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Auschwitz-Gedenken:Es gibt kein Ende der Geschichte und keinen Schlussstrich

Holocaust Gedenktag - Holocaust-Mahnmal Berlin

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin: Von AfD-Politiker Björn Höcke wurde es in einer Rede 2017 als "Denkmal der Schande" bezeichnet.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Die Bundesrepublik hat eine lange Phase erlebt, in der man hoffen durfte, dass die Geister von einst besiegt sein könnten. Ausgerechnet jetzt verbreiten manche wieder Hass.

Kommentar von Stefan Braun

Großes Glück hat Deutschland 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz. Es hat einen Freund an seiner Seite, wie er großartiger kaum sein könnte. Einen Freund, der an das gute Deutschland glaubt. Der in Deutschland einen Partner sieht. Der ein großes Herz hat und ein riesiges Vertrauen in die deutsche Demokratie. Dieser Freund, Israels Staatspräsident Reuven Rivlin, hat das nicht nur mit seiner Teilnahme an der Gedenkstunde im Bundestag gezeigt. Er lebt es vor, er spricht es aus. Was für ein Geschenk. Undenkbar schien dies nach den Gräueltaten der Nazis.

Ob Deutschland dieses Geschenk verdient hat, ist nicht entschieden. Es muss jeden Tag neu bewiesen werden. Wer glaubt, es gäbe im Umgang mit der Geschichte ein Abschlusszeugnis, der täuscht sich. Es gibt kein Ende der Geschichte und keinen Schlussstrich. Es gibt nur die Frage, ob eine Gesellschaft immer wieder neu gewillt ist, aus der Geschichte zu lernen. Ob diese Gesellschaft also weiß, was zu tun ist, wenn hierzulande Juden angegriffen, Minderheiten attackiert, Menschen angefeindet und Gruppen pauschal ausgegrenzt werden.

Gerne würde man sagen können, dass alle in Deutschland es verinnerlicht haben. Und tatsächlich hat es in der Geschichte der Bundesrepublik eine lange Phase gegeben, in der man hoffen durfte, dass die Geister von einst besiegt sein könnten. Angefangen mit dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt Mitte der Sechzigerjahre begann eine Aufarbeitung, die vieles von den nationalsozialistischen Verheerungen offenlegte und das kollektive Erinnern formte. Als der frühere Bundespräsident Horst Köhler in seiner Antrittsrede erklärte, wegen dieser Form der Auseinandersetzung sei er stolz auf Deutschland, hatte das durchaus eine Berechtigung. Es gab und gibt viele im Land, die ehrlich bestrebt sind, der Verantwortung gerecht zu werden.

Und doch: Ausgerechnet jetzt, da Rivlin sich als Freund präsentiert, zeigt sich, dass die einen verführbar bleiben und die anderen wieder Hass verbreiten. Wenn Politiker der AfD die Schreckensherrschaft der Nazis als "Vogelschiss" bezeichnen und Berlins Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" desavouieren, brechen sie mit der Erinnerung und verweigern sich der Verantwortung. Und sie versuchen, Artikel 1 des Grundgesetzes aufzubrechen, das Herzstück der Lehren aus dem Rassenwahn der Nazis.

Mancher hat sich schon daran gewöhnt, dass AfD-Politiker immer wieder diesen Versuch unternehmen. Im Erinnern an Auschwitz aber wird deutlich, dass diese Versuche einen Anschlag auf das Fundament des Gemeinwesens bedeuten. Und es macht sehr konkret, welchen Auftrag Auschwitz vorgibt: sich nicht wegzudrehen, wenn jüdische Schüler bespuckt werden; nicht darauf reinzufallen, wenn Nationalismus und Ausgrenzung als Zukunftsrezepte verkauft werden; nicht mitzumachen, wenn Flüchtlinge mal eben mit Verbrechern und Islamisten gleichgesetzt werden. Es sind diese Stigmatisierungen, mit denen damals alles anfing, und mit denen heute manche ihr neues politisches Süppchen kochen.

Wolfgang Schäuble hat am Mittwoch im Bundestag gesagt, für Deutschlands Demokratie sei die Verantwortung aus der Geschichte "konstitutiv". Und dann fügte er hinzu: "Wer an diesem Fundament wackelt, wird scheitern." Hoffentlich behält Schäuble recht.

© SZ vom 30.01.2020
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