenigen vom rechten Rand zunehmend das politische Klima dominieren.

© SZ/mcs
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