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Krisen vor dem Ersten Weltkrieg:Daily-Telegraph-Affäre, 1908

Bernhard von Bülow während der Daily-Telegraph-Affäre, 1908

Reichskanzler Bernhard von Bülow (mit Stock) auf dem Bahnhof von Potsdam nach der Rückkehr von einer Audienz bei Kaiser Wilhelm II. während der Daily-Telegraph-Affäre im Jahre 1908.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Eigentlich war Kaiser Wilhelm II. nur nach England gereist, um sich von den Enthüllungen um das Privatleben seines Freundes Philipp zu Eulenburg zu erholen. Doch noch im Urlaub geriet er schon in die nächste Affäre: Wilhelm II. gab dem Londoner Daily Telegraph ein umstrittenes Interview, in dessen Folge viele Deutsche den Rücktritt ihres Kaisers forderten.

In dem Interview, das am 28. Oktober 1908 erschien, ließ sich Wilhelm kritisch über die deutsche Politik aus. Der Kaiser sagte, er sei darauf bedacht, sich für Londons Interessen einzusetzen, auch wenn die Mehrheit der Deutschen England gegenüber feindlich eingestellt sei. Willhelm wollte damit offenkundig das Misstrauen Großbritanniens gegenüber dem von ihm forcierten deutschen Flottenbau abmildern - doch die Rechnung ging nicht auf. Viele Deutsche fühlten sich vom eigenen Herrscher brüskiert.

Erster Weltkrieg Russisch, englisch, türkisch sind alle meine Kleider Bilder
Uniform-Marotte von Kaiser Wilhelm II.

Russisch, englisch, türkisch sind alle meine Kleider

Kaiser Wilhelm II. schlüpfte in alle Uniformen - außer in die französischen. SZ.de dokumentiert den bizarren Tick des letzten deutschen Kaisers.

In vielen deutschen Städten protestierten Bürger gegen die Aussage und forderten den Kaiser dazu auf, seine Krone abzugeben. Auch die Abgeordneten des Reichstags kritisierten das undiplomatische Verhalten Wilhelms II.

Er selbst bemerkte erst eine Tage später, welche Reaktionen er mit dem Interview ausgelöst hatte: Als der Beitrag erschien, war Wilhelm gerade bei Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand in Böhmen zu Gast. Erst später kam er mit den Chefs des Militär- und des Zivilkabinetts zusammen, um über die Causa zu sprechen. Großes Verständnis soll Wilhelm für die Aufregung der Deutschen allerdings nicht aufgebracht haben - für ihn stellte sich der Skandal als eine Verschwörung gegen ihn dar.