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Rückzug von Hannelore Kraft:Wer die NRW-SPD jetzt führen könnte

  • Nach dem Rücktritt von Hannelore Kraft braucht die SPD in Nordrhein-Westfalen einen neuen Landesvorsitzenden.
  • Einen klaren Favoriten gibt es bislang nicht für das Amt - aber es sind einige Namen im Gespräch.

Mit zwei Sätzen hat Hannelore Kraft ihre NRW-SPD in die Orientierungslosigkeit gestürzt. "Ich muss sagen, die Entscheidungen, die getroffen worden sind, dafür übernehme ich persönlich die Verantwortung", sagte die abgewählte Ministerpräsidentin auf dem Wahlabend der SPD in Düsseldorf. "Deshalb werde ich mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Landesvorsitzende der SPD und als stellvertretende Bundesvorsitzende zurücktreten, damit die NRW-SPD eine Chance auf einen Neuanfang hat." Eine Minute und 48 Sekunden dauerte ihr Auftritt, dann rauschte Kraft ab. Und hinterließ ratlose Sozialdemokraten.

Die Lücke, die sie hinterlässt, ist riesig. Kraft regierte nicht nur sieben Jahre lang das Land, sie war auch seit Januar 2007 Chefin der NRW-SPD. Als stellvertretende Vorsitzende verfügte sie außerdem über viel Einfluss in der SPD im Bund. Zwischenzeitlich wurde sie sogar als Kanzlerkandidatin gehandelt - und wäre vermutlich auch 2017 im Rennen um die Kandidatur gewesen, hätte sie den Spekulationen nicht selbst durch ihr Bekenntnis zu Nordrhein-Westfalen eine Absage erteilt.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Gestürzt in der Herzkammer
Hannelore Kraft

Gestürzt in der Herzkammer

Die Niederlage in Nordrhein-Westfalen bedeutet das rasche und bittere Ende der Karriere von Hannelore Kraft. Einst hat ihr die SPD sogar das Kanzleramt zugetraut.   Von Jan Bielicki

Einen Kronprinzen hat Kraft nicht aufgebaut

Wer soll nun folgen? So richtig wissen das die Sozialdemokraten im Westen auch nicht. Der schnelle Rücktritt, so hört man, hat die Partei unvorbereitet getroffen. Das spiegelt sich auch in den Namen, die nun als mögliche Kandidaten für die Parteispitze genannt werden. Sie sind weitgehend unbekannt, einen Kronprinzen hat Kraft nicht aufgebaut. Heute Abend will der SPD-Landesvorstand beraten, wie es weitergehen soll. Offen will sich bislang niemand zu der Kandidatenfrage äußern - die Parteimitglieder wollen wohl zumindest dieses erste Treffen am Tag nach der Niederlage abwarten. Aber hinter vorgehaltener Hand kursieren bereits eine Menge Spekulationen über die mögliche Kraft-Nachfolge:

Ein Name, der oft fällt, ist Marc Herter. Der Sozialdemokrat aus Hamm sitzt seit 2010 im Landtag und hat es bereits ein Jahr später zum parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion gebracht. Seit 2010 ist er außerdem einer von Krafts Stellvertretern an der Landesparteispitze. Auch zuvor hat der 42-Jährige eine klassische Parteikarriere hingelegt: Juso-Vorsitzender, Stadtrat in Hamm, dann Landesvorstandsmitglied, Mitglied im Landespräsidium. Und schließlich der Sprung in den Landtag. Herter wird dem linken Parteiflügel zugerechnet.

Ebenfalls genannt wird Frank Baranowski. Der 54-Jährige ist seit 2004 Oberbürgermeister von Gelsenkirchen, eine der wichtigsten Bastionen der NRW-SPD überhaupt. Baranowski bekommt hier Zustimmungswerte, die an eine Zweidrittelmehrheit grenzen. Bei den Kommunalwahlen 2014 zum Beispiel bekam er in seinem Wahlkreis 67,4 Prozent. Und die SPD holte die absolute Mehrheit in Gelsenkirchen. Offiziell hat Baranowski noch nicht erklärt, ob er die Parteispitze in Nordrhein-Westfalen anstrebt. Aber er wagte sich am Wahlabend als einer der wenigen bereits mit Kritik hervor. "Haben wir die richten Antworten gegeben?" fragte er. Und antwortete selbst: "Nein."

Ein dritter Name, der kursiert, ist Thomas Kutschaty, bislang Justizminister in NRW. Kutschaty wird in dem Amt eine solide Arbeit attestiert. In der Öffentlichkeit präsent war er etwa in der Debatte um die Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland, als er ein Machtwort der Bundesregierung forderte. Kutschaty ist zudem Vorsitzender des einflussreichen SPD-Unterbezirks Essen.

Der oder die neue Chefin könnte erst im Sommer feststehen

Etwas seltener fallen zudem die Namen weiterer Mitglieder der nun abgewählten NRW-Landesregierung, etwa der des Finanzministers Norbert Walter-Borjans, der durch den Ankauf von Steuer-CDs bundesweit bekannt wurde. Mit 64 Jahren ist er allerdings nicht mehr der Jüngste. Ebenso genannt wird Michael Groschek, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und seit 2012 Landesminister für Verkehr. Als solcher hat er es allerdings nicht geschafft, die Wahlkampfdebatte um die vielen Staus in NRW zu verhindern. Groschek sagte auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa, die Nachfolgedebatte sei für ihn "noch kein Thema". Bedeckt hielt sich bisher auch der Arbeitsminister Rainer Schmeltzer, früherer Gewerkschafter und Sozialdemokrat aus der Ruhrgebietsstadt Unna.

Beobachter halten es für möglich, dass die endgültige Nachfolgelösung erst im Sommer feststehen wird. So deutete es etwa Fraktionschef Norbert Römer an. Bis dahin könnten die Partei eine Art Interimsvorsitzenden präsentieren.

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