Nordkorea:Mit Kommunismus aus der Krise

Kim Jong-un, Nordkorea

Nordkoreas Wirtschaft liegt in fast allen Bereichen "hinter den gesetzten Zielen zurück" - besonders problematisch ist das in der Nahrungsmittelproduktion. Kim Jong-un, hier bei der Inspektion eines Agrarbetriebs im Jahr 2018, muss gegen eine Hungersnot kämpfen.

(Foto: KCNA VIA KNS/AFP)

Diktator Kim Jong-un will weniger Kult um seine Ahnen betreiben. Das soll den wichtigsten Verbündeten China milde stimmen und dem abgeschotteten Land helfen, den Hunger zu überwinden.

Von Thomas Hahn, Tokio

Neulich tagte Nordkoreas Frauen-Bund in Pjöngjang. Staatschef Kim Jong-un schickte ein Grußwort, das allerdings keine gewöhnliche Höflichkeitsadresse war. Sondern eine detailreiche Anleitung zum Frausein im Kampf gegen die Widrigkeiten der Gegenwart. "Heute, da alles mühsam und schwierig ist, sollten sich alle Menschen umso standhafter hinter der Partei versammeln", schrieb Kim Jong-un - also auch die Frauen, "die die Hälfte der Bevölkerung unseres Landes ausmachen".

Laut Kim sollen Frauen deshalb: hingebungsvolle Schwiegertöchter und Mütter sein, ihre Kinder nach Staatsdoktrin erziehen, täglich Staatsmedien wie das Arbeiterpartei-Organ Rodong Sinmun lesen, traditionelle koreanische Kleider tragen, revolutionäre Lieder singen, sich an der Zucht von Hasen zur Fleischproduktion beteiligen. Und so weiter.

Den Brief kann man auch als ein Manifest des Kim'schen Krisenmanagements lesen, das in der Pandemie auf eine besondere Probe gestellt wird. Kim Jong-un selbst hat in den vergangenen Monaten immer wieder auf die schlechte Lage der Nation hingewiesen. Den Kongress der Arbeiterpartei PdAK im Januar leitete er mit dem Zugeständnis ein, dass in der Wirtschaft "fast alle Bereiche hinter den gesetzten Zielen zurückliegen".

Im April sprach er von einem "mühevollen Marsch", eine Anspielung auf die schlimme Hungersnot, die Nordkorea in den Neunzigerjahren belastete, nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen war, Pjöngjangs große Unterstützerin. Und erst kürzlich räumte Kim ein, dass nach den Ernteausfällen durch Unwetter die Lebensmittelversorgung "angespannt" sei.

Sanktionen und Corona verschärfen die Lage

Internationale Beobachter sagen, diese Krise habe nicht nur mit den verheerenden Stürmen 2020 zu tun, sondern auch mit den Sanktionen der Vereinten Nationen gegen die abgeschlossene, mit Atomwaffen ausgestattete Parteidiktatur. Und mit der nationalen Anti-Corona-Politik: Nordkorea schottet sich in der Pandemie fast vollständig ab und nimmt deshalb gerade auch keine Unterstützung von internationalen Hilfsorganisationen oder der Regierung Südkoreas an.

Aber Kim Jong-un würde nicht von der Krise sprechen, wenn er nicht den Menschen im Land zeigen wollte, wie umsichtig er die Probleme angeht. Er schwört sie auf ein Martyrium ein, an dem die Partei arbeitet. Reformen des neuen Fünfjahresplans zeitigen angeblich erste Erfolge.

Zuletzt gab es eine Vollversammlung des PdAK-Zentralkomitees, bei der die Partei zeigte: Die tut was. Das Regime braucht Argumente für die Disziplin der Leute, gerade in der Pandemie, denn andere Lösungen als Abschottung und Lockdowns hat es nicht. Die Krankenhäuser sind schlecht ausgestattet. Von Impfstoffen redet Kim Jong-un erst gar nicht.

Im Rahmen der Staatspropaganda war deshalb wohl auch der Brief an den Frauen-Bund wichtig, den Rodong Sinmun komplett veröffentlichte. Kim Jong-un lobte, er schmeichelte sogar ("Unsere Frauen, die die schönsten der Welt sind ..."), ehe er die Frauenbewegung als Programm für Familie und männerdominiertes Gemeinwesen beschrieb. In der Not sollen die Frauen als selbstlose Stützen der Gesellschaft funktionieren.

