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NS-Verbrechen an Sinti und Roma:"Alle Versuche, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, wurden vereitelt"

Auschwitz-Birkenau vor dem 75. Jahrestag der Befreiung

Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Vor 75 Jahren befreiten Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager. Von Februar 1943 bis August 1944 wurden im Abschnitt B II e tausende Menschen im sogenannte "Zigeunerlager" gequält und getötet.

(Foto: dpa)

Sie wurden erschossen, zu Tode gequält oder vergast. Historikerin Karola Fings über den NS-Völkermord an Sinti und Roma und fortlebenden Rassismus.

Vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Zu den Menschheitsverbrechen der NS-Zeit gehört auch der Völkermord an den Sinti und Roma. Auch sie wurden ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Historikerin Karola Fings forscht zur Geschichte der heute größten ethnischen Minderheit Europas. Im Interview spricht sie über die Gräuel des sogenannten "Zigeunerlagers" von Auschwitz, über die Gründe für die späte Anerkennung des Völkermords und den bis heute tief in der Gesellschaft verwurzelten Rassismus.

SZ: Die Nationalsozialisten verfolgten Sinti und Roma von 1933 an. Wie lautete ihre Begründung?

Karola Fings: Sinti und Roma zählten neben der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus zu den sogenannten "Fremdrassen". Schon früh übten Städte und Polizei Druck auf die Angehörigen der Minderheit aus. Von 1935 an wurden sie in Zwangslager gesteckt, die Berufsausübung wurde ihnen systematisch unmöglich gemacht. Das verschärfte sich immer mehr. Ein wichtiges Fanal für die Verfolgung waren die "Nürnberger Gesetze". In einer Ausführungsanordnung war beschrieben, dass auch Sinti und Roma zu den "Fremdrassen" zu zählen sind. Die Verfolgung steigerte sich bis hin zur sogenannten "Festsetzung" im Oktober 1939. Von da an durften Sinti und Roma nicht mehr den Ort verlassen, in dem sie sich gerade aufhielten. 1940 begannen die Deportationen.

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Im KZ Auschwitz-Birkenau, das vor 75 Jahren befreit wurde, gab es ein sogenanntes "Zigeunerlager". Wie sah der Alltag der Gefangenen dort aus?

Ab Februar 1943 deportierten die NS-Instanzen den überwiegenden Teil der Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich in das Vernichtungslager. Interniert waren sie in einem speziellen Lagerbereich, im Abschnitt "B II e". Dort waren die Familien zusammen - unter entsetzlichen Bedingungen. Es herrschte die KZ-typische Unterversorgung in Bezug auf Essen, Hygiene und medizinische Versorgung. Darüber hinaus hat der Lagerarzt Josef Mengele entsetzliche Menschenversuche, vor allem an Kindern, vorgenommen. Und die SS übte auch in diesem Lagerbereich ihre Gewalt aus. Schon innerhalb der ersten Monate verstarben mehr als die Hälfte der Menschen im Lager.

Von den mehr als 22 000 nach Auschwitz-Birkenau deportierten Sinti und Roma starben etwa 20 000. Anfang August 1944 wurden Tausende bei der sogenannten "Liquidierung" des Lagerbereichs im Gas ermordet.

Über die Zahl der insgesamt beim Porajmos getöteten Sinti und Roma gibt es unterschiedliche Schätzungen.

Insgesamt starben während des Nationalsozialismus und unter deutscher Besatzung schätzungsweise circa 200 000 Sinti und Roma. Die Dunkelziffer ist aber hoch. Seit 1945 kursiert auch eine Zahl von 500 000 Opfern. Sie ist jedoch empirisch nicht belegt. Es ist aber auch ein sehr schwieriges Thema. Die Städte und Länder, aus denen die Menschen deportiert wurden, hat es nach 1945 nicht interessiert, Nachforschungen anzustellen. Die Mehrheit hat die Ermordung der Sinti und Roma nicht als schwerwiegendes Verbrechen wahrgenommen.

Für die heutige Forschung ist es ein Problem, dass nicht genau bekannt ist, wie viele Roma im jeweiligen Land zur Zeit des Überfalls der deutschen Wehrmacht konkret gelebt haben. Zudem sind die Mordaktionen in den besetzten Ländern - vor allem in Osteuropa - anders abgelaufen als im Deutschen Reich: Deportationen mit Listen fanden dort nicht statt. SS- und andere Mordkommandos haben viele Opfer an Ort und Stelle erschossen. Die Dörfer wurden umstellt, die Roma selektiert und vor ausgehobenen Gruben um ihr Leben gebracht. Dabei hat niemand gezählt.

