Süddeutsche Zeitung

Kinderkrippen vor und nach dem Mauerfall:Vom Schreckensbild zum Zukunftsmodell

In der Vor-Wende-BRD waren Krippen verpönt. Sie standen für vieles, was an der DDR verdächtig schien: Für die Einmischung des Staates ins Privatleben und frühe Indoktrination. Doch seit dem Mauerfall hat sich das Bild der Kleinkinderbetreuung gewandelt.

Von Barbara Galaktionow

Erinnert sich eigentlich noch jemand an Ursula Lehr? Es war im Frühjahr 1989, der Fall der Mauer nur noch ein paar Monate entfernt, da brachte die gerade erst ins Amt gekommene konservative Familienministerin die Unionsfraktion gegen sich auf. Lehr machte sich dafür stark, dass bereits für Kinder ab zwei Jahren eine öffentliche Kinderbetreuung angeboten werden solle. Unionspolitiker, vor allem aus der CSU, waren empört.

CDU-Mann Jürgen Todenhöfer warf Lehr vor, dem Ansehen der Mütter zu schaden. Das CSU-Blatt Bayernkurier wetterte gegen die "Frühablieferung von Zweijährigen". Alois Glück, CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag sprach von einem "sozialistischen Irrweg". Und auch der bayerische Ministerpräsident Max Streibl (CSU) sah sich an DDR-Verhältnisse erinnert.

Denn außerhäusliche Kleinkinderbetreuung, die damals vor allem in der DDR weit verbreitet war, galt in großen Teilen der alten Bundesrepublik als das Schreckensbild schlechthin. Krippen standen stellvertretend für vieles, was an der sozialistischen "sogenannten DDR" als verdächtig angesehen wurde: für die Einmischung des Staates in das Privatleben und Kollektivismus, für vermeintlich seelenlose Verwahranstalten und frühe Indoktrination mit staatssozialistischem Gedankengut.

Im Westen waren Krippen damals Orte, an denen allenfalls benachteiligte Eltern ihre Kinder ablieferten, wenn finanzielle oder andere Nöte sie dazu zwangen. Gerade einmal zwei Prozent der Kleinkinder wurden vor der Wende in Westdeutschland außerhäuslich betreut (nur in Westberlin waren es deutlich mehr), während in Ostdeutschland Ende der 80er Jahre mehr als 80 Prozent der Ein- bis Dreijährigen eine Krippe besuchten.

Wie anders ist das Bild heute - 25 Jahre nach dem Mauerfall: Inzwischen wird deutschlandweit fast jedes dritte Kind unter drei Jahren außerhäuslich betreut (meist in öffentlichen Einrichtungen, sonst auch bei Tagesmüttern), wie das Statistische Bundesamt zuletzt aufzeigte. Wobei es zwischen Ost und West immer noch einen deutlichen Unterschied gibt.

Blick nach Europa statt in die neuen Bundesländer

Doch nicht nur die Zahlen haben sich gewandelt, verändert hat sich auch der Blick, mit dem große Teile der Gesellschaft und vor allem auch die Politik die Krippenbetreuung betrachten. Sie gilt mittlerweile vielen als Notwendigkeit, oft auch als etwas Wünschenswertes, da Kinder hier frühe Bildungserfahrungen machen können (die manche Eltern, so wird schon vermutet, ihren Kindern quasi mutwillig vorenthalten).

Hat sich also hier schleichend eine Anpassung des Westens an den Osten vollzogen? Haben die Bundesländer der alten BRD sich auf Dauer der Normalität von Krippen in den neuen Bundesländern nicht entziehen können? Wohl eher nicht, urteilen Experten.

"Die Osterfahrung war eher hemmend", sagt Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert. Befeuert durch die unmittelbare Konkurrenzsituation, sei der Blick der Vor-Wende-BRD auf die DDR auch in puncto Krippen extrem negativ gewesen. Und während beispielsweise Österreich sogar pädagogische Konzepte aus der DDR übernommen habe, habe sich die negative Sichtweise der Ost-Krippen auch im wiedervereinigten Deutschland erhalten.

So sieht es auch die Göttinger Soziologin Ilona Ostner. "Die deutsche Politik hätte nie gesagt: Wir machen das jetzt wie in der DDR", sagt sie. Und so waren es vor allem europäische Vorbilder, die in der deutschen Debatte eine Rolle spielten, Schweden, Finnland oder auch das eher verschulte französische Modell, weniger die Kinderbetreuung im Vor-Wende-Ostdeutschland. "Was die Krippen angeht, kam die deutsche Einheit über Schweden zu uns", sagt Soziologin Ostner. Zudem seien es weniger Anpassungsprozesse des Westens an den Osten gewesen, als vielmehr "Modernisierungsprozesse".

Krippenpädagogik: Vom Gruppenzwang zur Individualisierung

Die Organisation für Wirtschaft und Zusammenarbeit in Europa (OECD) verlangte seit Mitte der 90er Jahre eine bessere Nutzung des "Humankapitals" in den alternden westlichen Gesellschaften. Das sorgte dafür, dass von Feministinnen schon lang erhobene Forderungen nach besseren beruflichen Chancen für Frauen, nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nun auch in konservativen Kreisen Gehör fanden, wenn auch unter neuen Vorzeichen. (Mehr zum Wandel in der Familienpolitik hier).

Auch Kinder wurden plötzlich als "Ressource für den Arbeitsmarkt" gesehen, wie Ostner sagt. Und in der Forschung wurde immer deutlicher, welchen Wert bereits frühkindliche Bildung hat: "Früherfahrungen haben eine Nachhaltigkeit, sie bahnen im Gehirn den Weg des Lernens", sagt Entwicklungspsychologin Ahnert. Gezielte frühe Nachwuchsförderung wurde so zumindest auch in wirtschaftsfreundlichen konservativen Kreisen zum Thema.