Nordkorea: Kim Jong-un bei der dritten Vollversammlung des achten Zentralkomitees: Die Partei will dem Volk demonstrieren, dass sie etwas gegen die Misere unternimmt.

Kim Jong-un bei der dritten Vollversammlung des achten Zentralkomitees: Die Partei will dem Volk demonstrieren, dass sie etwas gegen die Misere unternimmt.

(Foto: AFP)

Nicht zu Kims Krisenmanagement gehört dagegen mehr Milde im Umgang mit den USA. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden hat sich darauf festgelegt, dem diplomatischen Austausch mit Pjöngjang eine Chance zu geben. Aber Nordkoreas Misstrauen ist groß. Auf der jüngsten Zentralkomitee-Versammlung sagte Kim, man müsse sich "sowohl auf Dialog als auch auf Konfrontation vorbereiten".

US-Sicherheitsberater Jake Sullivan deutete das als "interessantes Zeichen". Und kassierte prompt eine Abfuhr von Kim Jong-uns Schwester und Propagandabeauftragten Kim Yo-jong: Die USA hätten "falsche Erwartungen". Nordkoreas Außenminister Ri Son-gwon ergänzte: "Wir denken nicht einmal über die Möglichkeit irgendeines Kontakts zu den USA nach."

Aber dass auch Nordkorea nicht ganz ohne Partner auskommt, weiß Kim Jong-un natürlich, und er tut auch etwas dafür. In dem Portal NK News stellt der Nordkorea-Fachmann Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul nachhaltige Veränderungen in der Politik des Kim-Regimes fest, die vor allem China gefallen müssten. China ist der einzige große Helfer, den Kim Jong-un gerade akzeptiert, und wahrscheinlich der Grund dafür, dass Nordkorea keine so schlimme Hungersnot wie in den Neunzigerjahren erlebt.

Peking hält wenig von der Juche-Ideologie

Die PdAK hat 2021 ihre Partei-Charta umgeschrieben, die neue liegt den NK News vor. Als "gravierendste Korrektur" deutet Lankov den Umstand, dass es neuerdings die Position eines "Ersten Sekretärs" gibt, also einer offiziellen Nummer zwei hinter Kim Jong-un, die sofort nachrücken könnte, wenn Kim etwas passiert.

Aber die Partei hat auch ihre Grundsätze überarbeitet. In den neuen Statuten steht zwar weiterhin, dass der Kimilsungismus-Kimjongilismus die Staatsideologie bleibe, also jene pseudoreligiöse, koreanisch-nationalistische Sozialismus-Ableitung, die aus der Juche-Ideologie des Staatsgründers Kim Il-sung hervorgegangen ist. Aber der Personenkult um Kim Jong-uns Vorgänger Kim Il-sung und Kim Jong-il ist laut Lankov in den Regeltexten jetzt weniger ausgeprägt.

Und statt der Wiedervereinigung mit Südkorea ist neuerdings der "allgemeine Wohlstand der gesamten Nation" das Ziel. Lankov sieht eine "gemäßigte Wiederbelebung des Kommunismus" und nennt als möglichen Grund dafür: "Pjöngjangs Bedarf, die Beziehungen zu China zu verbessern." In China hat man von der Juche-Ideologie nie viel gehalten.

Nordkoreas Krise mit mehr Freiheit für die Menschen im Land zu begegnen, kommt für Kim Jong-un nicht infrage, natürlich nicht. Die Macht seines Regimes zu schützen, ist letztlich der Kern seiner Politik. Die Menschen müssen dafür leiden - und die Frauen dabei gute Laune verbreiten. In seinem Brief an den Frauen-Bund schreibt Kim Jong-un von seiner Erwartung, "dass die ganze Gesellschaft durch das fröhliche Lachen und die heitere und optimistische Lebensweise unserer Frauen vor Kraft und Optimismus strotzt".

© SZ/pkr
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Man muss direkt an die Grenze fahren, um wenigstens zu ahnen, wie es den 25 Millionen Nordkoreanern in der Pandemie geht. Bestens, sagt die Propaganda. Aber der sollte man ohnehin nicht glauben.

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