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Randale in Stuttgart:"Gewalt ist männlich und betrunken"

500 junge Männer aus der Partyszene ziehen eine Nacht lang plündernd und randalierend durch die Stuttgarter Innenstadt und greifen auch Polizisten an. Es entlädt sich ein länger schwelender Konflikt.

Am Morgen danach herrscht in der Innenstadt beschauliche Sonntagsruhe. Menschen sitzen in Straßencafés, Spaziergänger schlendern durch die Königstraße, um mit eigenen Augen zu sehen, was sie morgens im Radio gehört haben: Horden zerstörungswütiger junger Männer sind in der Nacht durch die bekannte Einkaufsmeile gezogen, haben Schaufenster und große Werbetafeln zerstört, auf Streifenwagen eingeschlagen und Polizisten verletzt. Vereinzelt ist es auch zu Plünderungen gekommen. "Was die nur geritten hat?" fragt ein junger Mann im Fahrraddress seinen Begleiter, als sie vor einem Mobilfunkladen in der Nähe des Schlossplatzes haltmachen. Der schüttelt nur fassungslos den Kopf. Wo gestern noch das Schaufenster war, liegt jetzt ein Scherbenhaufen.

Filialleiter Eyob Russom und einer seiner Mitarbeiter sind drinnen beim Aufräumen. "Ich hab's heute morgen gegen halb sechs gehört und bin dann sofort hierher", sagt er. Noch wisse er nicht, wie viel bei ihm gestohlen wurde, aber ja: "Es sind Handys entwendet worden." Die Spurensicherung war in aller Früh schon da, nun kann er das bläuliche Glas, das sich auf dem Boden verteilt hat, zusammenkehren.

20 verletzte Polizistinnen und Polizisten

Die Polizei präsentiert am Nachmittag erste Zahlen: Bei 40 Geschäften wurden Schaufenster eingeschlagen, zwölf Streifen- und Mannschaftswagen der Polizei beschädigt. In neun Läden kam es nach bisherigen Erkenntnissen zu Plünderungen. Etwa 20 Polizisten wurden bei den Ausschreitungen verletzt. Verantwortlich sind nach bisherigen Erkenntnissen junge Männer aus einem Milieu, das die Stadt als "Party- und Eventszene" beschreibt. Bislang wurden 24 Personen vorläufig festgenommen, unter ihnen sieben Minderjährige, zwölf Deutsche, ausschließlich Männer. "Gewalt ist männlich und betrunken", kommentierte dies Thomas Berger, Vizepräsident des Polizeipräsidiums Stuttgart.

Randale und Plünderungen in Stuttgart

Die Ausschreitungen begannen um kurz vor Mitternacht, erst gegen halb fünf Uhr in der Früh hatte die Polizei die Lage wieder unter Kontrolle.

(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Um kurz vor Mitternacht haben die Ausschreitungen begonnen - und die Polizei zunächst stark überfordert, obwohl sie in der Stadt schon mit einer Hundertschaft mehr präsent war als sonst. "Die Situation ist völlig außer Kontrolle", hatte ein Polizeisprecher in der Nacht gesagt. Erst als etwa 100 Beamte aus dem Umland eingetroffen waren, beruhigte sich die Lage gegen halb fünf. Insgesamt waren fast 300 Polizisten im Einsatz.

Auf Smartphone-Videos, die noch in der Nacht ins Internet gestellt wurden, ist zu sehen, wie Gruppen junger Männer durch die Fußgängerzone rennen und Scheiben eintreten. Zu sehen ist auch, dass viele Menschen die Ereignisse eifrig filmen und die Gewalttätigen teilweise anfeuern. Das Zerstörungswerk konzentrierte sich auf die Königstraße und wenige angrenzende Gebiete sowie auf Polizisten und Streifenwagen, die auch im Vorbeifahren beworfen wurden. Ein Video zeigt, wie ein junger Mann einen Polizisten, der jemanden auf dem Boden fixiert hält, anspringt und umwirft.

Der Eckensee im Zentrum der Stadt war der Ausgangspunkt für die Übergriffe. Dieser künstlich angelegte Teich liegt im Oberen Schlossgarten, gleich neben dem Schlossplatz und der Königstraße. Während andere Innenstädte abends weitgehend leer stehen, ist die Gegend nach Ladenschluss ein beliebter Treffpunkt. Aus dem gesamten Umland kommen Leute hier am Wochenende zum Feiern - momentan sind es wegen geschlossener Clubs und Diskotheken besonders viele.

Immer wieder Ärger wegen der Corona-Verordnungen

"Letztlich war es ein bunter Mix über den Globus, was sich da gestern versammelt hat", sagte Berger. In den vergangenen Wochen war es dort bereits zu Konflikten gekommen, als die Polizei versuchte, die Corona-Verordnungen durchzusetzen. Eine Eskalation in dieser Dimension ist aber neu. "Solche Szenen hat es in Stuttgart sicher noch nie gegeben", sagte Berger.

Auslöser oder auch "Vorwand" für die Ausschreitungen, so schildert es die Polizei, war die Kontrolle eines 17-jährigen Deutschen, der unter Verdacht stand, Drogen zu besitzen. Mehr als 200 Feiernde hätten sich mit ihm solidarisiert und die Polizisten mit Flaschen und Steinen beworfen. Anschließend seien etwa 500 Menschen in Richtung Schlossplatz gezogen, um dort zu randalieren. Zunächst schlugen Krawallmacher auf Mannschaftswagen der Polizei ein, teilweise mit Stangen und Pfosten. Dann zogen zerstörungswütige junge Männer in mehreren Gruppen weiter.

Polizeipräsident Frank Lutz nannte neben dem Alkohol einen weiteren Grund für die Gewalttaten: Für einen Teil der jungen Männer gehöre Gewalt und Respektlosigkeit gegenüber der Polizei offenbar zur Selbstinszenierung in den sozialen Medien.

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sprach von einem "traurigen Sonntag für Stuttgart". Er kündigte an, das Geschehen sorgfältig zu analysieren und alles zu tun, damit es nicht zu einer Wiederholung kommt. Er glaube allerdings nicht, "dass in Stuttgart eine höhere Gewaltbereitschaft existiert als in anderen Städten". Im Polizeipräsidium wurde eine 40-köpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet, um die Ereignisse aufzuklären. An den kommenden Wochenenden soll die Polizeipräsenz in der Innenstadt weiter erhöht werden.

© SZ/nas
Berg

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