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Kinderkrippen vor und nach dem Mauerfall:Vom Schreckensbild zum Zukunftsmodell

Kinderbetreuung DDR

Auch nach der Wende kein Vorbild: DDR-Erziehung für die ganz Kleinen. Im Bild: Erzieherinnen 1985 unterwegs mit Kindern in Gera.

(Foto: Imago Stock&People)

In der Vor-Wende-BRD waren Krippen verpönt. Sie standen für vieles, was an der DDR verdächtig schien: Für die Einmischung des Staates ins Privatleben und frühe Indoktrination. Doch seit dem Mauerfall hat sich das Bild der Kleinkinderbetreuung gewandelt.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an Ursula Lehr? Es war im Frühjahr 1989, der Fall der Mauer nur noch ein paar Monate entfernt, da brachte die gerade erst ins Amt gekommene konservative Familienministerin die Unionsfraktion gegen sich auf. Lehr machte sich dafür stark, dass bereits für Kinder ab zwei Jahren eine öffentliche Kinderbetreuung angeboten werden solle. Unionspolitiker, vor allem aus der CSU, waren empört.

CDU-Mann Jürgen Todenhöfer warf Lehr vor, dem Ansehen der Mütter zu schaden. Das CSU-Blatt Bayernkurier wetterte gegen die "Frühablieferung von Zweijährigen". Alois Glück, CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag sprach von einem "sozialistischen Irrweg". Und auch der bayerische Ministerpräsident Max Streibl (CSU) sah sich an DDR-Verhältnisse erinnert.

Denn außerhäusliche Kleinkinderbetreuung, die damals vor allem in der DDR weit verbreitet war, galt in großen Teilen der alten Bundesrepublik als das Schreckensbild schlechthin. Krippen standen stellvertretend für vieles, was an der sozialistischen "sogenannten DDR" als verdächtig angesehen wurde: für die Einmischung des Staates in das Privatleben und Kollektivismus, für vermeintlich seelenlose Verwahranstalten und frühe Indoktrination mit staatssozialistischem Gedankengut.

Mauerfall 1989

Der Weg zur Wende

Im Westen waren Krippen damals Orte, an denen allenfalls benachteiligte Eltern ihre Kinder ablieferten, wenn finanzielle oder andere Nöte sie dazu zwangen. Gerade einmal zwei Prozent der Kleinkinder wurden vor der Wende in Westdeutschland außerhäuslich betreut (nur in Westberlin waren es deutlich mehr), während in Ostdeutschland Ende der 80er Jahre mehr als 80 Prozent der Ein- bis Dreijährigen eine Krippe besuchten.

Wie anders ist das Bild heute - 25 Jahre nach dem Mauerfall: Inzwischen wird deutschlandweit fast jedes dritte Kind unter drei Jahren außerhäuslich betreut (meist in öffentlichen Einrichtungen, sonst auch bei Tagesmüttern), wie das Statistische Bundesamt zuletzt aufzeigte. Wobei es zwischen Ost und West immer noch einen deutlichen Unterschied gibt.

Blick nach Europa statt in die neuen Bundesländer

Doch nicht nur die Zahlen haben sich gewandelt, verändert hat sich auch der Blick, mit dem große Teile der Gesellschaft und vor allem auch die Politik die Krippenbetreuung betrachten. Sie gilt mittlerweile vielen als Notwendigkeit, oft auch als etwas Wünschenswertes, da Kinder hier frühe Bildungserfahrungen machen können (die manche Eltern, so wird schon vermutet, ihren Kindern quasi mutwillig vorenthalten).

Hat sich also hier schleichend eine Anpassung des Westens an den Osten vollzogen? Haben die Bundesländer der alten BRD sich auf Dauer der Normalität von Krippen in den neuen Bundesländern nicht entziehen können? Wohl eher nicht, urteilen Experten.

"Die Osterfahrung war eher hemmend", sagt Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert. Befeuert durch die unmittelbare Konkurrenzsituation, sei der Blick der Vor-Wende-BRD auf die DDR auch in puncto Krippen extrem negativ gewesen. Und während beispielsweise Österreich sogar pädagogische Konzepte aus der DDR übernommen habe, habe sich die negative Sichtweise der Ost-Krippen auch im wiedervereinigten Deutschland erhalten.

So sieht es auch die Göttinger Soziologin Ilona Ostner. "Die deutsche Politik hätte nie gesagt: Wir machen das jetzt wie in der DDR", sagt sie. Und so waren es vor allem europäische Vorbilder, die in der deutschen Debatte eine Rolle spielten, Schweden, Finnland oder auch das eher verschulte französische Modell, weniger die Kinderbetreuung im Vor-Wende-Ostdeutschland. "Was die Krippen angeht, kam die deutsche Einheit über Schweden zu uns", sagt Soziologin Ostner. Zudem seien es weniger Anpassungsprozesse des Westens an den Osten gewesen, als vielmehr "Modernisierungsprozesse".