Kongresswahl in den USA Für die Republikaner könnte es eng werden

Der demokratische Herausforderer Beto O'Rourke bei einer Rede in der Stadt Plano in Texas.

(Foto: AFP)

Im erzkonservativen Texas zeigt ein junger Demokrat, warum die Republikaner den Ausgang der Zwischenwahlen richtig fürchten müssen.

Von Hubert Wetzel, Washington

38 zu 39 - hinter diesen Zahlen steckt eine politische Revolution, zumindest in Texas. In der aktuellsten Umfrage, die es zum dortigen Senatswahlkampf gibt, kommt der republikanische Amtsinhaber Ted Cruz auf 39 Prozent der Stimmen. Das ist nicht sehr viel, bedenkt man, dass er seine erste Wahl vor sechs Jahren mit 57 Prozent gewonnen hat. Sein demokratischer Herausforderer Beto O'Rourke liegt hingegen derzeit bei satten 38 Prozent. Für einen stockkonservativen Bundesstaat, der seit einem Vierteljahrhundert keinen Demokraten mehr in den US-Senat entsandt hat, ist das durchaus bemerkenswert. Es bedeutet: Bei der Kongresswahl am 6. November könnten die Republikaner einen sicher geglaubten Senatssitz an die Demokraten verlieren.

Im Moment ist das Wichtigste an diesem Satz noch der Konjunktiv. Cruz könnte verlieren, O'Rourke könnte gewinnen. Ausgemacht ist beides längst noch nicht. Andere Umfragen zeigen den Republikaner mit einem größeren Vorsprung, allerdings nie mit einem besonders bequemen. Sicher ist, dass Ted Cruz ein Problem hat und die Republikaner in Texas derzeit extrem nervös sind.

Dazu haben sie allen Grund. Denn wenn es einen Kandidaten gibt, der das Kunststück hinbekommen könnte, Texas zu kippen, dann vermutlich O'Rourke, den manche Demokraten bereits als "den neuen Kennedy" feiern. Die Familie des 45-Jährigen lebt seit Generationen in Texas, er selbst ist in El Paso aufgewachsen und vertritt seit sechs Jahren einen Wahlkreis aus dem Westen des Bundesstaates im US-Repräsentantenhaus.

Hinzu kommt bei O'Rourke eine ideologische Mischung, die ganz gut zum heutigen Texas zu passen scheint - links, modern und lässig genug, um die vielen jungen Leute und Einwanderer anzusprechen, die in die boomenden Städte des Bundesstaats wie Austin oder Houston ziehen; zugleich aber gemäßigt genug, um nicht all jene etwas konservativeren Wähler abzuschrecken, von denen es in Texas so viele gibt. Die stramm rechten, christlichen, erzpatriotischen Wähler auf dem Land, die Cruz unterstützen, wird O'Rourke wohl nicht überzeugen. Aber vielleicht nimmt er dem Amtsinhaber im November gerade genügend moderate, unideologische Wechselwähler weg - und vor allem Wählerinnen, die vom Sexismus des republikanischen Präsidenten Donald Trump angewidert sind -, dass es zum Sieg reicht.

Zehn Gründe, warum die US-Demokratie in größter Gefahr ist

Mit den Halbzeitwahlen vor der Tür zeigen sich die aberwitzigen Schwächen der amerikanischen Demokratie. Und das hat nicht nur etwas mit Präsident Trump zu tun. Von Thorsten Denkler mehr ...

Der Versuch, eine ideologische Balance zu halten, zieht sich durch viele Positionen O'Rourkes. Bei demokratischen Leib-und-Magen-Themen wie dem Recht auf Abtreibung oder der allgemeinen Krankenversicherung liegt er auf Parteilinie, sonst wäre er auch nicht Kandidat geworden. Zuweilen aber ist er von den linken Dogmen vieler demokratischer Aktivisten ähnlich weit entfernt wie von Cruz' radikal rechten Überzeugungen. So ist O'Rourke zwar für schärfere Waffengesetze, betont aber, dass normale Bürger das Recht haben müssten, Waffen zu besitzen; er ist dafür, illegalen Einwanderern die Einbürgerung zu ermöglichen, fordert aber auch, dass die Grenze zu Mexiko besser gesichert werden müsse. Der in linksliberalen Kreisen schick gewordenen Forderung, die Grenzschutzbehörde ICE ersatzlos abzuschaffen, hat sich O'Rourke nicht angeschlossen. Auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump sieht er eher skeptisch.

Seit Monaten reist O'Rourke kreuz und quer durch Texas, er hat sich vorgenommen, alle 254 Landkreise des Staates zu besuchen. Das ist nur zu schaffen, wenn man ganze Tage im Auto verbringt, was O'Rourke gelegentlich tut und die Fahrt dann live bei Facebook überträgt. Besonders alarmierend ist für die Republikaner jedoch, dass O'Rourke regelmäßig mehr Spenden einnimmt als Cruz. Im zweiten Quartal waren es gut zehn Millionen Dollar - doppelt so viel wie der Republikaner. Das war einer der Gründe, warum vor einigen Wochen eine republikanische Delegation aus Texas nach Washington reiste, um vor einer drohenden Niederlage Cruz' zu warnen.

Helfen soll nun ausgerechnet Trump persönlich. Er wird im Oktober eine große Wahlkampfshow für Cruz veranstalten, um die republikanische Parteibasis zu motivieren. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn Cruz und Trump können sich nicht ausstehen. Der rechtskonservative Eiferer Cruz hasst den ideologischen Hallodri Trump, dieser wiederum titulierte den Mann aus Texas früher auf Twitter gern als "Lyin' Ted". Dass Cruz nun Trump um Hilfe dabei bitten muss, seinen Posten zu retten, zeigt, wie schwierig die Lage ist.

O'Rourke, der als Schüler Bass in einer Punk-Band spielte, hat sich einen anderen namhaften Unterstützer gesichert. Der legendäre Country-Sänger Willie Nelson wird ein Konzert für ihn geben. Das gefällt nicht allen Fans. Aber in Texas kann man damit eine Wahl gewinnen.

Kampf der Demokraten gegen die Deportationspolizei

Die Einwanderungsbehörde arbeitet nach Meinung vieler Linker in den USA mit unmoralischen Methoden. Trumps Gegner hoffen nun auf Alexandria Ocasio-Cortez, die die US-Vorwahlen aufmischt. Von Alan Cassidy mehr...