Bundeskanzler Helmut Schmidt hat den Völkermord an den Sinti und Roma erst 1982 anerkannt. Warum kam das Bewusstsein erst so spät auf?

Dr. Karola Fings, Historikerin und Stellvertretende Direktorin vom NS-Dokumentationszentrum Köln. Seit 2019 Mitglied der der Expertenkommission des Bundestags zum Thema Antiziganismus in Deutschland.

Dr. Karola Fings, Historikerin und stellv. Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. Seit 2019 ist sie Mitglied der der Expertenkommission des Bundestags zum Thema Antiziganismus in Deutschland.

(Foto: Manfred Wegener)

Nach 1945 haben diejenigen, die die Verfolgung während der NS-Zeit organisiert haben, weiter beruflich Karriere gemacht. Sie saßen in den Behörden und in der Kriminalpolizei. Im Grunde hat die Gesellschaft an die Verfolgung der Sinti und Roma vor 1933 angeknüpft. Diese hatte eine lange Tradition. Angehörige der Minderheit und Überlebende haben schon früh Beamte und Kripo-Mitarbeiter angezeigt, doch alle Versuche, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, wurden vereitelt. Die Untersuchungen verliefen im Sande, denn auch innerhalb der Justiz gab es eine hohe Kontinuität. Wenn Richter damals geurteilt hätten, dass es eine Rassenverfolgung gab, hätten die Täter mit einer Strafverfolgung rechnen müssen. Diese Anerkennung als Völkermord haben Polizei, Justiz und Politik sehr gekonnt vermieden. Das hat dazu geführt, dass die Gesellschaft den Rassismus gegenüber Sinti und Roma überhaupt nicht in Frage gestellt hat. Dass die Menschen, die das KZ überlebt haben, gar keine oder nur ein sehr geringe Entschädigung bekommen haben. Und dass auch die nachfolgenden Generationen von dieser Verfolgung nach wie vor sehr betroffen sind.

Wie präsent ist der Antiziganismus, der Rassismus Sinti und Roma gegenüber, heute?

Antiziganismus ist leider eine Form von Rassismus, die sehr präsent ist - auch in Deutschland. Es handelt sich hier um eine jahrhundertealte Vorurteilsstruktur - ähnlich dem Antisemitismus. Die Mehrheitsbevölkerung hat eine bestimmte Sicht auf Sinti und Roma und schreibt ihnen bestimmte Eigenschaften zu. Das ist das größte Hindernis dafür, dass diese Menschen ganz normal - wie jeder andere Bundesbürger auch - Zugang zur Gesellschaft und zu Arbeit, Bildung, Wohnen und Gesundheit erhalten.

Wie tritt Antiziganismus zutage?

Antiziganismus sehen wir in den Medien, aber auch in den Arbeitsweisen von Institutionen. In den vergangenen Jahren ereigneten sich immer wieder Skandale. Früher zum Beispiel wurden Sinti-Kinder meist auf Förderschulen geschickt, weil man ihnen im Bildungsbereich nichts zugetraut hat. Die Diskriminierung geht heute bis hin zu gewaltförmigen Übergriffen überall in Europa. Wir brauchen dabei gar nicht nur nach Osteuropa zu schauen, es reicht auch ein Blick nach Deutschland, Frankreich oder Italien. Antiziganismus ist leider ein sehr weit verbreitetes Phänomen und es ist wichtig, auf einer etwas höheren Politikebene gegenzusteuern.

Im vergangenen Jahr hat der Bundestag eine Expertenkommission zum Thema Antiziganismus gegründet, der Sie angehören. Wie kann Politik heute diesem Rassismus entgegenwirken?

Wichtig wäre es, dass sich immer dann, wenn Antiziganismus eine Rolle spielt, tatsächlich auch einmal die Politik zu Wort meldet. Es darf nicht sein, dass nur die Selbstorganisationen von Sinti und Roma darauf hinweisen müssen. Es muss hier zu größeren Bündnissen kommen und es muss eine größere gesamtgesellschaftliche Anstrengung entstehen, dem Antiziganismus entgegenzuwirken.

© SZ.de/jsa/cat
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