Krawalle in der Pandemie:"Die Leute können es sich selber nicht erklären"

Lesezeit: 3 min

Nach Ausschreitungen in Stuttgart

Verletzte Polizisten, eingeschlagene Scheiben: In Stuttgart kam es vor einem Jahr zu schweren Krawallen zwischen feiernden jungen Menschen und der Polizei.

(Foto: Silas Stein/dpa)

Seit Beginn der Pandemie kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen feiernden jungen Menschen und der Polizei, etwa in Stuttgart und in Münster. Was andere Städte daraus lernen können.

Von Claudia Henzler, Stuttgart, und Jana Stegemann, Münster

Am Ufer des Aasees haben Generationen von Studentinnen, Touristen und Münsteranern laue Sommerabende verbracht. Auch vor Corona war es hier voll. Doch das ist kein Vergleich zu dem, was seinen bisherigen Höhepunkt am vergangenen Wochenende fand und die Verantwortlichen der Stadt Münster geschockt und auch etwas ratlos zurückgelassen hat. "Sowas habe ich noch nie in Münster erlebt", sagt Markus Lewe (CDU), der Oberbürgermeister.

Am Freitagabend hatte es zunächst einige Schlägereien gegeben, Polizisten wurden angegriffen und beleidigt. Als die Einsatzkräfte die Aaseewiese räumten, warfen junge Männer aus kleinen Gruppen heraus mit Böllern, Glasflaschen und Blumentöpfen - und zogen danach grölend und randalierend Richtung Innenstadt. In Münster fragt man sich nun: Warum passiert so etwas in dieser beschaulichen Stadt? Wer sind die aggressiven Randalierer? Und was lässt sich tun, um solche Vorfälle künftig zu verhindern?

Es sind dieselben Fragen, die sich viele Menschen vor einem Jahr in Stuttgart gestellt haben. In der Nacht auf den 21. Juni 2020, die als "Krawallnacht" bundesweit bekannt wurde, hatten junge Männer aggressiv auf einen Polizeieinsatz reagiert. Sie griffen Polizisten an und schlugen Scheiben ein. Der Druck, die Täter zu fassen, war ebenso groß wie der Wunsch, deren Motivation aufzuklären. Was also hat man in Stuttgart gelernt - und können diese Erkenntnisse anderen Städten nützen?

Mehr als 140 Tatverdächtige hat die Polizei mit enormem Personalaufwand ermittelt. Baden-Württembergs Innenminister war von Anfang an daran gelegen, hart durchzugreifen. Kurz vor dem Jahrestag meldet Thomas Strobl (CDU) nun stolz: "Rund 100 Jahre Freiheitsstrafe wurden bisher durch die Gerichte verhängt - davon 40 Jahre ohne Bewährung."

Die meisten Täter waren zuvor unauffällig

Das Amtsgericht Stuttgart, wo die Prozesse unabhängig vom Wohnort der Angeklagten gebündelt werden, hat eine recht überraschende Bilanz der ersten 64 Verfahren gezogen: Die meisten Täter seien bis zu jener Nacht "unauffällig" gewesen. Gerichtssprecher Joachim Spieth erklärt: Die Mehrzahl sei in Deutschland aufgewachsen, habe einen Schulabschluss und keine oder zumindest keine nennenswerten Vorstrafen. Das sei kein Widerspruch zu den Angaben des Innenministeriums, dass viele Täter schon "polizeibekannt" waren. Wenn jemand bei Kontrollen auffiel oder angezeigt wurde, erfahre das Gericht dies nicht.

Zur Motivation könne er wenig sagen, sagt Spieth. "Die Leute können es sich selber nicht erklären, und das nehme ich ihnen auch ab." Die meisten Angeklagten waren zwischen 18 und 21 Jahre alt. In der überwiegenden Zahl wurden sie wegen Landfriedensbruchs in einem besonders schweren Fall nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. "Landfriedensbruch ist ein relativ schweres Delikt, weil das Gefühl der Rechtssicherheit dadurch nachhaltig beeinträchtigt wird", begründet Spieth die vielen Freiheitsstrafen. Ein erstes Urteil wurde jedoch inzwischen in zweiter Instanz in eine Bewährungsstrafe umgewandelt.

Viel wurde über die Frage diskutiert, ob es eine Rolle gespielt haben könnte, dass mehr als die Hälfte der Täter einen Migrationshintergrund hat - wegen möglicher sozialer Benachteiligung oder weil manche junge Männer wegen ihres Aussehens das Gefühl haben, von der Polizei diskriminiert zu werden. Das könnte wohl nur eine kriminologische Studie beantworten.

Schon unmittelbar nach der Krawallnacht hatte die Polizei Alkohol, Testosteron und Gruppendynamik als Ursachen genannt. Wenn eine kritische Masse betrunkener Männer zusammenkomme, könne es gefährlich werden. Mangels Alternativen treffen sich mehr Menschen als früher in den Städten. "Es liegt natürlich daran, dass die ganzen Clubs noch zu haben, dass es keine Konzerte, kein Kino, keine Partys gibt", sagt Clemens Maier (Freie Wähler), Ordnungsbürgermeister in Stuttgart. Problematisch sind aus Sicht der Polizei vor allem einige gewaltbereite junge Männer, die sich produzieren wollten.

Entspannung, wenn Clubs und Discos wieder öffnen dürfen?

In Münster sind es vor allem junge Männer von außerhalb, die Polizisten auffallen. In einem ortsfremden Auto fanden sie kürzlich eine Schusswaffe, eine Eisenstange und einen Totschläger. "Die Erfahrungen der letzten Wochenenden haben gezeigt, dass einige aus den Umlandkreisen und dem Ruhrgebiet nach Münster kommen, um hier gezielt aggressiv und gewalttätig aufzutreten", sagte Münsters Polizeipräsident Falk Schnabel. Einige hätten schon auf dem Weg in die Stadt Platzverweise für das gesamte Stadtgebiet erhalten "und konnten gleich wieder umkehren". Ein Treffen der Autoposer-Szene mit 450 Autos konnte zudem verhindert werden.

Als Reaktion auf die Krawalle hat Stuttgart mehr Sozialarbeiter eingestellt. Die Stadt hat außerdem Fitnessgeräte installiert, um jungen Besuchern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten. Derweil herrscht in der Innenstadt weiter Oktoberfeststimmung. Junge Menschen feiern an den Wochenenden zu Hunderten, beobachtet von der Polizei, die im Hintergrund bleibt, solange die Lage nicht eskaliert. Demnächst soll eine Videoüberwachung starten und ein privater Sicherheitsdienst Streife gehen.

Münster hat jetzt eine "Null-Toleranz-Strategie" angekündigt: Die Aaseewiese wird am Wochenende nachts gesperrt. Erst mal vorübergehend. In Stuttgart hofft man darauf, dass sich die Lage entspannt, wenn erst Clubs und Discos wieder öffnen dürfen.

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