Hannelore Kraft Gestürzt in der Herzkammer

Die Niederlage in Nordrhein-Westfalen bedeutet das rasche und bittere Ende der Karriere von Hannelore Kraft. Einst hat ihr die SPD sogar das Kanzleramt zugetraut.

Von Jan Bielicki, Düsseldorf

Noch 48 Stunden ehe die Wahllokale schlossen, wirkte Hannelore Kraft keineswegs so, als sehe sie ihre politische Zukunft in Gefahr. Gerade hatte sie ihre Wahlkampfrede vor den wenigen Hundert Zuhörern am Duisburger Theater abgefeuert, hatte SPD-Chef Martin Schulz, dessen Vorgänger Sigmar Gabriel und viele andere Parteifreunde in ihrer Reichweite umarmt und geherzt.

Dann rockte die Kölsch-Band Brings, und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin tanzte und sang, erst im Publikum mit Ehemann und Sohn, dann auch auf der Bühne, text- und rhythmussicher, ausgelassen und, so schien es jedenfalls, völlig gelöst: "Su lang mer noch am lääve sin, am Lache, Kriesche, Danze sin ..." Heißt: Solange wir noch leben, lachen, weinen, tanzen.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Stunde null für die SPD
Landtagswahl in NRW

Stunde null für die SPD

Die Niederlage der Sozialdemokraten in NRW ist total. Das kann den Blick klären - und zeigen, zu was Martin Schulz in der Lage ist.   Analyse von Stefan Braun

Dabei hatten bereits die letzten Umfragen angedeutet, dass ihre Amtszeit nach sieben Jahren enden könnte. Und am Sonntag wurde erstaunlich früh und deutlich klar, dass es für Kraft und ihre Sozialdemokraten ein Abend zum Weinen werden würde. Sie waren darauf vorbereitet, dass es für Rot-Grün nicht mehr reichen würden. Auch darauf, dass es für sie ein schlechtes, womöglich sehr schlechtes Ergebnis werden würde.

Aber sie hatten bis zuletzt gehofft, dass Kraft wenigstens ein einziges Mandat Vorsprung vor der CDU würde erringen können; das hätte es erlaubt, ihr Amt als Ministerpräsidentin in einer großen Koalition mit der CDU behalten zu können. Doch selbst diese kleine Hoffnung ist schon mit den ersten Prognosen nach Schließung der Wahllokale kurz nach 18 Uhr zerplatzt. Unter zur Wahlparty geladenen Sozialdemokraten im Quartier Bohème mitten auf Düsseldorfs Kneipenmeile herrscht entsetzte Stille.

Schockstarre. Es ist erst Viertel nach sechs, es rechnet niemand so früh mit dem Eintreffen der Ministerpräsidentin. Dann raunt ein SPD-Sprecher den Journalisten zu: "Ankunft eine Minute." Einzelnes Klatschen von hinten deutet die Ankunft Krafts an, dann hebt der Applaus an, aber bevor er zum trotzigen Sturm werden kann, ist sie schon am Rednerpult und bittet um Ruhe für ihre Rede. Sie weint nicht, sie hadert nicht, ihre Stimme ist heiser, aber so fest wie immer. "Das ist kein guter Tag für die Sozialdemokratie in Nordrhein-Westfalen", hebt sie an.