Was zu Wendezeiten absolut undenkbar war, schrieb sich die konservative Regierung etwa eineinhalb Jahrzehnte später auf die Fahnen: Ursula von der Leyen (CDU) machte Druck in Sachen Krippenausbau - und verankerte das Recht auf einen Betreuungsplatz für Ein- bis Dreijährige sogar gesetzlich.

Doch hat sich seit dem Zusammenbruch der DDR in der Kinderbetreuung auch einiges gewandelt. Das liegt natürlich am veränderten Gesellschaftssystem. "Das Ziel der DDR-Pädagogik war, die Kinder auf ihre Rolle in der sozialistischen Gesellschaft vorzubereiten; weniger, ihre aktuellen Entwicklungsbedürfnisse zu befriedigen", sagt Lieselotte Ahnert, die heute an der Uni Wien Professorin für Entwicklungspsychologie ist, ihre Laufbahn als Wissenschaftlerin aber noch in der DDR begann. Entsprechend sei in der DDR "die Individualität der Kinder nicht in den Mittelpunkt gestellt (worden), sondern die Gruppe".

Den Erzieherinnen wurde zudem ein besonders hohes Maß an professioneller Kompetenz zugebilligt. "Es wurde das Bild vermittelt, Erzieherinnen wissen, was das Kind braucht, während das, was die Eltern zu Hause mit ihren Kindern machen, möglicherweise Blödsinn ist", beschreibt es Ahnert.

In Slogans wie "Ich betreue dein Kind, wie ich mein eigenes betreuen würde", wurde zugleich die Familienähnlichkeit der Einrichtungen betont - eine völlig unzutreffende Sichtweise, wie die Forschung inzwischen weiß. "Heute ist klar: Erzieherinnen sind kein Mutterersatz, Kinderbetreuungssysteme können nicht familienähnlich sein. Aber sie können kindorientiert und familienfreundlich sein", sagt Betreuungs-Expertin Ahnert.

Von Bindungsprozessen wenig Ahnung

Das waren DDR-Krippen nicht unbedingt. Zum Symbol für einen rigide durchstrukturierten, nicht kindgemäßen Alltag ist der in der Ost-Pädagogik vorgesehene gemeinsame Töpfchengang aller Kinder geworden. Doch es geht um mehr. Die Betreuung in Krippen und Kindergärten zielte auf das Erlernen von Tagesabläufen und kognitive Stimulierung. Doch eine zentrale Voraussetzung fehlte: "Den Pädagogen war nicht bewusst, dass ein Kind eine emotional sichere Basis für diese Dinge braucht, dass es einen Anpassungsprozess braucht", sagt Ahnert.

Trifft das Klischeebild des unmenschlichen DDR-Krippensystems also zu? Vielleicht zum Teil, wenn sich auch die tatsächliche Lebenswirklichkeit bisweilen von den am Reißbrett entworfenen Vorstellungen der Staatsmacht unterschieden haben soll. Gerade besonders kleine Kinder wurden beispielsweise später gebracht oder früher geholt. Junge Mütter beendeten ihre Arbeit früher oder Omas sprangen ein, berichtet Ahnert. "Es menschelte."

Hinzu kommt: Auch in der alten BRD wussten Krippen- oder Kindergarten-Erzieherinnen noch so gut wie nichts über die Bedeutung von Bindungsprozessen für die Stressverarbeitung, stellt Ahnert fest. Sensibilität in der Frühpädagogik, die habe es weder im Osten noch im Westen gegeben.

Das ist heute anders: Innerhalb der vergangenen 15 bis 20 Jahre ist in der Pädagogik die Sensibilität für die Bedürfnisse der Kinder und für ihre Individualität stark gewachsen. Es gibt Eingewöhnungsphasen, in denen die Kinder mit ihren Betreuern vertraut werden können. Zwischen Eltern und Einrichtung herrscht oft ein reger Austausch.

Trotzdem läuft es auch in der heutigen Kleinkinderbetreuung keineswegs zum Besten. Denn beim forcierten Krippenausbau der vergangenen Jahre wurde zwar die Zahl der Plätze deutlich vermehrt, die Qualität der Einrichtungen blieb dabei aber oft auf der Strecke. Pädagogen und Entwicklungspsychologen seien sich einig, dass man kleinen Kindern Krippen dieser Qualität nicht zumuten dürfe, sagt Soziologie-Professorin Ostner.

Das zentrale Problem ist der Mangel an qualifiziertem Personal (hier mehr dazu) Denn wo Erzieher fehlen, kann auch das beste pädagogische Programm nicht greifen.

Rein weltanschaulich betrachtet scheinen sich die Krippengegner auf dem Rückzug zu befinden. Der von der CSU geführte Kampf um das Betreuungsgeld ließ zwar durchaus deutlich werden, dass die außerhäusliche Kleinkinderbetreuung auch heute noch nicht jedermanns Sache ist.

In der Zukunft wird aber wohl eher die Frage eine Rolle spielen, inwiefern Eltern und Kinder innerhalb einer immer flexibler werdenden Arbeitswelt genötigt werden, ihre Betreuung daran anzupassen, beispielsweise durch die Nutzung von Abend- oder gar Über-Nacht-Einrichtungen. Unter "Sozialismus-Verdacht" gerät 25 Jahre nach dem Mauerfall jedenfalls keiner mehr, der für den weiteren Krippenausbau plädiert.

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